Gegen den Rechtsruck: „Viele sind emotional im Kampfmodus – im Gegensatz dazu handeln nicht“

Nicht nur Deutschland befindet sich im Krisenmodus: Steigende Lebenshaltungskosten, Kriegsfolgen, die eskalierende Klimakrise und eine zunehmende Radikalisierung prägen vielerorts den Alltag. Viele reagieren mit Wut, andere erstarren oder ziehen sich zurück. Das Gefühl von Ohnmacht hat sich tief in die Gesellschaft eingeschrieben – als kollektive Erfahrung, dass das eigene Handeln kaum noch etwas bewirkt.

Der thüringische Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent hat jüngst das Buch „Keine Macht der Ohnmacht!“ veröffentlicht, in dem er die zugrundeliegenden Dynamiken genauer untersucht. Er nimmt die lähmende Stimmung ernst und analysiert, wie verschieden Menschen auf die Krisen reagieren. Mit dem Freitag sprach er auf der Leipziger Buchmesse über Wege, aus der Ohnmacht wieder herauszukommen.

Herr Quent, was erleben wir gerade in Deutschland und weltweit – eine typische Krise oder etwas Grundsätzlicheres?

Matthias Quent: Wir haben eine paradoxe Situation: Ob Faschisierung oder Klimakrise – ein großer Teil der Bevölkerung ist unzufrieden mit der Richtung, in die sich alles entwickelt. Viele Menschen fühlen sich verunsichert, teilweise regelrecht eingeschüchtert, wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Und diese Verunsicherung greift auf Institutionen über. Aus Angst vor einem weiteren Rechtsruck oder einer Machtübernahme durch die AfD kommt es zu vorauseilender Anpassung, zu Selbstzensur, zu Einschränkungen. Das führt insgesamt zu kollektiver Handlungsunfähigkeit – zu einem Gefühl von Ohnmacht.

Eine Ohnmacht, von der rechte Kräfte profitieren …

Es gewinnen gerade diejenigen Kräfte an Attraktivität, die versprechen, diese Ohnmacht zu durchbrechen. Etwa, indem sie sagen: Klimawandel gibt es gar nicht, internationale Zusammenarbeit ist überflüssig – weg mit allem, was unsere Handlungsfreiheit einschränkt. Diese autoritäre, faschistische „Tatpolitik“ wirkt für viele befreiend. Dagegen kommt man nicht mit einzelnen politischen Maßnahmen an – das zu glauben, wäre naiv. Faschismus ist nach Karl Löwenstein im Kern eine Technik der politischen Emotionalisierung. Und sie entfaltet ihre Wirkung gerade in der gegenwärtigen Polykrise.

Dagegen kommt man nicht mit einzelnen politischen Maßnahmen an – das zu glauben, wäre naiv

Sie haben für Ihr Buch eine Studie gemacht, in der Sie untersuchen, wie Menschen auf diese Krisensituation reagieren. Dabei haben Sie verschiedene Gruppen identifiziert – welche sind das?

Wir wollten nicht entlang klassischer politischer Kategorien wie „links“ oder „rechts“ vorgehen, sondern entlang der emotionalen Verarbeitung von Belastung und Stress. Dafür haben wir uns bei der Psychologie bedient, insbesondere bei der Stress- und Traumaforschung. Dort finden sich die bekannten Reaktionsmuster auf Bedrohung: Kampf, Flucht, Anpassung und Erstarrung. Diese Muster lassen sich auch gesellschaftlich beobachten.

Können Sie das näher beschreiben?

Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Es gibt extreme Beispiele – etwa wohlhabende Leute in den USA, die tatsächlich versuchen, politische Entwicklungen buchstäblich „auszusitzen“, indem sie sich auf ihre Villa auf dem Land zurückziehen. Aber im Alltag zeigt sich das viel unspektakulärer: Menschen ziehen sich aus Diskussionen zurück, vermeiden Konflikte, wechseln ihr Umfeld – ziehen etwa in Städte oder Milieus, in denen sie sich sicherer fühlen. Dann gibt es neben Erstarrung und Anpassung aber auch die Kampf-Reaktionalso Menschen, die sich engagieren, diskutieren, aktiv werden. Das ist eine klare Minderheit, etwa 15 bis 20 Prozent. Interessant ist aber: Emotional sind deutlich mehr Menschen im „Kampfmodus“. Wenn man sie fragt, sagen jedoch viele: „Ich kann gar nichts machen“.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Biografie?

Nehmen wir mal als Beispiel Gisela. Gisela ist 69 Jahre alt und hat lange als Buchhändlerin gearbeitet, bis der Laden schließen musste. Seitdem verbringt sie viel Zeit zu Hause. Finanziell kommt sie einigermaßen zurecht. Sie informiert sich über klassische Medien, aber in letzter Zeit ist sie immer öfter empört: über den Aufstieg der AfD, und darüber, dass die Politik nicht genug dagegen unternimmt. Selbst war sie jedoch nie in einer Partei, Demonstrationen erscheinen ihr zu konfrontativ, auf Social Media ist sie nicht aktiv. Sie hat eine klare Meinung – aber kein Forum dafür. So wie Gisela geht es etwa zehn Prozent der Bevölkerung.

Hat nicht auch die Politik der letzten Bundesregierungen eine Mitverantwortung, dass Menschen wie Gisela sich ohnmächtig fühlen?

Ein Beispiel: Nach der Bundestagswahl hat noch der alte Bundestag über ein großes Verschuldungspaket und eine Grundgesetzänderung abgestimmt. Ich will das inhaltlich gar nicht bewerten – aber das Signal war problematisch: Im Grunde ist es egal, was gewählt wird. Wenn sich Menschen da „verarscht“ fühlen, ist das nachvollziehbar. Ich will daraus aber keine einfache Politikschelte machen. Dahinter liegt noch ein tieferes, strukturelles Problem – die Globalisierung der Märkte hat real dazu geführt, dass nationale demokratische Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten abnehmen. Politik gerät in eine Situation wachsender Komplexität, in der sie immer weniger gestalten kann. Darauf gibt es bislang keine überzeugende Antwort. Stattdessen erleben wir oft, dass für die negativen Folgen Sündenböcke gesucht werden.

Warum gelingt es gerade der extremen Rechten, mit dem Markieren von Sündenböcken Erfolge zu feiern?

Erstens, weil sie sehr gut darin sind, ihre Botschaften ständig zu wiederholen – einfache Botschaften, die dadurch eine gewisse Glaubwürdigkeit gewinnen. Zweitens, weil die Frustration gegenüber anderen politischen Kräften, vor allem gegenüber den Parteien der Mitte, so groß ist, dass diese Frustration relativ leicht aufgegriffen und kanalisiert werden kann. Und drittens, weil diese Form der emotionalen Ansprache gewissermaßen in der DNA des Faschismus liegt. Es ist für demokratische Parteien dagegen schwierig, Emotionen anzusprechen, ohne dabei unglaubwürdig oder überzogen zu wirken.

Es ist für demokratische Parteien schwierig, Emotionen anzusprechen, ohne dabei unglaubwürdig oder überzogen zu wirken

Gibt es positive Beispiele, wo das gelingt?

In der Kultur etwa: Eine Band wie Feine Sahne Fischfilet schafft mit ihren Konzerten und dem erzeugten Gefühl von Gemeinschaft wahrscheinlich mehr demokratische Bindung als manche Behördenprogramme. Auch soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Initiativen können positive Emotionen erzeugen. Historisch war genau das eine Stärke der Arbeiterbewegung und der Frauenbewegung. Es ist möglich, hier wieder stärker anzusetzen: bei dem alltäglichen Bedürfnis nach Ausdruck, nach Widerstand, nach Mut – auch, wenn das manchem Politiker nicht gefällt.

Feine Sahne Fischfilet kommen aus Mecklenburg-Vorpommern – in manchen Regionen Ostdeutschlands steht die AfD aktuell bei 40 Prozent in Wahlumfragen. Wie greift die extreme Rechte hier Ohnmachtserfahrungen auf?

Slogans der extremen Rechten wie „Vollende die Wende“ knüpfen direkt an die Erfahrungen von 1989 an – also an einen historischen Moment, in dem Menschen tatsächlich erlebt haben, etwas verändern zu können. Diese Erfahrung – wie auch die teilweise reale Benachteiligung von Ostdeutschen – wird heute aber politisch umgedeutet. Wir dürfen das zugleich nicht als rein ostdeutsches Problem verstehen. Auch in Westdeutschland sehen wir, dass sich die Wahlergebnisse der AfD teilweise innerhalb weniger Jahre verdoppeln.

Genauso in anderen Ländern: Politiker wie Donald Trump vermitteln: „Vielleicht bist du im Alltag machtlos, du kannst dir vieles nicht mehr leisten, hast wenig Einfluss. Aber du bist Teil einer starken Bewegung, die sich durchsetzt.“ Diese Form von stellvertretender, autoritärer Ermächtigung ist sehr attraktiv. Und sie funktioniert auch deshalb so gut, weil viele Menschen das Gefühl haben, an grundlegenden Strukturen – etwa am Wirtschaftssystem – ohnehin nichts ändern zu können.

Wo müssten politische Antworten im Kleinen beginnen?

Eine der zentralen Erkenntnisse aus der empirischen Arbeit: Mit dem akademischen Duktus, in dem wir hier sprechen, werden wir die meisten Menschen nicht erreichen. Auch nicht mit Reden vom Bundespräsidenten oder besonders kämpferischen Aufrufen. Stattdessen müssen wir schauen, wie wir Menschen in ihrem Alltag mit niedrigschwelligen Angeboten abholen. Nehmen wir das Beispiel der 69-jährigen Gisela. Sie trifft in meinem Buch zufällig eine andere Frau auf einer sogenannten Plauderbank – Orte, die in manchen Städten eingerichtet werden, damit Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen. Sie essen zusammen, die andere Frau engagiert sich bei „Omas gegen Rechts“. Über diese persönliche Begegnung fühlt sich Gisela zum ersten Mal wieder gehört und ernst genommen.

Über diese persönliche Begegnung fühlt sich Gisela zum ersten Mal wieder gehört und ernst genommen

Daraus entsteht langsam Engagement: Sie beteiligt sich – etwa, indem sie Kuchen backt. Und irgendwann geht sie zu den Treffen und sagt: „Ich fühle mich besser, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin.“ Das ist natürlich nur eine beispielhafte Geschichte, aber sie zeigt etwas Grundsätzliches: Menschen, die Selbstwirksamkeit erfahren, kommen besser durch Krisen. Sie sind zufriedener und auch demokratisch orientierter. Es braucht oft erste kleine Schritte, um sich von dem Gefühl der Fremdbestimmung zu lösen.

Die CDU stellt Anfragen zu NGOs, in Kommunen werden Initiativen die Fördergelder gestrichen. Wie sehr kann man sich bei seinem Engagement noch auf staatliche Stellen verlassen?

Es wäre naiv zu glauben, dass es in Deutschland in den nächsten Jahren keine rechtsextremen Regierungen geben wird. Auf Landesebene könnte das schon sehr bald passieren – vielleicht in den nächsten ein, zwei Jahren. Darauf muss man sich vorbereiten. Das heißt konkret: Zivilgesellschaft und demokratische Initiativen sollten ihre Strategien so ausrichten, dass sie auch unter verschärften Bedingungen handlungsfähig bleiben. Zum Beispiel durch den Aufbau und die Unterstützung von Rechtshilfestrukturen – also Organisationen, die Menschen unterstützen, wenn sie politisch unter Druck geraten, und die auch juristisch gegen verfassungswidrige Gesetze vorgehen können.

Oder indem man Ressourcen anders einsetzt: Statt große Summen in kurzfristige Wahlkampagnen zu stecken, könnte man viel stärker in dauerhafte lokale Strukturen investieren – etwa in Projekte in ostdeutschen Mittel- und Kleinstädten. Solche Strukturen können dadurch auch dann weiterbestehen, wenn staatliche Förderungen wegfallen oder gekürzt werden. Und das ist der entscheidende Punkt: Auf staatliche Unterstützung allein kann man sich nicht mehr verlassen. Nicht nur in einem möglichen Szenario jenseits der „Brandmauer“ – sondern auch schon jetzt.