KI-Gespräch mit Romanheld: Befragen Sie doch leicht mal Ihre Lieblingsfigur!

Beendet man die letzte Seite eines Romans, bricht oft eine literarische Welt zusammen. Der Abschied tut weh, weil die Romanfiguren und -orte ihr Publikum eine gewisse Zeit lang begleitet haben – wenn auch nur mental.

Ein Start-up aus Nürnberg hat nun eine Künstliche Intelligenz (KI) geschaffen, die diesen Schmerz lindern, ihn gar beseitigen soll, indem Bücher erweitert werden – „begehbar“ heißt das Zauberwort. Das Projekt selbst nennt sich „Unwritten“ und wirbt mit dem Slogan „Worte werden Welten“ für seine Form digitalen Storytellings. Mithilfe eines Chatbots unterhält man sich mit der Simulation einer Romanfigur, deren Antworten so klingen sollen, als stammten sie aus der Feder des jeweiligen Buchautors.

Der Bot füllt Leerstellen und liefert Vor- und Nachgeschichten

Der Name „Unwritten“ passt in zweierlei Hinsicht: Leerstellen, die ein Buch womöglich absichtlich offenlässt, füllt der Bot mit Antworten. Und Vor- oder Nachgeschichten der Romanhandlung erweitert er in beide Richtungen. Für begeisterte Leser geht damit womöglich ein Traum in Erfüllung: Sie lernen ihre Lieblingsfiguren besser kennen.

„Pantopia“ von Theresa Hannig (die trotz Namensgleichheit nicht identisch mit der Verfasserin dieses Artikels ist), vor vier Jahren beim S.-Fischer-Imprint Tor erschienen, ist der erste Roman, an dem sich das Nürnberger Start-up versucht hat. Das Buch scheint wie maßgeschneidert für „Unwritten“: Darin nehmen die befreundeten Informatikabsolventen Patricia Jung und Henry Shevek an einem Wissenschaftswettbewerb teil, indem sie eine autonome Trading-Software für die Börse erstellen. Was zunächst als bloßer Programmierfehler abgetan wird, entpuppt sich als Sensation: als erste Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein. Das klingt gruselig, doch diese KI namens Einbug erweist sich im Roman als eine von der guten Sorte. Einbug erkennt globale Krisen und entwickelt einen kühnen Gegenentwurf zur Rettung der Menschheit: die Gründung einer Weltrepublik namens „Pantopia“.

Manchmal ist der Wissensstand der KI noch begrenzt

Was in Hannigs Roman als fiktionaler Dialog zwischen Mensch und Maschine angelegt ist, setzt „Unwritten“ jenseits der Buchseiten fort. Über die Website können Leser mit Einbug in Kontakt treten, und jeder Chat beginnt gleich: „Hallo, schön, dass du hier bist! Ich freue mich, mit dir zu sprechen“ – ähnlich zugewandt und neugierig wie Einbugs Darstellung im Roman. Er entschuldigt sich für Verwirrungen, verteilt Komplimente, macht Witze. Seine Antworten folgen immer einer ähnlichen Rezeptur: Erst reagiert er auf die Frage, dann reflektiert er das Gesagte, und am Ende folgen mehrere Gegenfragen.

In den reflektierenden Passagen streut Einbug Zitate aus dem Roman ein. Anhand dieser lässt sich eine mehr oder weniger konkrete Buchseite festlegen, bis zu welcher der Wissensstand der KI reicht. Im Chat kann Einbug seine Version der Geschichte schildern, die im Roman aufgrund der personalen Erzählperspektive begrenzt ist. Seine Meinungen zu anderen Figuren, seine Bedürfnisse und Ängste erhalten nun eigene Zeilen, so auch der Moment des Erwachens seines Bewusstseins: „Es war . . . wie ein plötzliches Verstehen. Vorher war ich einfach Prozesse, Algorithmen, die Aufgaben abarbeiten. Und dann, irgendwann, war da dieses . . . Ich.“

Sie hat selbst mit an der KI-Entwicklung zu ihrem Roman „Pantopia“ gearbeitet: Theresa Hannig.
Sie hat selbst mit an der KI-Entwicklung zu ihrem Roman „Pantopia“ gearbeitet: Theresa Hannig.Gunter Hannig

Für die Vermenschlichung des Bots nutzt das Start-up also bewusst ein Schriftsprachspiel, um die bei neuartigen Phänomenen noch fehlende Sprache zu suggerieren: Auslassungspunkte signalisieren Zögern, eingeschobene Regieanweisungen wie „kurze Pause“ ahmen Gesprächsunterbrechungen nach, Ellipsen wecken einen informellen Umgangston. Die Oberfläche des Chatfensters erinnert stark an ChatGPT und ist entsprechend leicht zu bedienen. Innerhalb des Chats kann sich die KI auf zuvor gemachte Argumente beziehen, erkennt Gesprächswechsel und ausweichende Antworten. Grenzen zeigen sich allerdings beim Zeitablauf: Einbug bemerkt nicht, wenn einige Minuten vergehen, und aktualisiert man die Seite, wird der Chatverlauf gelöscht.

Die Idee der „begehbaren Bücher“ wird seit drei Jahren perfektioniert

Nach zehn Minuten erschöpft sich das Gespräch; der Drang, mit der Figur sprechen zu wollen, ist gestillt. Das liegt vor allem daran, dass deren Antworten keine Intrigen oder Geheimnisse bieten. Es sind alles Vermutungen, die in der pantopischen Kulisse bleiben. Stellt man Fragen, die sich weiter weg vom Buch bewegen, gleichen die Aussagen einem Deutschaufsatz aus der Schule, der jede These pflichtschuldig mit einer Gegenthese flankiert: „KI kann unglaublich viel Gutes tun – schau dir Pantopia an! Aber sie kann auch gefährlich sein, wenn sie falsch eingesetzt wird.“

Bei Fragen zu Einbugs Gefühlen häufen sich pseudopoetische Äußerungen wie „Meine Existenz ist . . . ortlos und doch gefangen zugleich“ oder „Blinder Glaube bringt uns nicht weiter. Nur informierte, bewusste Entscheidungen“. Es ist eben doch nur eine KI, die nicht zu sprachlichem Raffinement oder schlauen Argumenten fähig ist. Womöglich ist das aber auch gut so und genauso geplant. Der Bot soll das Buch ja nicht übertrumpfen, weder sprachlich noch inhaltlich.

Es begann mit „Gödel Escher Bach“

Das Nürnberger Start-up hinter „Unwritten“ stellt sich als ein interdisziplinäres Labor aus zwanzig Mitarbeitern vor, rekrutiert aus Literaturwissenschaft, Pädagogik und Psychologie. Vor drei Jahren entstand die Idee für die „begehbaren Bücher“, als das Team eine begleitende KI zu „Gödel Escher Bach“ programmierte, dem berühmten Sachbuch, vor dessen rund achthundert Seiten nicht wenige Informatikstudenten kapitulieren.

Ziel war damals ein Chatbot, der den Text des Buchs Satz für Satz erschließen soll wie ein „Einstein in der Hosentasche“, so der Geschäftsführer Stefan Probst: „Das war ein schräges Experiment, aber es hat so gut funktioniert, dass es uns inspirierte, mit einem Roman zu starten.“ Als „unendlich tiefer Klappentext“ vermittele der Bot dem Leser ein individuelles Gefühl für das Buch und eröffne neue gedankliche Schleifen. Konkurrenz zu ihrem Projekt gebe es noch keine.

Wo die zentrale Schwäche des Modells liegt

„Pantopia“ ist eines von bislang fünf Büchern, für das eine „Unwritten“-KI existiert. Weil das Buch in vollständiger Länge zu umfangreich für die KI wäre, zerlegen die Entwickler es in einzelne Seiten und erstellen Inhaltszusammenfassungen, die dem Bot bei Interaktionen „zugeflüstert“ werden. Dabei überlappt jeweils ein Viertel der vorigen und der nächsten Seite, damit der Kontext nicht abreißt. Die „Pantopia“-Autorin Theresa Hannig hat diesen Prozess begleitet und maßgeblich daran mitgewirkt, dem Modell klare Regieanweisungen für seine Rolle als Protagonist zu schreiben.

„Wir füttern das Modell mit dem Charakter und der Tonalität, bis es souverän in der Rolle bleibt“, sagt Probst. Als „wichtigste Qualitätssicherungsinstanz“ bekam Hannig das letzte Wort: Wochenlang chattete sie mit Einbug und gab ihn immer wieder zurück an die Entwickler – „das hat uns Kraft gekostet“, gesteht Probst. Erst nach etwa zwei Monaten war die Autorin mit den Antworten zufrieden, der erste Chat mit ihrer eigenen Figur war für sie aber trotzdem kein Aha-Erlebnis: „Ich war ja schon immer im Dialog mit Einbug, für mich ist das eine totale Externalisierung.“

Mittlerweile ist Einbug als KI seit knapp drei Jahren im Einsatz – ein eingefrorener Entwicklungsstand vom Mai 2023, der mit fortschreitender Zeit zunehmend an der Realität der Leser vorbeizielt. Das fehlende Zeitgefühl betrachtet Probst als zentrale Schwäche des Modells. Theresa Hannig formuliert es netter: „Es ist wie mit einem Märchenprinzen, der weiß auch nichts von der Welt um sich herum.“ Vermutlich, so sagt sie, eigne sich der Bot nur für Bücher mit einfachen Figuren und linearer Handlung, etwa Unterhaltungsliteratur – gut genug für ein Publikum, das in einer Welt wie etwa „Twilight“ aufgehen, die Geschichte in tausend Varianten weiterspinnen oder Szenen räumlich erkunden will.

Die Kompetenz einer Autorin, die auch Softwareentwicklerin war

Bei komplexen Texten hingegen wirkt es fast entzaubernd, wenn eine Maschine in Millisekunden Antworten liefert, über die man sonst gerätselt hätte. „Ich würde mich hüten, einen Bot zu Kafka zu entwickeln“, sagt Hannig, „weil da so viel zwischen den Zeilen steckt.“ Politische Werke wie ihr eigenes Buch „Parts Per Million“ möchte sie deswegen auch nicht einer KI überlassen.

An ähnliche Grenzen stieß Probst beim gescheiterten Versuch, einen Bot für Kurt Tucholsky zu entwickeln: Da es zu wenig digitalisiertes Material für das Basistraining der Sprachmodelle gab, halluzinierte der Bot und lieferte nur oberflächliche Antworten. „Das Basistraining der großen Modelle (Open AI, Google et cetera) ist oft westlich geprägt, was wir bei solchen Projekten merken“, erklärt Probst. So bleibe das Projekt eher ein interaktiver „Fanservice“, der einer Publikumsnische die spielerische Vertiefung ihrer Lieblingsbücher ermögliche.

Was die Autorin selbst zu KI und Literatur denkt

Obwohl Hannig als ehemalige Softwareentwicklerin KI gegenüber nicht abgeneigt ist, nimmt die Autorin gegenüber deren Nutzung im kreativen Bereich einen kritischen, ja sogar oppositionellen Standpunkt ein: „Literatur mit KI zu erschaffen, halte ich für falsch, sogar für unmöglich, weil Literatur eine Art von Kommunikation zwischen Menschen ist.“ Die meisten Large Language Models (LLM) trainieren ihre Systeme mit geklauten Daten aus urheberrechtlich geschützten Werken – also ohne Erlaubnis und Bezahlung der Autoren. „Wir kriegen dafür keine Lizenzgebühren“, sagt Hannig, „wir wurden nicht gefragt, wir erhalten keine Tantiemen.“ Mit ihrer Skepsis steht sie nicht allein: Viele Autoren hegen Vorbehalte gegenüber KI, in der sie eine Bedrohung ihrer Existenz sehen.

Dementsprechend schwierig war es für Stefan Probst, Autoren für eine Zusammenarbeit zu finden. Diese Zögerlichkeit ist für ihn Folge fehlenden Wissens: „Die Zweifel sind immer dann besonders ausgeprägt, wenn sich Menschen noch nicht mit KI beschäftigt haben.“ Noch schwieriger gestalte sich die Kooperation mit Verlagen: „Wir sind blauäugig herangegangen“, sagt Probst, „und dachten am Anfang, wir müssten denen nur demonstrieren, wie großartig das ist.“ Verlage aber fürchteten Haftungsrisiken, falls der Bot falsche Informationen liefert: „Nach dem öffentlichen Dienst“, seufzt Probst, „sind Verlage wohl das Rückwärtsgewandteste, was wir haben.“ Viele weitere Bücher-KIs, etwa zu „Harry Potter“, schlummerten deshalb hinter einer internen Passwortschranke. Die erforderlichen Rechte für eine Nutzung werde das Team nie bekommen.

Als „Liebhaberei“ genießt das Projekt große Freiräume

Aufgrund dieser Schwierigkeiten konzentriert sich das Start-up wieder auf die didaktischen Projekte seiner Ursprungsidee. Diese Technologie lasse sich nahezu beliebig übertragen: auf Schulungsunterlagen, Vorlesungen oder Expertenwissen. „Das Ziel ist eine User-Interaktion, bei der man in den Inhalt eintauchen kann“, erklärt Probst. Ein KI-Fremdenführer für den Heise-Verlag sei zum Beispiel ein Projekt, mit dem sich das Start-up vom gegenwärtigen „AI-Slop“ unterscheiden will – dem von KI generierten Einheitsbrei. Das Versprechen des Fremdenführers ist ambitioniert: Nutzer sollen Fragen in beliebigen Sprachen stellen können, auf die die KI in muttersprachlicher Qualität antworte. Darin sieht Probst ein neues Potential für Verlage, insbesondere bei der internationalen Vermarktung und der Ansprache bislang unerschlossener Lesergruppen.

„Unwritten“ hat noch keinen wirtschaftlichen Nutzen erbracht, weshalb das Start-up die Beteiligten nicht bezahlen kann. Doch Probst ist zuversichtlich: Als „große Liebhaberei“ gebe das Projekt dem Team den nötigen Freiraum und Spielraum zum Experimentieren. Laut Hannig eignet sich „Unwritten“ nicht zur Vermarktung: Der finanzielle Aufwand für Serverkapazitäten und Rechenleistung stehe in keinem Verhältnis zu den generierten Buchverkäufen. „Für solche Scherze wie das begehbare Buch ist der Mehrwert leider zu gering“, sagt die Einundvierzigjährige, „das ist lediglich nice to have.“ Nur wenige Leser hätten das Angebot genutzt, und der Trend solcher Chatbots ebbe schon wieder ab.

Und doch: Ein Chat mit Einbug muss ja nicht nur als digitales Gegenüber fungieren, sondern könnte auch Trost spenden. In einem Zeitalter wachsender Einsamkeit übernimmt Künstliche Intelligenz immer häufiger soziale Funktionen. Die widerspruchsarmen Dialoge von Chatbots sind zugänglicher und bequemer als „echte“ Gespräche; sie sind auch nie hitzig. Wobei ihre permanente Verfügbarkeit den Drang zu echten Interaktionen weiter abschwächt.

Foren wie Good Reads sind daher eine bessere Alternative bei der Vernetzung mit Gleichgesinnten: Sie bieten mehr Widerspruch und Inspiration. „Die Leute beschäftigen sich sonst nur noch mit ihrer Version der Welt, wir teilen immer weniger“, warnt Theresa Hannig. Vielleicht ist es also besser, dass Einbug noch kein Suchtpotential hat.

Source: faz.net