„Tatort“ aus Köln: Der Star jener Kinderserie ist in Wahrheit ein Ekel

Einmal hinter die Kulissen seiner liebsten Fernsehsendung schauen, das hat sich Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) schon immer gewünscht. Zusammen mit seiner Enkelin hat er keine Sendung der legendären Kinderserie „Sachen und Lachen“ verpasst. In der erklärt Franz Anders in verschiedenen Rollen seinen jungen Zuschauern die Welt, sei es die Demokratie oder die Bienenvölker. Doch nun zieht es Schenk und seinen Kollegen Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) aus beruflichen Gründen ins Fernsehstudio: Der Kameramann der Serie ist ermordet worden.

Schenks Vorstellung von der heilen Kindersendungswelt ist schnell entzaubert: Frank Anders ist in Wahrheit ganz anders als das Gesicht der Sendung, das Schenk kennt. Der Komiker Max Giermann spielt den zwielichtigen Fernsehhelden, der in Sekundenschnelle zwischen zwei Gemütern wechselt. Kamera an: der heitere Kinderstar mit weit aufgerissenen Augen, überdrehter Stimme und bunten Kostümen. Kamera aus: der cholerische Narzisst, koffeinsüchtig, leicht reizbar und für die Arbeit mit Kindern ungeeignet. Beide Versionen spielt Giermann konsequent übersteigert, er springt von einem Extrem ins andere. Wollte Schenk zunächst noch ein Selfie und ein Kuscheltier bei dem Star abstauben, flachen seine Schwärmereien („Wir sind Riesenfans“) bald ab.

An Verdächtigen herrscht kein Mangel

Anders hat sich schon mit allen am Set gezofft: Urheberrechtsstreit mit dem Maskottchen der Serie (dem Tapir Tassilo), Gehaltsverhandlungen mit dem spielsüchtigen Kameramann Stefan Glück, Ehekonflikte mit der Gattin Caro (Silvina Buchbauer). Sie gerät bald in Verdacht. Sie steht mit ihrem Mann vor der Kamera, produziert die Kindershow, ohne sie würde „Sachen und Lachen“ nicht so gut laufen, doch profitiert sie wenig davon. Lug und Trug und Schauspiel beherrscht sie ebenso gut wie ihr Mann.

Dann wäre da noch die junge Regisseurin Natalie, die erst seit kurzer Zeit dabei ist und ungern die Dreharbeiten unterbricht. Und die freundliche Marie, eine Praktikantin mit außergewöhnlich viel Verantwortung. Der sensible Yassin Meret (Erkan Acar)) spielt seine Rolle als Tapir indes schon so lange, dass er mit ihr verwachsen ist. Als die Kommissare Federn seines Kostüms neben dem ausgebrannten Auto des Kameramanns finden, ergreift er die Flucht. „Also hier hat ja wirklich jeder ein Motiv zum Morden“, lautet Freddy Schenks Zwischenfazit.

Willkommen in einer anderen Welt: Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) suchen nach dem Set der Kindershow „Sachen und Lachen“.  WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke
Willkommen in einer anderen Welt: Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, links) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) suchen nach dem Set der Kindershow „Sachen und Lachen“.  WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke

Das Studio sorgt wohl bei Zuschauern für einen nostalgischen Moment wie für den Kommissar, weil es an beliebte Kinderserien, etwa „Halli Galli“ oder „Wissen macht Ah“, erinnert. Die Kamera betont das Künstliche der TV-Branche: Die stilisierte Fernsehkulisse erstrahlt in warmen, übersättigten Farben, das kaltnass-graue Köln ist die Realität der Kommissare. Mit einem ähnlichen Kontrast arbeiten die eingeschobenen Rückblenden, die überbelichtete Szenen zeigen und für angemessene Verwirrung sorgen. Schenks Kommentar, dass man viel mehr pädagogisch wertvolle Serien wie „Sachen und Lachen“ als „diese ewigen Krimis“ brauchte, scheint im Laufe der Handlung immer fragwürdiger.

Das ist ein gelungenes „Tatort“-Debüt der Regisseurin Isabell Šuba nach einem Drehbuch von Arne Nolting und Jan Martin Scharf. Nur mit dem Dauereinsatz des geteilten Bildschirms übertreibt sie es. Der sorgt zur flotten Musik von Olaf Didolff zunächst für Dynamik, stiftet oft aber keinen Sinn und stört (etwa wenn Schenk und Ballauf im Auto sitzen). Das trübt den positiven Gesamteindruck nur minimal.

Der Tatort: Showtime läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Source: faz.net