Ausstellung | Schamanin in Halle: Ein Grabfund aus Sachsen-Anhalt verändert dasjenige Bild jener Mittelsteinzeit

In einer Ausstellung in Halle ersteht die Schamanin von Bad Dürrenberg auf – nach 9.000 Jahren. Lange wurde sie für einen Mann gehalten und ihr Skelett verstaubte im Museumsarchiv. Dank neuster Methoden offenbart sich der Fund als Sensation


Künstlerische Reproduktion der Schamanin von Bad Dürrenberg

Abbildung: LDA Sachsen-Anhalt, Karol Schauer


Augenzittern. Hinter einem Vorhang aufgefädelter Hirschzähne flackert der Blick der Frau. Links und rechts rahmen Wildschweinhauer das Gesicht ein, das oben mit einem Geweih bewehrt ist. Plötzlich stoppt das rhythmische Augenrollen, klärt sich der Blick aus blauen Augen. Die Schamanin von Bad Dürrenberg hat ihre Seelenreise beendet.

So ähnlich muss man sich die neuesten Erkenntnisse vergegenwärtigen, die das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle in seiner Sonderschau vermittelt. Der 9.000 Jahre alte Fund offenbarte sich erst dank neuester Methoden als Sensation: Die Tote war eine Schamanin. Bisher war man davon ausgegangen, dass es diese spirituellen Fachkräfte erst in jüngerer Zeit gab. So transportiert die Schau Besucher in die unbekannte Mittelsteinzeit, in der Natur- und Geisterwelt in der Vorstellung eins sind.

Das Augenrollen der Schamanin von Bad Dürrenberg

Das Mesolithikum löste die Ära des Faustkeils ab. Vor rund 12.000 Jahren begann sich das Klima zu erwärmen. Gletscher schmolzen, Kältesteppen wichen Wäldern. Mitteleuropa wurde für die Menschen wieder wirtlicher. Hier erfanden sie neue Formen der Jagd und des Fischfangs, standen kurz vor der Sesshaftwerdung. Sie nahmen ihre Welt als beseelt wahr, waren davon überzeugt, mit Tieren, Pflanzen und Geistern zu kommunizieren. Das nehmen die Ausstellungsmacher in Halle jedenfalls an – mit der Schamanin von Bad Dürrenberg liefern sie eine plausible Begründung. Sie muss, so die Quintessenz, eine spirituelle Spezialistin gewesen sein, die mit mal rollendem, mal klarem Blick die Menschen ihrer Gruppe in Trance verband.

Das Museum in Sachsen-Anhalt ist berühmt für die Himmelsscheibe von Nebra. Der Sensationsfund der frühesten Himmelsdarstellung der Menschheit rückte vor 20 Jahren ältere Hallenser Schätze in den Hintergrund. Lange galt die Schamanin als „Medizinmann“. Im Zuge der Einweihung des Kurparks von Bad Dürrenberg, südlich von Halle, war man 1934 auf ihr Grab gestoßen. Damals stand die Archäologie im Dienst der NS-Ideologie, sollte beweisen, dass Europa Zuhause der „Ur-Arier“ ist. Natürlich erblickte man in dem Skelett einen Mann, das beigefügte Steinbeil schien das zu untermauern. Vom Alter ahnte man nichts und ordnete den Fund der Bronzezeit zu. In der DDR entdeckte man das wahre Geschlecht der Verstorbenen. Zur Besonderheit wurde sie erst durch ein erneutes Untersuchen der Fundstelle und die Auswertung mit neuesten naturwissenschaftlichen Methoden.

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Reichliche Grabbeigaben schmückten die tote Frau. Ein Blütenmeer aus Ranunkeln, Königskerze und Mädesüß – die Heilpflanzen sind ein erster Hinweis auf ihre Tätigkeit. Federn und Felle umgeben die Tote und ein ganzer Zoo von Knochen. Tiere aus Wald, Wasser und der Luft waren versammelt: Zähne vom Großwild, Igelgebein, Schildkrötenpanzer, Kranichknochen. Sie alle sind mit Löchern versehen und gehörten mutmaßlich zum Ornat eines – längst verrotteten – Schamanenanzugs. Aufwendig ausstaffiert diente er als Reisekleidung für die Fahrt in die Geisterwelt.

Ein Säuglingsskelett und die Halswirbel zweier kleiner Jungen, Verwandte vierten oder fünften Grades, fanden die Archäologen ebenfalls im Grab. Vielleicht fungierten sie – wie wahrscheinlich alle durch Knochen angerufenen Tiere – als Hilfsgeister der Schamanin.

Was die DNA-Analyse des Frauenskeletts ergab

Rote Farbpigmente deuten auf die Körperbemalung der Frau hin, die laut DNA-Analyse dunkle Haare und Haut sowie helle Augen hatte. Angefeilte Zähne unterstützen die Schamanismus-These, vor allem aber eine anatomische Anomalie: Eine Fehlbildung zweier Halswirbel an der Schädelbasis konnte zum Abklemmen der Arterie führen, was das eingangs beschriebene Augenrollen hervorruft. Während eines Rituals muss das einen eindrucksvollen Effekt auf die Umsitzenden gehabt haben. Ob die Frau die Kopfbewegung bewusst als Technik einsetzte, um eine Seelenreise glaubhaft anzudeuten, weiß man nicht. Vielleicht schrieben ihre Mitmenschen ihr die Fähigkeit auch zu, weil das Augenrollen immer wieder ungewollt einsetzte.

Man weiß durch kulturübergreifende Vergleiche, dass oft Menschen mit Makeln als Schamanen wirkten. Um sie versammelte man sich, um im gemeinschaftlichen Ritual kollektive Ekstase zu erfahren. Rhythmisch monotone Trommelschläge – wie beim Rave – und eventuell psychoaktive Substanzen verhelfen Schamanen zu anderen Bewusstseinszuständen. Dabei reisen sie für die um sie Versammelten in eine Anderswelt, um für Heilung zu sorgen, den Jagderfolg zu vergrößern oder Zukunftsvorhersagen einzuholen.

Halle ist Teil einer größeren wissenschaftlichen Diskussion

Die Ausstellung setzt den Fund von Bad Dürrenberg in Verbindung zu Funden in Israel und den USA. Auch dort vermutet man, dass es sich um Schamanen der Mittelsteinzeit handelt. Aufgrund dieser drei Funde kann man von Schamanismus in dieser Ära nun überhaupt sprechen. Damit lässt die Schau das Publikum direkt an der wissenschaftlichen Diskussion teilhaben. Zudem erhellt sie diese Epoche durch regionale und europaweit ausgeliehene Exponate. Manche Teile fallen zu textlastig aus. Aber wenn ein Trickfilm zeigt, wie ein Heilritual funktioniert oder das Skelett mit Beigaben aufgebahrt wird, ist das anschaulich.

Mit dem rekonstruierten Gesicht und Ornat wird die Schamanin lebensnah. Man fühlt, wie Menschen über Zeiten hinweg verbunden sind, weil sie Menschen sind. Wie die Schamanin wirkt die Ausstellung selbst als Vermittlerin, die uns eine Reise in die Welt vor 9.000 Jahren ermöglicht.