Papst und Pentagon: War nix mit Avignon

Der vermeintliche Skandal zwischen Pentagon und Vatikan hat es bis in den Boulevard geschafft. „Bild“ schreibt, der vatikanische Nuntius in Washington, Kardinal Christophe Pierre, sei ins Kriegsministerium „einbestellt“ und mit einer „bitteren Standpauke“ traktiert worden: „Das gab es noch nie.“ Aber auch seriösere Medien haben sich in den vergangenen Tagen des diplomatischen Terminus „einbestellen“ (to summon) befleißigt, um den Charakter des Treffens zwischen dem damaligen Vertreter des Vatikans in den USA und Mitarbeitern des Pentagons zu schildern. Teils war von einem „geheimen Treffen“ die Rede, in dessen Verlauf gegen den Nuntius und den Papst „Drohungen“ ausgesprochen worden seien: mit dem Codewort „Avignon“. Dieses verweist auf eine dunkle Epoche der Kirchengeschichte, als im 14. Jahrhundert die französische Monarchie den Universalanspruch der Weltkirche nicht anerkennen wollte und Päpste festsetzen, misshandeln und in eine Art politische Geiselhaft (in Avignon) nehmen ließ.

Am Donnerstag reagierte das Pentagon. Demnach habe der für Politik zuständige Abteilungsleiter, Elbridge Colby, „am 22. Januar 2026 ein sachliches, respektvolles und professionelles Treffen mit Kardinal Pierre, dem damaligen päpstlichen Nuntius“, geführt. In dem „herzlichen Gespräch“ seien verschiedene Themen erörtert worden, „Fragen der Moral in der Außenpolitik, die Logik der nationalen Sicherheitsstrategie der USA sowie Europa, Afrika, Lateinamerika“. Der Kardinal habe sich „für die Kontaktaufnahme bedankt“, beide Seiten sähen mit Freude der Fortsetzung „des offenen und respektvollen Dialogs“ entgegen. Im Übrigen seien „die jüngsten Berichte über das Treffen stark übertrieben und verzerrt“.

Das Treffen fand bereits im Januar statt

Man sollte Mitteilungen des Pentagons mit gesunder Skepsis begegnen. Ebenso aber Berichten, die sich auf ungenannte Teilnehmer des Treffens berufen. Wieso hat Mattia Ferraresi, Redakteur der linken italienischen Zeitung „Domani“ und gelegentlicher Mitarbeiter von „The Free Press“ in den USA, bis Anfang April gewartet, um über das Treffen vom 22. Januar zu berichten? Weil er das Thema, im Zusammenhang mit dem Dissens zwischen Vatikan und Washington über den Irankrieg, zum „finalen Showdown zwischen Trump und Leo“ aufbauschen wollte, wie Ferraresi es selbst in „Domani“ formuliert? Oder gab ihm seine Quelle die Story jetzt erst, mit vergleichbarer Intention?

Elbridge Colby, Abteilungsleiter im Pentagon, führte das Gespräch mit  Kardinal Pierre.
Elbridge Colby, Abteilungsleiter im Pentagon, führte das Gespräch mit  Kardinal Pierre.Getty Images via AFP

Von einer „Einbestellung“ (Zitat Ferraresi) des Kardinals, der wegen Erreichen der Altersgrenze von 80 Jahren seinen Posten als Vatikan-Botschafter in Washington inzwischen geräumt hat, kann keine Rede sein. Botschafter werden ins Außenministerium einbestellt, ins Pentagon erfolgen Einladungen, die ein Nuntius annehmen oder ablehnen kann. In Rom teilte der US-Botschafter beim Heiligen Stuhl, Brian Burch, am Donnerstag mit, er habe mit Kardinal Pierre – seinem einstigen diplomatischen Pendant in Washington – über das Treffen gesprochen. Pierre habe den Bericht in „The Free Press“ vom 6. April, der die italienische Fassung in „Domani“ kurz darauf entspricht, als „Erfindung“ bezeichnet und die Darstellung „nachdrücklich zurückgewiesen“.

Auch andere Quellen im Vatikan und im Pentagon bestreiten, dass es eine Drohung gegeben habe, an die Erwähnung des Codeworts „Avignon“ kann sich niemand erinnern. Die amerikanische katholische Nachrichtenseite „The Pillar“, die fundiert über die Weltkirche berichtet, zitiert am Donnerstag eine Quelle aus dem Pentagon, wonach beim Treffen im Januar „die Position des Heiligen Stuhls zu Angelegenheiten, die für das Kriegsministerium relevant sind, ernsthaft und respektvoll erörtert“ worden sei. Es habe unterschiedliche Ansichten, aber „definitiv keine Feindseligkeit oder auch nur den geringsten Anschein von Nötigung“ gegeben. „Das ist schlichtweg absurd und eine Verleumdung“, so der Pentagon-Beamte zu „The Pillar“.

Aus dem vatikanischen Staatssekretariat wurden gemäß „The Pillar“ Verlauf und Atmosphäre des Gesprächs bestätigt. Zeitweise sei die Stimmung „angespannt“ gewesen, US-Beamte hätten sich mitunter „aggressiv“ und „einschüchternd“ geriert. Kardinal Pierre habe aber auf Augenhöhe dagegengehalten und die Position des Heiligen Stuhls und von Papst Leo XIV. ebenso entschieden vertreten. Es habe „keinerlei Drohungen“ gegeben, zitiert „The Pillar“ den Vatikan-Mitarbeiter, der sich gleichfalls nicht daran erinnern konnte, dass das „königstreue“ Gegenpapsttum von Avignon in dem Gespräch erwähnt worden wäre.

Source: faz.net