EU-Beitrittskandidaten: Wer hat Angst vor Montenegro?

In Deutschland und Österreich wird eine mögliche Erweiterung der Europäischen Union mehrheitlich abgelehnt. Umfragen von Eurobarometer, dem Meinungsforschungsinstrument der EU, zeigen das regelmäßig. Eine im September 2025 veröffentlichte Eurobarometer-Umfrage dazu ergab zwar EU-weit eine Mehrheit von 56 Prozent Zustimmung für die Aufnahme weiterer Mitglieder in die EU, doch in Deutschland und Österreich waren die Befürworter mit 49 beziehungsweise 45 Prozent in der Minderheit.
Noch geringer war die Zustimmung in der Tschechischen Republik und Frankreich, wo jeweils nur 43 Prozent der Idee zustimmten, zusätzliche Staaten in die EU aufzunehmen. Die Ablehnung hat auch mit dem schlechten Ruf der Beitrittskandidaten zu tun. Abgesehen von der Türkei, die nur noch auf dem Papier den Kandidatenstatus hat und in der Erweiterungsdebatte seit Jahren keine Rolle mehr spielt, handelt es sich bei allen beitrittswilligen Staaten um osteuropäische Länder: sechs am Westbalkan sowie die Republik Moldau, die Ukraine und Georgien, das derzeit ebenfalls kein ernsthafter Kandidat mehr ist.
In allen diesen Staaten liegt die Wirtschaftsleistung unter dem Durchschnitt der jetzigen Mitglieder. Das ruft nicht nur in Österreich und Deutschland wenig Begeisterung hervor. Die Bewerber werden als Kostgänger gesehen, als „Nehmerstaaten“, die nichts beitragen. Das ist ungerechtfertigt, aber eine Tatsache der öffentlichen Wahrnehmung.
Dabei kann es im besonders skeptischen Österreich durchaus auch Zustimmung zu einer Erweiterung der EU geben. Eine dieser Tage veröffentlichte Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik ergab phänomenal hohe Werte für zwei Kandidaten: Einen EU-Beitritt Norwegens würden demnach 62 Prozent der Befragten billigen, für eine Aufnahme Islands sprach sich eine klare Mehrheit von 57 Prozent aus. In Deutschland wären die Ergebnisse wohl ähnlich.
Vor Norwegen und Island hat niemand Angst. Beide Staaten werden als potentielle Bereicherung für die EU empfunden. Im Fall Norwegens stellt sich die Frage derzeit zwar nicht, doch für Island könnte sie bald virulent werden – sofern sich die isländische Bevölkerung in einem für Ende August angesetzten Referendum für die Wiederaufnahme der 2015 aufgegebenen EU-Beitrittsverhandlungen aussprechen sollte.
Während die beiden nordischen Länder aus österreichischer Sicht also gern sofort beitreten dürften, lehnt eine überwältigende Mehrheit eine EU-Mitgliedschaft der osteuropäischen Bewerber in derselben Umfrage ab. Nur 25 Prozent der Befragten in Österreich äußerten sich positiv über einen möglichen EU-Beitritt von Bosnien-Hercegovina. Das Land, das von 1878 bis 1918 Teil der Habsburgermonarchie war, steht damit aber noch an der Spitze der Negativliste. Montenegro, Nordmazedonien und die Ukraine kommen auf gerade einmal 20 Prozent Zustimmung, Albanien auf 17 und die Republik Moldau sogar nur auf 16 Prozent. Noch schlechter schnitten Serbien und das Kosovo ab: Lediglich je 15 Prozent der Befragten äußerten sich positiv über einen möglichen EU-Beitritt dieser beiden Länder.
Im Fahrwasser Islands in die EU?
Besonders bitter sind solche Zahlen für Montenegro, das von der EU-Kommission seit geraumer Zeit als „Vorreiter“ unter den Beitrittskandidaten gepriesen wird. Kommissionschefin Ursula von der Leyen lobt Montenegros Fortschritte regelmäßig. Tatsächlich ist Montenegro der einzige Beitrittskandidat, der alle 33 Kapitel der Beitrittsverhandlungen eröffnet und auch mehr als jeder andere schon geschlossen hat, derzeit 14. Montenegro strebt einen Beitritt bis 2028 an.
Doch die Regierung in Podgorica kennt natürlich die Vorbehalte gegenüber den Balkanländern. Daher rührt die Idee, Montenegro solle versuchen, gleichsam im Fahrwasser eines weniger umstrittenen Staates in die EU aufgenommen zu werden: Falls das isländische Referendum eine Mehrheit für eine Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche ergibt, müsse man danach streben, von Islands Ruf zu profitieren und eine Tandemlösung zu erreichen. Montenegro und Island sollen dann gemeinsam als Mitglieder Nummer 28 und 29 der EU beitreten. Mit anderen Worten: Öffnet die EU Island die Tür zu einem Beitritt, soll Montenegro rasch mit hindurchschlüpfen. Numerisch wäre eine solche Doppellösung keine Herausforderung für die EU. Beide Länder haben gemeinsam kaum mehr als eine Million Einwohner.
In Montenegro wird über die Idee breit diskutiert. Maßgebliche Politiker sprechen auch hinter den Kulissen davon. Unlängst interviewte die montenegrinische Zeitung „Pobjeda“ (Sieg) die isländische Außenministerin Katrín Gunnarsdóttir zu der Frage. Gunnarsdóttir, die für einen EU-Beitritt ihres Landes wirbt, konnte schwerlich offen sagen, dass von einer Paketlösung nur Montenegro profitieren würde. Sie zog sich mit der sinngemäßen Bemerkung aus der Affäre, dass die Welt künftig eher schwieriger als einfacher sein werde, weshalb gerade kleine Staaten als Teil starker Institutionen (wie der EU) besser aufgehoben seien. „Das ist die Wahl, vor der wir stehen, und ich glaube, unsere beiden Staaten werden die richtige treffen“, so die Ministerin vage.
Deutlich wurde sie in der Frage, ob künftige Mitglieder nur ohne Vetorecht aufgenommen werden sollten, um die Beschlussfähigkeit der EU nicht noch weiter zu belasten. Island glaube an Kooperation zu gleichen Bedingungen, und jedes Arrangement mit der EU werde das widerspiegeln müssen, so die Ministerin. Das ist offiziell auch Montenegros Haltung. Ob sie realistisch ist, könnte sich im kommenden Jahr zeigen.
Source: faz.net