Monika Marons Tagebücher: Die Lücken in den Texten und die Fragen im Weiteren

Es gibt einen mehr als vierzig Jahre alten deutschsprachigen Umwelt-Roman, den man mal wieder oder zum ersten Mal lesen sollte, weil er von so einer Dringlichkeit geblieben ist: Er heißt „Flugasche“ und erzählt vom Raubbau an der Natur, vom Leiden der Menschen unter der Umweltverschmutzung und von einem verlogenen Staatsapparat, und er könnte, umso mehr, weil er in der damaligen DDR spielt, zusammen mit anderen Romanen der vergangenen Zeit, die mit Motiven von Lebensraumzerstörung und seelischen Kollateralschäden der Menschen arbeiten, den Grundstock einer Art Bibliothek für die Gegenwart des Klimawandels bilden: Zusammen mit Judith Hermanns „Daheim“ zum Beispiel, mit Thea Mengelers „Nach den Fähren“, um zwei Autorinnen und neuere Bücher zu nennen, die wie Monika Maron von verlorenen Landschaften und dem Anpassungsdruck oder Überlebenswillen ihrer Menschen erzählen.

„Flugasche“ war das literarische Debüt der Ostberliner Journalistin Monika Maron, entstanden in den späten 1970er-Jahren der DDR: Maron, damals Ende dreißig, hatte für ihren Roman eigentlich schon einen Verlag in der DDR gefunden, aber keine Druckgenehmigung vom zuständigen Ministerium für Kultur erhalten, also ließ sie das Manuskript in den Westen schmuggeln, wo es im Februar 1981 dann beim Fischer-Verlag in Frankfurt am Main erschien. „Scheint ein Erfolg zu werden“, notiert Monika Maron am 3. März in ihr Tagebuch. „Morgen eine Sendung im Fernsehen über mich.“

Die Sendung war dann „furchtbar“, so hält Monika Maron es kurz darauf fest, aber es folgt eine Einladung nach Österreich, unter anderem zum Bachmann-Lesewettbewerb in Klagenfurt, und bald notiert sie sich, dass das ZDF offenbar erwäge, „Flugasche“ zu verfilmen. Dass man lesen kann aus diesen Tagen im Leben von Monika Maron und den Jahren danach, erst in Ostberlin, ab 1988 in Hamburg, später wieder in Berlin und auf dem Land in Vorpommern: Das liegt an der Entscheidung der Schriftstellerin, ihre Tagebücher nicht zu verbrennen, sondern sie zu veröffentlichen. Und so liegen sie seit diesen Tagen gedruckt vor.

„Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“ umfasst die Jahre von 1980 bis 2021. Und man ist nicht nur gespannt auf das, was Monika Maron über die Jahre in der DDR schreibt, über ihre Anfänge als Schriftstellerin und ihre Konflikte mit dem Regime, über die Jahre nach 1989, als Maron von Hamburg aus, aber mit DDR-Hintergrund zur klugen, scharfen Beobachterin deutsch-deutschen Zusammenwachsens und Haderns wird und gleichzeitig gefeierte Romane schreibt. Man ist besonders gespannt auf das, was dann nach 2010 passiert.

Die Jahre nach 2010

Jahre, in denen Monika Maron sich in Migrationsfragen zu Wort meldet, im Streit um „Deutschland schafft sich ab“ für Thilo Sarrazin Partei ergreift, liberale Integrationspolitik kritisiert, später dann auch Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie – und in denen sich Maron schließlich entscheidet, einen Essayband in der Reihe „Exil“ aus der Edition Buchhaus Loschwitz zu veröffentlichen, in dessen Programm auch ein Autor veröffentlicht, der völkische Positionen vertritt. Was im Herbst 2020 zum Bruch mit dem Fischer-Verlag führt, der sich von ihr trennt.

Es war also eine Nachricht, dass Monika Maron ein Tagebuch jener vierzig Jahre zwischen „Flugasche“ und „Exil“ herausbringen würde. Das Tagebuch selbst aber liest man dann erst mit großer Neugierde, dann mit zunehmender Ratlosigkeit, denn so detailliert Marons Tagebücher in der ersten Phase noch sind, so spärlich sind sie in der letzten, ein Eintrag von 2014, einer von 2019, einer von 2021, und weil Maron am Beginn der Zusammenarbeit mit dem Fischer-Verlag einsetzt und mit dessen Ende auch endet, ergibt sich daraus eine inhaltliche Setzung, die auch diese Lücken gewollt erscheinen lassen. Aber dazu später mehr.

Was sie in Bitterfeld erlebte und in „Flugasche“ einging

Am ausführlichsten berichtet das Tagebuch also aus der Phase, in der die Journalistin Monika Maron, Stieftochter des früheren DDR-Innenministers Karl Maron, zur Schriftstellerin wird, die in „Flugasche“ ihre eigenen Erfahrungen als Reporterin bei der „Wochenpost“ verarbeitet. Das Blatt hatte sie Mitte der 1970er-Jahre ins Chemiekombinat Bitterfeld geschickt, das war die Grundlage für die Geschichte der Josefa Nadler, die eine Reportage aus „B.“, der „schmutzigsten Stadt Europas“ mitbringt, die dann zensiert wird.

Monika Maron im Februar 1984, wie Isolde Ohlbaum sie sah
Monika Maron im Februar 1984, wie Isolde Ohlbaum sie sahIsolde Ohlbaum

Zwei Jahre nach dem Erscheinen von „Flugasche“ bricht Monika Maron zu einer einjährigen Reise in den Westen auf, erst in die Bundesrepublik, dann nach Italien, England und in die Vereinigten Staaten. Eben noch hatte sie in Ostberlin in chronischer Geldnot gelebt, jetzt wohnt sie, immer noch sparsam, auf Wochen in einem Loft um die Ecke von den Twin Towers, regt sich über deutsche Touristen in Venedig auf, studiert die Handschriftsammlung im British Museum.

„Ich habe nicht die Absicht, die DDR endgültig zu verlassen“, so hatte Monika Maron es in einem Bittbrief an das DDR-Politbüromitglied Kurt Hager geschrieben, „halte aber eine längere Reise für eine Möglichkeit, mein Leben hier wieder zu begreifen und die Kraft wiederzufinden, die ich für meine Arbeit brauche“. Dieser Brief, ebenso wie Hagers Antwort, der darin ans Ministerium für Kultur verweist, ist im Tagebuch faksimiliert abgedruckt, genau wie es auch einige schwarz-weiße Bilder sind, die Monika Maron von unterwegs macht: aus dem Zimmer in London, in dem sie unterkommt, von der Straßenflucht in Brooklyn mit Blick auf die Brooklyn Bridge, zwischen Front Street und Water Street, heute so instagrammable, dass sich dort die Leute stauen, um zu fotografieren.

Reisen der DDR-Bürgerin nach Paris, London und New York

Maron reist allein, reist so viel sie kann, kommt bei Bekannten von Bekannten unter, „ich musste reisen, weil ich durfte, für ein Jahr, und nicht wusste, ob ich Paris, London, Rom, New York sonst je in meinem Leben sehen würde“, schreibt sie in einer Anmerkung dazu. Zurück in Ostberlin, 1984, macht Monika Maron einfach weiter mit ihrem Leben, und weil sie auch von den Reisen in den Westen oft so kühl und genau und auch selten wirklich intim über sich selbst schreibt, spürt man den Unterschied zwischen dem Vorher und dem Nachher in diesen Einträgen kaum.

Noch einmal wird Monika Maron in die Vereinigten Staaten eingeladen, diesmal nach Washington, darf wieder reisen, besucht im Umland der amerikanischen Hauptstadt auch das Städtchen East-Berlin, kehrt zurück ins East-Berlin der DDR, macht wieder weiter, und schließlich erreicht sie, mit ihrem Sohn und ihrem Ehemann, die DDR für drei Jahre verlassen zu dürfen, diesmal ohne Rückreisegenehmigung. Sogar das Auto darf mit in den Westen. Im Frühsommer 1988 kommt die Familie in Hamburg an. Und bleibt. Die DDR wird es nicht mehr lange geben.

Kein Eintrag zum 9. November 1989

Monika Maron, die schon seit „Flugasche“-Zeiten Anfragen westdeutscher Medien erhalten hatte, begleitet den Mauerfall vom Westen aus, schreibend. Über den 9. November 1989 aber, als die DDR die Grenzen nach Westen für alle ihre Bürgerinnen und Bürger öffnete, findet sich in diesem Tagebuch – kein Wort. Am 2. Oktober 1990 fliegt sie nach Boston, am 3. Oktober bestellt sie sich im Hotel ein Frühstück für 15 Dollar, „schließlich ist heute Feiertag, und ich habe seit fast 24 Stunden nichts gegessen“. Und die zeithistorischen Leerstellen in diesem Tagebuch werden ab jetzt immer mehr.

Monika Maron, „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980–2021“
Monika Maron, „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980–2021“Verlag Hoffmann und Campe

Und immer größer. Was für eine Autorin, die sich seit ihrem literarischen Debüt zu den Verhältnissen geäußert hat, in denen sie lebt – und die in den vergangenen zehn Jahren selbst zu einer Streitfigur des literarischen und politischen Lebens geworden – einen seltsamen Effekt ergibt: Je weiter dieses Tagebuch in der Zeit vorangeht, desto spärlicher fallen die Einträge aus, und das wird umso seltsamer, je genauer man aus genau diesen Phasen wissen will, was Monika Maron für sich selbst gedacht hat.

Da sind Sprünge zwischen 1991 und 1997 (in dieser Zeit schreibt sie zwei ihrer wichtigsten Romane, „Stille Zeile Sechs“ und „Animal triste“, beides psychologisch genaue Geschichten, Paargeschichten aus den späten Jahren der DDR), die Jahre 1998, 1999, 2000 summieren sich auf noch ein paar Seiten, dann springt das Tagebuch ins Jahr 2007.

Das Schreiben mit der Hand und die Lücken im Tagebuch

Monika Maron erklärt diese Lücken in einer Anmerkung im Tagebuch so: Dass sie auf ihren Reisen nicht mehr allein gewesen sei, dass sie über vieles, was sie zuvor beschäftigt habe und für sich aufschrieb, jetzt in Zeitungen schreiben konnte. Aber auch das neuartige Schreiben am Computer habe eine Rolle gespielt: Ihr erstes Laptop habe Monika Maron sich gekauft, als sie an „Animal triste“ schrieb, damals habe sie ihre Manuskripte erst noch mit der Hand geschrieben und danach abgetippt, später dann nur noch direkt in den Computer – und weil ihr es widerstrebe, das, was man so in Tagebüchern festhalte, zu tippen (und eben nicht mit der Hand zu schreiben), fehlten eben unter den Mitschriften, die sie in einer großen Schublade sammelt, viele Jahre.

Aber auch wenn das die Lücken erklären kann, setzt Maron mit der Textauswahl für dieses Tagebuch, wie gesagt, nicht nur einen zeitlichen, sondern auch einen inhaltlichen Rahmen. „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig“ umfasst die gut vierzig Jahre, in denen Maron zur Autorin im Fischer-Verlag wurde, bis der sich dann im Herbst 2020 von ihr trennt. Das geschah, nachdem Monika Maron einen Essayband in der Reihe „Exil“ aus der Edition Buchhaus Loschwitz veröffentlicht hatte. Die Betreiberin des Buchhauses, Susanne Dagen, betrieb damals schon seit einiger Zeit ein Literaturkritikformat mit Ellen Kositza, der Frau des rechtsextremen Antaios-Verlegers Götz Kubitschek.

Das Ende der Zusammenarbeit mit dem Fischer-Verlag

Im ersten Programm der „Exil“-Reihe, in der auch Marons Sammlung bereits gedruckter Essay herauskam, erschien gleichzeitig auch ein Band des Autors Jörg Bernig, der in einer Rede der Bundesregierung den Plan einer „ethnischen Modifizierung“ unterstellt hatte. Die damalige Verlegerin des Fischer-Verlags, Siv Bublitz, so schilderte sie es selbst im Oktober 2020 gegenüber dem F.A.S-Feuilleton, habe Monika Maron in einer E-Mail erklärt: „Die Grenzen des Meinungsspektrums seien im Verlag S. Fischer, das habe ich betont, bewusst weit gesteckt, zugleich sei aber klar: Mit völkischen und rassistischen Diskursen wollen wir nicht assoziiert werden, auch nicht mittelbar.“ Eine weitere verlegerische Zusammenarbeit sei unter diesen Umständen undenkbar. Das Gespräch mit Bublitz brach Monika Maron ab.

Es erschien dann noch der Roman „Artur Lanz“ bei Fischer, Monika Maron wechselte zum Verlag Hoffmann und Campe, in dem seitdem ihre Bücher noch einmal neu aufgelegt erschienen sind, und auch diese Tagebücher. In denen Monika Maron, in den letzten beiden Einträgen, Vorwürfe gegen Siv Bublitz wiederholt, gezielt aus dem Verlag gedrängt worden zu sein.

Darüber, über die Jahre des Tagebuchs, über die 1980er-Jahre in der DDR, den Mauerfall, die Zeit danach, über ihren politischen Positionen seit 2010 und die Lücken in den Einträgen, über ihr Verständnis für die Protestwähler der AfD und die aus ihrer Sicht verfehlte Praxis der Brandmauer, über das Ende des Vertragsverhältnisses mit Fischer und den Wechsel zu Hoffmann und Campe hatten Monika Maron und ich Ende März ein mehr als zweistündiges Interview geführt. Monika Maron hat die Textfassung zunächst autorisiert, dann die Freigabe aber über ihren Verlag zurückgezogen.

„Grund hierfür ist, dass es in dem Interview nicht vorwiegend um Monika Marons Tagebücher sowie um ihr Werk ging, sondern in großen Teilen um tagespolitische Dinge“, so hat es eine Verlagssprecherin von Hoffmann und Campe in einer E-Mail mitgeteilt. Monika Maron ließ sich nicht umstimmen, nicht mit dem Hinweis darauf, dass sich die politischen Themen des Gesprächs aus den Lücken im Tagebuch ergaben. So ist noch eine Lücke dazugekommen. Ein weiteres abgebrochenes Gespräch.

Monika Maron, „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980–2021“. Verlag Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 28 Euro.

Source: faz.net