Zum Tod Mario Adorfs: Der anti-provinzielle Deutsche
Die Bezeichnung Weltstar lehnte Mario Adorf ab. Bis nach Hollywood habe er es nie gebracht – einen Miniauftritt in Francis Ford Coppolas „Der Pate“ hatte er 1972 abgesagt, mit Hollywood-Legende Billy Wilder aber immerhin sechs Jahre darauf im Melodram „Fedora“ gearbeitet. Seine Herausforderungen habe er lieber im europäischen Kino gesucht, betonte er bis vor Kurzem immer wieder in Interviews. Da könne von Weltstar doch keine Rede sein, fand Adorf. Sein Lebenslauf widerspricht ihm.
Den Durchbruch brachte ihm 1957 die Rolle als naiv-brutaler Serienmörder Bruno Lüdke in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“. Siodmak hatte Adorf auf der Bühne der Münchner Kammerspiele entdeckt, wo der Schauspieler im Theaterstück „Die Caine war ihr Schicksal“ nicht mal eine Sprechrolle hatte, aber den Regisseur mit seiner bloßen physischen Präsenz beeindruckte: „Er saß auf der rechten Bühnenseite als Stenograph und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit. Das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität, dass er auffiel und ich mich bereits damals entschloss, ihn eines Tages zu besetzen.“
Schurke bei Winnetou
Die Mörderrolle im Nazi-Krimi brachte Adorf den Bundesfilmpreis, legte ihn aber auch für längere Zeit aufs Schurkenfach fest. Er bediente es genüsslich. 1963 gab er in der Karl-May-Verfilmung „Winnetou I“ den Bösewicht Santer, der am Ende sogar die Schwester des Helden erschießt – eine auch im deutschen Nachkriegskino schockierende Film-Tat, auf die ihn Fans bis ins hohe Alter ansprachen. Ende der Sechzigerjahre drehte er vermehrt auch in Italien, spielte an der Seite von Sophia Loren und Marcello Mastroianni in der Fantasy-Komödie „Die Über-Sinnliche“ (1968) und gegenüber Franco Nero sogar einmal Mussolini in „Die Ermordung Matteottis“ (1973).
Italien hatte es ihm angetan; er wollte italienischer sein als die Italiener. Was ihm auf der Leinwand mit seinen dunklen Haaren und dem markanten Profil problemlos gelang, gestaltete sich im echten Leben schwieriger: Schnell wurde Adorf bei seinen Aufenthalten in Italien bewusst, dass er nicht dem italienischen Lebensgefühl nachjagte, sondern der Kunst und Kultur Italiens – ein Drang, den er schließlich als „etwas sehr Deutsches“ für sich definierte. Adorf befand sich mit dieser Italiensehnsucht in guter Gesellschaft, schon Goethe hatte dafür die Alpen überquert, und wie jener unter dem Begriff Weltliteratur die Literatur der Franzosen, Italiener, Engländer oder Deutschen verstand, die in einem kosmopolitischen Geist geschaffen wurde, so erspielte Mario Adorf als einer der letzten deutschen Schauspieler sich den Status eines Weltstars, der seine deutschen Züge nicht verleugnet, sie aber kosmopolitisch ausprägt.
In der Schweiz geboren, in Deutschland aufgewachsen
Am 8. September 1930 in Zürich geboren, wuchs Adorf im rheinland-pfälzischen Mayen in der Eifel auf. Seine Mutter Alice Adorf war Röntgenassistentin, sein Vater der anderweitig verheiratete Chirurg Matteo Menniti. Die Mutter verließ schwanger von dieser Affäre ihre Stelle, brachte den Sohn in der Schweiz zur Welt und machte sich dann in ihrer deutschen Heimat als Näherin selbständig. Den Jungen zog sie allein auf. Da das Geld nicht reichte, musste Adorf im Alter von drei Jahren die Woche über in ein katholisches Waisenhaus gehen.
Hier lernte er Latein und war bei den Messen bald textsicherer als die Nonnen. Das schnelle Lernen half ihm später bei seinen Rollen. Latein brauchte er als Jugendlicher noch einmal, um sich beim einzigen Treffen mit seinem leiblichen Vater zu verständigen – der Vater sprach kein Wort Deutsch und Adorf damals noch kein Wort Italienisch. Latein war ein Mittelweg. Adorf bat den Vater um finanzielle Unterstützung für sein Studium an der Universität Zürich. Der Vater zahlte. Adorf begann nebenher als Regieassistent beim Schauspielhaus zu arbeiten und brach das Studium dann ab, um sich vollkommen der Schauspielerei zu widmen.
Ob die auf der Bühne stattfand oder für die Leinwand oder das Fernsehen vorgesehen war, machte für die Intensität, mit der sich Adorf seinen Rollen widmete, keinen Unterschied. Es gelang ihm sogar trotz aller kulturellen Veränderungen, in jedem Medium über Jahrzehnte präsent zu bleiben. Als einer der wenigen etablierten Darsteller fand er auch Anschluss bei den Vertretern des „Neuen Deutschen Films“, die von Mitte der Siebzigerjahre an die Filmlandschaft der Bundesrepublik veränderten. Volker Schlöndorff besetzte ihn als ermittelnden Kommissar in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und als naiv-angepassten Vater Matzerath in seiner Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ (1979), Rainer Werner Fassbinder holte ihn als Baulöwen Schuckert in seiner Satire „Lola“ (1981) vor die Kamera, und Werner Herzog ließ ihn in einer ersten, unveröffentlichten Fassung von „Fitzcarraldo“ die Hauptrolle spielen.
Und als in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren Fernsehfilmreihen jene Bedeutung erlangten, die heutige Generationen nur noch Streamingserien beimessen, dominierte Adorf auch dieses Feld. Der Produzent Dieter Wedel besetzte ihn unter anderem in seinen Mehrteilern „Der große Bellheim“ (1992), „Der Schattenmann“ (1996) und „Die Affäre Semmeling“ (2002) in Hauptrollen. Und selbst wenn er eine Nebenrolle bekleidete, war es sein Auftritt, der im Gedächtnis blieb.
So geschehen etwa in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ (1986), wo Adorf einen steinreichen Klebstofffabrikanten spielte. Der Geschäftsmann will unbedingt in die Schlagzeilen, der Klatschreporter „Baby“ Schimmerlos hat keine Lust, ihm dabei zu helfen. Da platzt dem Klebstoffmann der Kragen und er beschreibt dem Journalisten eindrücklich, wer hier aufgrund des Vermögens das Sagen hat. Der Satz „Ich scheiß’ dich so was von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast“ geistert noch heute als Meme durchs Internet. Am Ende drückt der Reiche den Reporter an seine Brust: „Ich will doch nur dein Freund sein, nenn’ mich Heini.“ Härte, vor allem die des Machos, hat einen Kern aus weichem Karamell; das lernte der deutsche Schauspieler in Italien.
Nach Jahren in Rom und an der Côte d’Azur zog Adorf nach Paris, wo er mit seiner französischen Ehefrau Monique lebte. Am Mittwoch ist er dort in seiner Wohnung im Alter von 95 Jahren gestorben.
Source: faz.net
