Film „Das kalte Herz“: Da versteckten sich die Kinder hinterm Sofa

Vom gruseligsten Film, den ich als Kind gesehen habe, blieben mir zwei Dinge im Gedächtnis: ein Riese mit blindweißem Auge und eine Wand, an der blutrote Herzen schlagen. Natürlich hatte ich keinen Horrorfilm gesehen, sondern ein Märchen: „Das kalte Herz“ in der DEFA-Verfilmung von 1950. Mit diesem ersten DEFA-Farbfilm war der Grundstein für die erfolgreichen Kinderfilmproduktionen der DDR gelegt. Selbst die BBC strahlte sie ab den Sechzigerjahren aus – britische Kinder entwickelten dafür eine ähnlich verschreckte Begeisterung wie ich. In den Kommentaren der Filmdatenbank IMDb schwärmen erwachsene Briten noch heute davon, wie sie sich hinter dem Sofa versteckten und trotzdem nicht wegschauen konnten.

Ist es gerade der Grusel, der an diesen Märchen so faszinierte? Und sind sie noch so düster, wenn man sie als Erwachsene schaut? Die „Filmjuwelen“-DVD-Reihe restauriert dankenswerterweise solche Klassiker der DEFA-Archive seit Jahren. Die Agfacolor-Filme, auf denen Regisseur Paul Verhoeven (der deutsche Regisseur, nicht sein niederländischer Namensvetter!) gedreht hatte, entrückten die Farben, das heißt: überzogen sie mit einem leicht entsättigten Schleier, aus dem jedes Rot umso stärker herausstach.

Dass die pochenden Herzen sich ins Gedächtnis brannten, lag auch an dieser Farbgestaltung. Doch bis man zu der Szene kommt, hat man schon eine Achterbahnfahrt an komplexer Handlung hinter sich. Der Köhlerbursche Peter verliebt sich in Lisbeth. Mit Geld kann er sie nicht beeindrucken; sie zum Tanz aufzufordern, traut er sich in ärmlichen Kleidern nicht. Im Wald sucht er das Glasmännlein, von dem es heißt, es erfülle Sonntagskindern drei Wünsche.

Die Trickszenen überzogen das Budget

Schon diese Begegnung dürfte Kinder in die Sofakissen versinken lassen. Wind zaust Tannenwipfel, Eichhörnchen verstecken sich, das Glasmännlein verpufft in einer Stichflamme, als Peter ihm seinen Wunsch nach viel Geld entgegenschreit. Weise soll er doch mit seinen Wünschen umgehen, den Verstand gebrauchen, mahnt der Waldgeist. Aber Peter sucht einfache Lösungen für seine Probleme, und so ist das empfangene Vermögen schon bald dahin. Statt seine Lektion zu lernen, sucht Peter nun den Holländer-Michel auf, der ihm Reichtum im Tausch gegen sein Herz verspricht.

Erwin Geschonneck spielt diesen Schwarzwalddämon. Eine große Narbe zieht sich quer über sein Gesicht, das linke Auge ist aus weißem Glas, ein zauseliger Bart bedeckt das Kinn. Unheimlich sieht der Riese aus. Und doch kommt er Peter ganz nah, legt den Arm um dessen Schulter, klopft ihm mit verschwörerischem Lächeln auf die Brust. Da nämlich allein liege Peters Problem, wenn er „das pochende Ding“ loswerde und es ihm im Tausch gegen einen Stein in der Brust überlasse, stehe seinem finanziellen Erfolg nichts mehr im Wege. Geschonneck gibt hier keinen platten Bösewicht, er kreiert einen teuflischen Verführer, dessen kumpelhaftes Verhalten das wilde Aussehen für einen Moment vergessen lässt.

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Später, wenn Peter mit dem Riesen ringen wird, um sein Herz zurückzubekommen, zieht Verhoeven sämtliche Register des Gruselfilms. Blubbernde, blutrote Kessel werfen Blasen. Es schmatzt und gurgelt aus den Schatten. Der Holländer-Michel ändert nach Belieben seine Größe. Für die zahlreichen Trickszenen überzog Verhoeven das Budget – zwischen drei und vier Millionen Mark soll die Produktion gekostet haben. Das zeigt aber auch, wie viel Aufwand damals für einen Kinderfilm betrieben wurde. Die Schauspieler legen ihre Rollen mit dem gleichen Ernst an, den sie bei großen Dramen aufbringen. Kostüme und Kulissen sind erstklassig. Das Drehbuch ist voller Einfälle.

An die Vorlage des Kunstmärchens von Wilhelm Hauff hält sich Verhoevens Adaption über weite Strecken. Nur etwas Vorgeschichte des Holländer-Michels hat er gestrichen, stattdessen Peters Handelsreisen größeren Raum gegeben, auch um dessen Charakterwandel zu unterstreichen (der ehemalige Köhler verkauft seinen Reisebegleiter als Soldaten). Interessant ist hierbei zum einen, dass ein Märchen der Romantik als Grundlage diente, denn diese Epoche fand sonst wenig Zuspruch in der DDR (der Dichter Peter Hacks bezeichnete ihren ganzen Kanon als „mißlungene Literatur“).

Die verstörenden Momente in Grimms Märchen

Und zum anderen sind auch die Gruselelemente selbst ungewöhnlich, denn Horror als Genre gab es in der DDR nicht – weder in der Literatur, noch im Film. Liegt es an der strikten Hinwendung zu den Quellen, dass sich ausgerechnet in Märchenfilmen Grauen zeigen ließ? Immerhin finden sich doch auch in den grimmschen Märchensammlungen zahlreiche höchst verstörende Momente: Schneewittchens Stiefmutter muss am Ende in Eisenschuhen über glühenden Kohlen tanzen, bis sie tot umfällt; Aschenputtels bösen Stiefschwestern picken die Tauben die Augen aus; Rapunzels Prinz erblindet beim Sturz in die Dornen und läuft ihr in die Wüstenei nach.

Die Moral, die allen Märchen innewohnt, prägt sich so vielleicht stärker ein. Als Mahnung vor Gier funktionieren die klopfenden Herzen an der Wand bis heute ganz hervorragend.

Source: faz.net