Adieu, Dubai! Italien ködert Superreiche mit Steuervorteilen

Vor etwas mehr als einem Monat war Dubai noch das naheliegende Ziel für globale Wohlhabende auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Nur wenige Städte bieten die Möglichkeit, riesige Summen steuerfrei zu verdienen und diese in einer Vielzahl von Luxushotels, Restaurants und Geschäften auszugeben.

Doch die Vereinigten Arabischen Emirate stehen unter iranischem Beschuss und Dubais Ruf als Zufluchtsort für die globale Elite bröckelt. Superreiche suchen nun nach einem Weg zurück nach Europa. Und Mailand, das Finanzzentrum Italiens, klettert an die Spitze der Liste als Ersatz für Dubai. „Italien bietet die besten Vorteile: eine Pauschalsteuer und eine hohe Lebensqualität“, sagt etwa Armand Arton.

Er arbeitet als Berater für Multimillionärs- und Milliardärsfamilien und hilft ihnen dabei,umzusiedeln und durch Investitionen die Staatsbürgerschaft zu erlangen. „Menschen, die die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen, können sich gut vorstellen, in Rom oder Mailand zu leben, da es sich um internationale Metropolen handelt“, so Arton.

Die Steuern in Italien sind Peanuts für die Überreichen

Warum ausgerechnet Mailand, wo bereits einige der reichsten Banker, Anwälte und Investoren Europas leben, zu einer so beliebten Wahl geworden ist, ist leicht nachzuvollziehen: Nach dem italienischen Pauschalsteuersystem zahlen ausländische Einwohner jährlich „nur“ 300.000 Euro auf alle Einkünfte aus dem Ausland – Peanuts für die Reichsten der Welt.

„Wir waren schon immer eine internationale Stadt, aber das ändert sich gerade“, sagt Diletta Giorgolo, die das Wohnimmobilienbüro des traditionsreichen englischen Auktionshauses Sotheby’s in Italiens Wirtschafts- und Modehauptstadt leitet.

„Wir haben unser spezielles Steuersystem seit 2017, aber als Großbritannien den Non-Dom-Status abschaffte, kam eine Welle neuer Käufer nach Mailand.“ Der Non-Dom-Status ermöglichte es Personen, 17 Jahre lang in Ländern wie Malta, Zypern oder Irland von steuerlichen Vorteilen auf Anslandseinkommen zu profitieren.

Im Rest Europas sind die Steuer-Vorschriften strenger

Nun, da die nächste Welle wohlhabender Zuwanderer ihr Augenmerk auf die Stadt richtet, stellt sich die Frage: Kann Mailand zur neuen Heimat der Superreichen werden? Der Krieg in der Golfregion hat bereits eine Abwanderungswelle wohlhabender britischer Staatsangehöriger ausgelöst, doch nicht alle sind bereit, in ihre Heimat zurückzukehren.

Für viele Europäer ist Italien deshalb die strategisch beste Option. Im Gegensatz zu den strengeren Vorschriften, wie etwa im Vereinigten Königreich, müssen die neuen Einwohner Italiens, die in den letzten zehn Jahren mindestens neun Jahre lang keine Steuern im Land gezahlt haben, keine Steuern auf ihre ausländischen Einkünfte entrichten.

Dafür aber die jährliche Pauschalsteuer in Höhe von 300.000 Euro. Sie werden dann auf ihre italienischen Einkünfte und Kapitalerträge aus Investitionen innerhalb von fünf Jahren nach Wahl der Pauschalsteuer besteuert.

„Das System ist einfach und die Menschen lieben es“

Marc Acheson vom Finanzplanungsunternehmen Utmost Wealth Solutions ist sich sicher, dass Italiens Attraktivität zugenommen habe, da Großbritannien etwa mit der Abschaffung des Non-Dom-Status an Glanz verloren hätte. In Mailand werde viel darüber gesprochen, dass die italienische Regelung angeblich „svuota Londra“ oder „Evakuiert London“ genannt wird.

„Obwohl Italien bereits 2017 ein Pauschalsteuersystem hatte – damals lag es bei 100.000 Euro – zog es keine Menschenmassen an“, sagt Acheson. „Die Abschaffung des Non-Dom-Regimes hat das Interesse an Italien erst richtig geweckt, da es zu einem Zeitpunkt kam, als auch Portugal seine Vorschriften verschärfte.“

„Das System ist einfach und die Menschen lieben es“, fügt Acheson hinzu. „Italien ist ein wunderschönes Land, Mailand verfügt über einen stark ausgeprägten Finanzdienstleistungssektor. Vieles von dem, was London attraktiv macht, findet man auch in Mailand.“

Italien wirkt heute politisch stabil

Roberto Bonomi, Partner der Anwaltskanzlei Withers, fügt hinzu, dass Italien seinen Ruf als politisch instabilen Standort abgelegt habe. Giorgia Meloni, die populistische Ministerpräsidentin, seit 2022 im Amt, kam mit offen rechtsextremer Politik an die Macht und scheint, ihre ideologische Ausrichtung abgeschwächt zu haben.

„Anfangs gab es einige Skepsis“, sagt Bonomi. „Aber nach vier Jahren zeigt sich, dass es sich um ein stabiles System handelt. Kunden haben keine Angst mehr vor Italien – und die jüngsten Ereignisse zeigen, dass Unsicherheit überall herrscht.“

Anfangs kamen Italiener, jetzt kommen Expats

Nach Schätzungen der auf Steuerrecht spezialisierten italienischen Anwaltskanzlei Maisto e Associati haben sich bislang etwa 5.000 Personen für das italienische Pauschalsteuersystem angemeldet. Anfangs handelte es sich bei vielen Antragstellern um Italiener, die in London gelebt hatten, sagt Marco Cerrato, Partner der Kanzlei.

„Sie waren in der Regel im Bankwesen, im Versicherungswesen, in der Vermögensverwaltung oder für Hedgefonds tätig. Sie hatten das letzte Jahrzehnt in Großbritannien verbracht und wollten aus persönlichen und steuerlichen Gründen nach Italien zurückkehren“, sagt er.

„Doch dann, nach der Pandemie, kamen immer mehr Menschen. Und nun, insbesondere nachdem die Tories angekündigt hatten, das Non-Dom-Abkommen abzuschaffen, haben wir erneut einen Anstieg zu verzeichnen.“

Laut Arton zeichnet sich nun eine weitere Welle aus der Golfregion ab. „Italien bearbeitet Anträge zügig. Daher zieht das Land vor allem Menschen an, die die Region verlassen. Sie wollen nach Europa ziehen, um von der Pauschalsteuer sowie der Lebensqualität zu profitieren.“

Der Zuzug einer neuen, wohlhabenden Bevölkerungsgruppe treibt die Preise in Mailand bereits in die Höhe. Laut einer Studie des Immobilienmaklers Knight Frank sind die Immobilienpreise in den letzten fünf Jahren um 38 Prozent gestiegen.

In Mailand steigen die Immobilienpreise

Mailand hat Venedig kürzlich als teuerste Stadt Italiens überholt, mit einem Durchschnittspreis von 5.171 Euro pro Quadratmeter im November 2025, so das italienische Immobilienportal Idealista.

In einigen der begehrtesten Gegenden wie Sant’Ambrogio, Brera, San Marco oder den Cinque Vie in der Nähe des Doms sind die Preissteigerungen sogar noch deutlicher.

Giorgolo schätzt, dass es auf dem Markt mittlerweile zwischen 30 und 40 Prozent mehr internationale Käufer gibt als noch vor zwei Jahren. „Früher suchten internationale Käufer nach einer Zweitwohnung in Mailand oder vielleicht am Comer See, doch heute suchen sie nach einem Wohnsitz in Italien. Sie möchten in der Nähe von guten internationalen Schulen und großen Flughäfen wohnen.“

Zu den weiteren Steuervergünstigungen gehört das Programm „Il rientro dei cervelli“ („Rückkehr der klugen Köpfe“), wodurch neue oder zurückkehrende Einwohner Italiens, die bestimmte Kriterien erfüllen, fünf Jahre lang nur auf 50 Prozent ihres Einkommens Steuern zahlen müssen. Für einige Einwohner sind noch größere Ermäßigungen möglich.

Frankreich wirft Italien „Steuerdumping“ vor

Die Millionen-Dollar-Frage sei jedoch, ob es eine Obergrenze für Italiens Pauschalsteuersystem gebe, sagt Bonomi. Diese sei von 100.000 Euro im Jahr 2017 auf 200.000 Euro im Jahr 2024 und zu Beginn dieses Jahres auf 300.000 Euro gestiegen. „Die italienische Regierung will die Pauschalsteuer erhöhen, um das Land wirtschaftlich zu fördern. Wir wollen jedoch nicht zum unlauteren Wettbewerb gegenüber anderen Ländern aufrufen.“

Inwiefern Italien seinen Vorteil ausbauen kann, bleibt also fraglich. Im vergangenen Jahr warf der ehemalige französische Premierminister François Bayrou Italien „Steuerdumping“ vor, was Meloni als „völlig unbegründet“ zurückwies.

In der Zwischenzeit verändert sich das Leben in Mailand rasant. Ähnlich wie in Dubai schießen Galerien, Mitgliederclubs und Hotels wie Pilze aus dem Boden: Die italienische Regierung senkte die Mehrwertsteuer auf den Verkauf und Import von Kunstwerken von 22 Prozent auf 5 Prozent, einer der niedrigsten Sätze in Europa. Galerien wie Thaddaeus Ropac veranlasste die Senkung dazu, in der Stadt zu expandieren.

Luxus, wohin das Auge blickt

Im Jahr 2024 überholte die exklusive Via Monte Napoleone die New Yorker Upper Fifth Avenue als teuerste Einkaufsstraße der Welt. Im vergangenen April musste sie den Spitzenplatz an Londons Bond Street abgeben, doch dank ihrer Umwandlung in eine Fußgängerzone im Mai ist sie bestens dafür gerüstet, um den Spitzenplatz in diesem Jahr zurückzuerobern.

Etliche Marken folgen dem neuen Geldstrom, darunter private Mitgliederclubs wie Casa Cipriani und Soho House. Die gleichen Veränderungen würden sich auch in Rom vollziehen, fügt Giorgolo vom Auktionshaus Sotheby’s hinzu. Luxushotelketten wie Rosewood und Four Seasons wollen bis 2027 Hotels in der Stadt eröffnen.

„Die Expat-Gemeinde bringt sowohl in Mailand als auch in Rom viele Veränderungen mit sich“, erklärt sie. „Während großer Veranstaltungen wie der Fashion Week war Mailand schon immer eine internationale Stadt. Aber jetzt geht es darum, dass die Expats hier leben und die Stadt das ganze Jahr über prägen.“

Ob die Stadt jedoch in der Lage sein wird, Dubai als Zentrum der globalen Elite zu entthronen, bleibt abzuwarten. „Ich bin mir sicher, dass sich Dubai von den aktuellen Sicherheitsbedenken erholen wird“, sagt Arton. „Es mag vielleicht nicht mehr für jeden das Richtige sein, aber es wird immer noch bestimmte Gruppen geben, die Dubai attraktiv finden. Es gibt einfach nicht viele andere Orte auf der Welt, die diese Mischung aus Chancen und Lebensqualität bieten.“