Der „Kartätschenprinz“ und die Revolutionärin trieben „schamlos Ehebruch“

Wilhelm I. von Preußen ist als biederer alter Herr in die Geschichte eingegangen. Tatsächlich hatte er es faustdick hinter den Ohren. Ein Historiker hat in unausgewerteten Quellen Spuren von vielen Affären entdeckt – und von unehelichen Kindern.

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Wilhelm I. (1797–1888), ab 1861 König von Preußen und ab 1871 Deutscher Kaiser, gilt gemeinhin als freundlicher Grüßaugust, der tat, was sein Ministerpräsident und Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) von ihm verlangte. Die Disposition dazu erkannten schon seine Eltern, Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) und Luise. Die Königin charakterisierte ihren Zweitgeborenen als „einfach, bieder und verständig“ und erkannte in ihm Eigenschaften ihres oft einfältigen Gatten. Anders als sein älterer Bruder und Thronfolger Friedrich Wilhelm (IV.; 1795–1861) entwickelte Wilhelm nur wenig Interesse an Geschichte, Religion, Geografie, Mathematik und Deutsch, Fächern, die für Prinzen der Hohenzollern verbindlich waren. Auffällig war dagegen Wilhelms Vorliebe für alles Militärische, was die Eltern bewog, ihn für eine entsprechende Karriere vorzusehen.

Das prägte ihn nachhaltig. Bis ins Alter schlief er am liebsten in einem Feldbett und trug schlichte Uniformen. Auch Gehorchen hatte er gelernt. Als der Vater ihm befahl, seine Liebesbeziehung mit der polnischen Gräfin Elisa Radziwill – weil nicht standesgemäß – aufzugeben und stattdessen 1829 die Prinzessin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach zu heiraten, folgte er dem Wunsch. Dies, obwohl er an der 17-Jährigen „die Weiblichkeit“ vermisste und ihm ihr „gereifter Verstand und scharfe Denkkraft“, wie es der Historiker Jürgen Angelow ausdrückt, auf die Nerven gingen. Immerhin konnten sich beide in ihre Rollen einfinden, sodass 1831 der Sohn Friedrich, der spätere 99-Tage-Kaiser Friedrich III., und 1838 die Tochter Luise geboren wurden.

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Die Vaterfreuden hielten Wilhelm jedoch nicht davon ab, seine erotische Erfüllung in fremden Betten zu suchen. Spuren von erstaunlichen Affären hat jetzt der Trierer Historiker Jan Markert entdeckt. Anders als die meisten Kollegen, die das traditionelle, maßgeblich von Bismarck geprägte Bild des Kaisers übernommen haben, hat sich der Wissenschaftler für seine Dissertation „Wilhelm I.“ (De Gruyter) durch dessen voluminösen Nachlass im Geheimen Staatsarchiv in Berlin gequält. In den mehr als 27 Regalmetern sowie in weiteren Quellenbeständen fand Markert zahlreiche Namen von Frauen, mit denen Wilhelm „schamlos Ehebruch treibe“, wie der dem Hof nahestehende Politiker Ernst Ludwig von Gerlach 1863 in seinem Tagebuch festhielt.

Dass diese „Mätressenwirtschaft“ nicht unentdeckt blieb, erklärt sich durch die mangelnde Diskretion Wilhelms. Daran änderte sich auch nichts, als er seinem kinderlosen, kranken Bruder Friedrich Wilhelm IV. 1858 erst als Prinzregent und 1861 als König nachfolgte. So wusste Gerlachs Generals-Bruder Leopold 1859 von einer „liederlichen Frau von Boomelburg“, die der Prinz von Preußen „vielfältig besucht … darüber gehen die Geschichten mit den Tänzerinnen ihren Gang fort“.

Von derartigen „Kulissenliebschaften“ im Theatermilieu gab es offenbar eine ganze Menge. Wilhelm soll sich auch nicht gescheut haben, mit Louise von Oriola eine Hofdame seiner Frau zu seiner Geliebten zu machen. Der Plan, ihr „eine angemessene Wohnung“ zu mieten, wurde allerdings von Augusta durchkreuzt.

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Besonders pikant ist eine Verbindung, auf die Markert im Tagebuch des Direktors des Berliner Taubstummeninstituts Carl Wilhelm Saegert stieß. Darin ist von einer gewissen Lucie Lenz die Rede, die sich im Berlin des Vormärz als Schriftstellerin und Gesellschafterin einen Namen gemacht hatte und die im Oktober 1848 von einem „unglücklichen Liebesverhältnis“ gezeichnet war. Zuvor hatte sie sich im Juni beim Sturm auf das Berliner Zeughaus beteiligt und aktiv im „Demokratischen Frauenclub“ engagiert.

„1845 hatte Lenz ein uneheliches Kind zur Welt gebracht, über dessen Vaterschaft sie sich zeit ihres Lebens bis zu ihrem Tod 1913 ausschwieg“, sagt Markert: „Polizeiuntersuchungen über ihre revolutionären Tätigkeiten 1848 ergaben, dass sie seit 1844 Kontakte zum Berliner Hof unterhielt und dort von einer hochstehenden Person protegiert wurde, die vermutlich auch der Vater ihres Kindes war.“ Über die Identität des Mannes spekuliert die Forschung bis heute.

Saegert, ein enger Vertrauter Friedrich Wilhelms IV., zitiert im Eintrag vom 6. Oktober 1848 Eugen von Puttkamer, der bis 1847 Polizeipräsident von Berlin gewesen war: „Er wisse, dass sie (Lucie Lenz) mit dem Prinzen von Preußen Verhältnisse gehabt habe.“ Vier Tage später notierte Saegert sogar: „Die Lenz ist bestechlich und soll der geheimen Polizei manches verrathen haben, besonders aber wollte sie mit dem Prinzen v. P. zusammen kommen, sie müssen nothwendiger Weise schon Beziehungen gehabt haben.“

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Das war starker Tobak. Denn während der Märzrevolution 1848 hatte sich Wilhelm für ein hartes Vorgehen gegen die Demonstranten ausgesprochen und dafür den Schmähnamen „Kartätschenprinz“ erhalten. Er musste heimlich aus Berlin fliehen und sich in England in Sicherheit bringen. Wenn Puttkamer Saegert gegenüber erklärte: „Nun ist es auch erklärlich, wie (Julius von) Minutoli (Puttkamers Nachfolger als Polizeipräsident) im März dem Prinzen soviel Furcht einflößen könnte“, dürfte das ein Reflex auf die internen Untersuchungen gewesen sein, die Wilhelms Aktion ausgelöst hatte. Auch auf Lucie Lenz wirft der Vorgang ein fahles Licht. In einer Ausstellung auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin wurde sie 2025 noch als Heldin der Frauenbewegung gefeiert.

In Wilhelms Nachlass stieß Markert auch auf die Korrespondenz mit einer gewissen Gabriele de Karska aus den 1870er- und 1880er-Jahren, von der unlängst auch der „Spiegel“ berichtete. Die 154 Briefe von und 205 Briefe und 43 Telegramme an die polnische Adlige wurden später von Wilhelm II. aufgekauft, wohl „um zu verhindern, dass diese an die Öffentlichkeit gelangten“, sagt Markert. Der Großvater schickte der Karska Porträtbilder, sie revanchierte sich mit Haarlocke, gepressten Rosen und Bildern von sich und ihrem Sohn Charles.

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Der wird in den Briefen zwar als „Patensohn“ Wilhelms bezeichnet, aber ein weiterer Fund macht eine andere Deutung wahrscheinlich. Im Nachlass des Bankiers Gerson von Bleichröder, der in der Baker Library in Harvard verwahrt wird, liegen 13 Briefe aus den Jahren 1884 bis 1886, in denen Gabriele de Karska um finanzielle Unterstützung Wilhelms für Bauprojekte bat, die ihr Mann, ein polnischer Unternehmer, im Zarenreich durchführte. Wilhelm reichte die Briefe an Bleichröder weiter und empfahl sie seiner „Unterstützung“. Derartige Protektion macht es durchaus wahrscheinlich, dass Charles ein uneheliches Kind Wilhelms gewesen ist.

Markert verweist auf eine Bemerkung Marie von Bunsens, die im Kreis um Wilhelms Sohn Friedrich (III.) verkehrte und einen angesagten Salon in Berlin führte: „Diese Herren (Militärs am Hof) wussten von den Liebhabereien des Hohen Herrn, kannten aber auch seine geschmackvolle Vorsicht, niemals war ein Skandal vorgekommen … Wenig wurde über die illegitimen Kinder gesprochen. Gras ist über diese kleinen Episoden gewachsen.“

In den Garde-Regimentern, in denen die Hohenzollern-Prinzen privilegierte Stellungen einnahmen, wurde das etwas anders gesehen. Ein Offizier reimte über die derben „Kavalierstouren“: „Was in schnöden Unzuchtgruben kaum getraut ein Wüstling sich – allerhöchste Lotterbuben wagten solches öffentlich! Kann für Sitt und Frauenehre ein zerschlagenes Schädelein, wenn es noch so vornehm wäre – ein zu hoher Preis wohl sein?“

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de