Jüdische Künstlerinnen: Gesichter denn Gerechtigkeit
Am Beginn stand ein Ausstellungsbesuch. Im Jüdischen Museum Wien wurde „Die bessere Hälfte“ gezeigt, eine Dokumentation der Leistungen jüdischer Künstlerinnen vor 1938. Manya Gutman, aus München angereist und selbst jüdische Malerin, war verblüfft: Die wenigsten dieser Frauen waren ihr bekannt. Das war 2017.

Von da an ging Gutman jüdischen Künstlerinnenbiographien aus jener Epoche nach, die sie „Zeitalter der Extreme“ nennt, der Zeitspanne seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bis 1945. Wer darin geboren wurde, hatte es als Künstlerin schwer – und als Jüdin noch unendlich schwerer. Aber Gutman beließ es nicht beim Recherchieren: Sie machte ein Kunstprojekt daraus, denn zu jedem Lebenslauf fertigte sie ein Porträt der betreffenden Person an.
Jeweils als Blei- und Farbstiftzeichnung, anfangs noch im festen annähernd quadratischen Kleinformat von rund fünfundzwanzig Zentimetern Seitenlänge, dann bald auch in leicht größeren Hochformaten und schließlich in zwei Fällen (Else Lasker-Schüler und Tamara de Lempicka) als eindrucksvolle sechsundsiebzig auf sechsundfünfzig Zentimeter messende Blätter. Als insgesamt hundert Porträts zusammen waren, beendete Gutman 2025 ihre Werkgruppe. Nicht, weil es nicht noch mehr Kandidatinnen gegeben hätte – es gab genug, jedoch zu einigen keine Porträtvorlagen. „Und mir schienen hundert Zeichnungen eine gute Zahl“, sagt die Künstlerin im Gespräch mit dieser Zeitung.

Nun sollten die Bilder auch ausgestellt werden. Dabei kam doch noch ein Mann ins Spiel: Andreas Barsch, ein in Gutmans Münchner Nachbarschaft lebender früherer Galerist für Grafik. Seiner Ermutigung und seinen Kontakten verdankt sich, dass der Zyklus komplett gezeigt wird: in Solingen. Im dortigen städtischen Kunstmuseum gibt es seit 2015 das „Zentrum für verfolgte Künste“, in das nicht nur eine große Privatsammlung mit Werken durch politische Umstände unterdrückter und vergessener Schöpfer eingegangen ist, sondern auch die Else-Lasker-Schüler-Stiftung mit ihrem Bestand an Zeugnissen verfemter Literatur, die der Publizist Jürgen Serke zusammengetragen hatte, dessen 1977 veröffentlichtes Buch „Die verbrannten Dichter“ ein Klassiker geworden ist. Zu diesem thematischen Umfeld passt Gutmans Arbeit perfekt: Die hundert Blätter werden an den Wänden rund um die Vitrinen mit Objekten der Literatursammlung Serke gezeigt und verstärken deren Intimität. Leider ist die Laufzeit kurz bemessen; nur noch bis zum Ende der kommenden Woche ist die Schau namens „Blickwechsel“ zu sehen, aber was bleiben wird, ist der schöne Katalog, der zu allen Porträts kurze biographische Abrisse bietet.

Dieses Buch sollte es auch ermöglichen, dass weitere Ausstellungshäuser auf Gutmans Projekt aufmerksam werden. Ihre Bilder geben der Kunstgeschichte ein weiblicheres Gesicht, und die Lektüre der Lebensläufe lässt immer wieder die strukturellen Nachteile deutlich werden, die Künstlerinnen zu erdulden hatten. Ein grenzüberschreitendes Unsittenbild, denn Gutman hat sich nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt, auch wenn Wiener Künstlerinnen mit neunzehn die lokal stärkste Gruppe bilden, weit vor den Berlinerinnen (zwölf) und Frauen aus München und Hamburg. Aber Mittel- und Osteuropa sind ebenfalls stark vertreten, und spätestens durch die Verfolgung als Jüdinnen wurde ein Großteil der porträtierten Frauen ins Exil gezwungen und damit in die ganze Welt.

Es ist eine Freude, sich ihren in jeder Hinsicht gezeichneten Gesichtern zu nähern, die aus den unterschiedlichsten Winkeln dargestellt sind und keinem Altersschema folgen. Nur die Fotografin Ellen Auerbach ist mit einem Doppelbildnis vertreten – aus Zufall, weil Manya Gutman auch deren Freundin und Atelierpartnerin Grete Stern zeichnen wollte, aber die Namen beider Frauen waren auf einer Fotovorlage verwechselt worden, sodass Gutman plötzlich mit zweimal Auerbach dastand, einem Jugend- und einem Altersporträt, und für Grete Stern noch einmal neu auf Vorlagensuche gehen musste.
Aber die zweifache Auerbach ist ein Blickfang, der dem Ausstellungstitel auf besondere Weise gerecht wird. Dieses Kunstprojekt ist ebenso augenöffnend, wie es die Fotografie von Ellen Auerbach ist. Oder die Malerei von Olga Costa. Oder die Keramik von Lucie Rie. Oder die Textilkunst von Anni Albers. Oder die Therapiezeichnungen von Charlotte Salomon. Oder die Comics von Lily Renée. Oder, oder, oder . . . hundertfach.
Blickwechsel – Jüdische Künstlerinnen im Zeitalter der Extreme. Im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen; bis zum 26. April. Der Katalog kostet 29 Euro.
Source: faz.net