Deutsche Händler erspähen Temu
Temu stand lange für Billigware aus China. Doch mittlerweile setzen auch Anbieter aus Deutschland auf die Online-Plattform. Temus Marktanteil wächst – und etablierte Marktplätze können preislich oft nicht mithalten.
Wer durch das Angebot von Temu scrollt, merkt schnell: Die Plattform ist darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange zu halten. Eine riesige Auswahl, ständig neue Produkte – Verbraucher können sich regelrecht darin verlieren und am Ende mehr bestellen als ursprünglich geplant.
Ein Grund, die Plattform zu nutzen, sind die Preise. Viele Produkte sind deutlich günstiger als beim Platzhirsch Amazon. Für die Ersparnis nehmen Kunden oft eine längere Lieferzeit in Kauf. Doch Temu arbeitet momentan daran, auch diesen Makel abzulegen.
Während klassische Online-Händler wie eBay, Zalando oder Otto zuletzt Marktanteile verloren haben, konnte Temu schnell aufholen. Seit Markteintritt wird die Plattform bereits von einem großen Teil der Kunden genutzt – besonders in jüngeren Zielgruppen. Mittlerweile ist Temu auf Platz fünf der Online-Marktplätze, und der Abstand zu den Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten ist gering. E-Commerce-Experte Gerrit Heinemann ist sicher, dass Temu bald vorbeiziehen und dann hinter Amazon Platz zwei einnehmen wird.
Hochpreisiges zwischen „Ramschware“?
Händler Stefan Oberhansel aus Marburg staunte nicht schlecht. Anfang diesen Jahres meldete sich Temu bei ihm. Ob er seine Produkte nicht auf der chinesischen Plattform verkaufen wolle. Erst war er skeptisch: seine hochpreisigen, zuckerfreien Produkte zwischen all der chinesischen „Ramschware“? Doch inzwischen zeigt er sich positiv überrascht: Temu habe ein deutschsprachiges Team aufgebaut und biete persönliche Ansprechpartner.
Auch andere Händler berichten von starkem Wachstum. Juri Ivchenko verkauft Produkte im Dekobereich. Ausschließlich online. Bisher ging fast alles über Amazon, doch Temu holt auf: Inzwischen werden rund 40 Prozent seiner Angebote über Temu bestellt – an manchen Tagen sogar noch mehr.
Temu bestimmt den Preis
Ein zentraler Unterschied zu anderen Plattformen: Händler legen zwar ihren Preis fest, doch Temu bestimmt den endgültigen Verkaufspreis selbst. Möglich wird das durch einen Algorithmus, der Wettbewerbsangebote vergleicht und Preise gezielt unterbietet. Die Händler erhalten trotzdem ihren ursprünglich festgelegten Betrag. Zusätzlich übernimmt Temu oft Versandkosten oder beteiligt sich an Marketingaktionen.
Das Ergebnis: extrem niedrige Preise für Kunden – finanziert durch Subventionen des chinesischen Unternehmens. Trotz des Erfolgs bleibt die Skepsis groß, besonders bei sensiblen Produktkategorien wie Kosmetik, Lebensmitteln oder Kinderspielzeug. Hier gibt es Sicherheitsbedenken. Dennoch kaufen viele weiter, vor allem wegen der günstigen Preise.
Lager in Deutschland aufgebaut
Laut E-Commerce-Experte Heinemann versucht Temu deshalb gezielt, sein Image zu verbessern – etwa durch die Integration deutscher Händler und geprüfter Produkte. Ab Juli 2026 sollen neue Zollregeln greifen. Statt einer pauschalen Gebühr pro Paket wird eine Abgabe pro Warenkategorie fällig. Sind zum Beispiel ein T-Shirt, Deko-Artikel, eine Handy-Hülle, Küchenwerkzeug oder ein Elektrogerät in einer Sendung, werden zusätzliche Kosten von rund 15 Euro fällig. Damit könnten einige der bisherigen Preisvorteile schrumpfen.
Offiziell liefert Temu viele Produkte weiterhin direkt aus China. Gleichzeitig kommen Bestellungen zunehmend aus Deutschland – oft innerhalb von ein bis zwei Tagen, ähnlich wie bei Amazon. Recherchen des hr-Wirtschaftsmagazins mex zeigen: Hinter den Lieferungen stecken offenbar Lagerstandorte in mehreren deutschen Städten, die nahezu unbemerkt aufgebaut werden.
Temu wächst schnell, während etablierte Anbieter unter Druck geraten. Mit aggressiven Preisen, Subventionen und wachsender lokaler Infrastruktur baut der Konzern seine Position weiter aus. Vieles deutet darauf hin, dass der Angriff auf den deutschen Markt noch lange nicht abgeschlossen ist.
Source: tagesschau.de