Amerikanische Kunstszene: New York City verliert die Künstler

Es ist nicht neu, aber es ist dringend: So könnte man vielleicht erklären, dass der Künstler Josh Kline dieser Tage mit einer ziemlich vertrauten Litanei von Klagen über die New Yorker Kunstszene viel Aufmerksamkeit bekommt. Kline hat seine Installationen wie „Freedom“ schon an der High Line, im New Museum und im Whitney Museum ausgestellt und arbeitet auch als Kurator. Im Magazin „October“ veröffentlichte er ein Essay über die Schwierigkeit, heute als Künstler in New York zu leben, ohne wohlhabend zu sein.

Kline denkt darin darüber nach, welche Auswirkungen die Kommerzialisierung der Kunstwelt auf Kreative und die Qualität ihrer Werke hat – und darüber, was die Alternative zum teuren und in vielerlei Hinsicht homogenisierten Leben in Manhattan und den angesagten Ecken Brooklyns sein könnte.

Überleben in der Milliardärshochburg

Das Problem, oder vielmehr der Berg sich gegenseitig verstärkender Probleme, ist bekannt: Die Mieten steigen, die Studiengebühren an den Kunsthochschulen ebenfalls, die Organisatoren alternativer Räume für Kunst geben auf, und was produziert wird, ist oft zahm und banal. Künstler müssen sich mit Jobs durchschlagen, für politische Arbeit, so Kline, bleibe keine Zeit, für großformatige Werke kein Raum. Und Kline schildert, was ein Künstler tun muss, um die Aufmerksamkeit von Galeristen, Kuratoren und Käufern zu erlangen. Einfach wegzuziehen, weil eine Wohnung mit zwei Zimmern 3500 Dollar und mehr kostet, scheint keine gute Alternative, denn: „Chancen hängen oft von Zufallsbegegnungen bei Ausstellungen ab, ganz zu schweigen von denen in Bars, Clubs und Restaurants.“

Ein wichtiger Teil des Selbstmarketings sei es, „Karriere-Türsteher zu unterhalten, in der Bar Luftballontiere zu knoten oder Nachtleben-Safari-Führer für alternde Kuratoren zu sein.“ Die Gatekeeper, für Josh Kline Teil einer „Boomer-Gerontokratie“, unternähmen selten Reisen ins Landesinnere – daher der Druck auf die Jungen, in New York präsent zu sein: „Sexy Blicke oder eine Comedy-Nummer auf einer Galerie-Afterparty in Tribeca kann man nicht liefern, wenn man in Seattle oder Houston ist.“ Sein Lösungsvorschlag: Künstler sollten New York den Rücken kehren, dieser Stadt, die nun „das Kernproblem der Kunst in Amerika“ sei, ja ihr „feindlich“ geworden sei. In erschwinglichen Städten wie Philadelphia könnten sie neue Communitys schaffen und fragen, was Kunst heute sein soll.

Nun trifft es auch die Privilegierten

Kline erntet mit dem Text, der auch in sozialen Medien stark verbreitet wurde, nicht nur Beifall. Die Kunstkritikerin und Autorin Aruna D’Souza kritisiert im Magazin „Hyperallergic“, dass Kline Phänomene schildere, die Künstler, die nicht weiß sind, schon seit Jahrzehnten beklagen. Kline erwähnt die Lage von Künstlern of Color durchaus. Doch: „Warum diese Dringlichkeit gerade jetzt?“ fragt D’Souza.

Und gibt sich die Antwort selbst: wohl weil die von Kline geschilderten Realitäten immer mehr privilegierte Akteure der Kunstwelt erfassten – Künstler, die „alle richtigen Karriereschritte absolviert“ hätten, vom Hochschulabschluss bis hin zu Museumsausstellungen. „Hätten wir dem Schicksal jener Künstler Aufmerksamkeit geschenkt“, schreibt D’Souza, „die so lange ohne Zugang zu all dem gearbeitet haben – und ihre Klagen nicht als bloße ‚Identitätspolitik‘ abgetan –, dann hätten wir womöglich die politische Bewegung, die wir jetzt brauchen, schon längst aufgebaut.“

Es ist die Hoffnung auf eine solche politische Bewegung, die sie zu einem anderen Schluss kommen lässt. „Anders als Josh Kline entscheide ich mich für New York“ nennt die Autorin ihren Text. Mehr denn je sei es an der Zeit, gemeinsam mit Anderen für politische Lösungen zu kämpfen – die Stadt aufzugeben, das komme nicht infrage.

Source: faz.net