freiwilliger Nachhaltigkeitsstandard: Nun wird Ökologie voluntaristisch

Tief in Schwaben, zwischen Stuttgart und Tübingen, gibt es solche Betriebe noch: 200 Jahre alt, 165 Angestellte mit unterschiedlichsten Arbeitszeitmodellen aus 34 Nationen und eine treue Kundschaft, die weiß: In der Herrenberger „Bäckerei Baier“ ist man überzeugt, mit jeder Brezel die Welt ein bisschen besser machen zu können. Inhaber Jochen Baier vertraut auf Inhaltsstoffe aus Demeter-Anbau, nicht weil er Anthroposoph sei, sondern weil er sicher sei, seinen Kunden biologisch erzeugtes Brot zu verkaufen.
Mit seiner Betriebsgröße lag Baier seit jeher unterhalb der Grenze, ab der Unternehmen verpflichtend einen Nachhaltigkeitsbericht anfertigen müssen. Aber an seiner Gesinnung ließ er keine Zweifel aufkommen. „Wir haben 100 Prozent Ökostrom bezogen, viele haben es mir geglaubt“, sagt er. „Wir haben kleine Geschichten heruntergebrochen und auf Tüten gedruckt.“ Das war seine Art, seinen Anspruch zu dokumentieren.
Zertifizierungen für Bioprodukte fand er zu kompliziert. Aber gegenüber seinen großen Firmenkunden muss er belegen, wie ernst es ihm mit der Umwelt ist. „Wir backen vor allem Brot und Brezeln, die wir an Denn’s und Alnatura verkaufen, die berichtspflichtig sind.“
Jochen Baier hat als erster deutscher Unternehmer einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem freiwilligen Berichtsstandard VSME an den Deutschen Nachhaltigkeitskodex geliefert. Ursprünglich war der als vereinheitlichtes Verfahren eingeführt worden, um Unternehmen in der Größe von Baiers Bäckerei eine Möglichkeit zu geben, gegenüber Geschäftspartnern in der Lieferkette zertifiziert über Nachhaltigkeitsaktivitäten berichten zu können. Er war schlanker angelegt als der europäische Standard für größere Unternehmen CSRD.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Nach einem hitzigen Streit sollen nur noch Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern berichtspflichtig sein. 90 Prozent der ursprünglich berichtspflichtigen Unternehmen fallen heraus. Doch viele Mittelständler hatten mit dem Prozess begonnen, sich einer doppelten Wesentlichkeitsprüfung zu unterziehen, die ihre Effekte auf die Umwelt und die finanziellen Risiken durch Umweltveränderungen analysiert hat. Nun gewinnt der freiwillige Standard, der künftig nur noch VS heißen soll, für größere Unternehmen an Attraktivität.
Künftig lieber freiwillig
„Wir sehen einen Sinn darin, Daten vergleichbar transparent weiterzugeben“, sagt Victoria Diekkamp-Reimann vom Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Durch die Diskussion um den Berichtsstandard CSRD sei der freiwillige Standard beinahe schon zu den Akten gelegt worden. Nun werde das Konzept wieder wertvoll, weil Unternehmen gegenüber Kreditgebern davon profitieren, nach einer einheitlichen Logik Daten abzuliefern. „Es soll nicht so sein, dass bei zehn Banken zehn Fragebögen abgeliefert werden, damit es nicht zu viel Arbeit wird“, sagt sie. Viele Unternehmen hätten nach ihrer Wesentlichkeitsanalyse dankbar alle Anstrengungen abgebrochen. Doch Banken und Versicherer fragten weiterhin Daten zu Umwelt, Sozialem und guter Unternehmensführung (ESG) ab.
Auch deshalb wenden sich nicht alle Unternehmen vom Datensammeln ab. Im Sustainability Transformation Monitor, den die Bertelsmann-Stiftung mit einigen Partnern erstellt hat, gaben zum Beispiel 44 Prozent der befragten Unternehmen mit 501 bis 1000 Mitarbeitern an, künftig nach dem freiwilligen Standard VSME berichten zu wollen. In der Unternehmensgröße bis 500 Mitarbeitern stieg der Anteil gegenüber der vorherigen Befragung von 10,7 auf 59,5 Prozent. Hier zeichnet sich eine Abstimmung mit den Füßen zum einfacheren Standard mit weniger Datenpunkten ab – aber kein vollständiger Abschied von der Berichterstattung. Die Unternehmen sind froh, dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Bemühungen ihres Vorgängers Robert Habeck (Grüne) um einen einfachen Standard fortgesetzt hat.
Denn trotz der Vereinfachungen und des geringeren Anwendungsbereichs der CSRD, durch den Tausende Unternehmen von der schärferen Regulierung verschont bleiben, sind andere Rahmenbedingungen unverändert. „Für Banken bleiben aussagekräftige ESG-Daten essenziell, um ESG-Risiken und strategische Nachhaltigkeitsziele angemessen zu steuern“, sagt Torsten Jäger, Leiter Sustainable Finance des Bankenverbands. Der VSME sei ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz. Die deutschen Kreditinstitute werben dafür, dass dieser breit genutzt werde. „Der freiwillige Berichtsstandard dürfte branchenübergreifend einen Großteil des allgemeinen Datenbedarfs von Banken auf Unternehmensebene abdecken“, sagt er.
Im Maschinenbau zum Beispiel empfinden viele Unternehmen ihre bisherigen Anstrengungen als einen Gewinn, weil sie nun besser über Risiken für ihr Unternehmen informiert sind. Typischerweise sei es ihnen in der Wesentlichkeitsanalyse gelungen, die 1200 Datenpunkte der CSRD auf 600 zu reduzieren, sagt Judith Herzog, Teamleiterin Nachhaltigkeit des Branchenverbands VDMA.
Niedrige Einstiegshürde
Im Basismodul des freiwilligen Standards sind es gerade 51 Datenpunkte, im sogenannten Comprehensive Modul 42, also in der Summe nur 93. „Der Standard hat eine niedrige Einstiegshürde, man setzt sich aber trotzdem mit Kennziffern auseinander“, sagt Herzog. So lässt sich vermeiden, dass Finanzdienstleister viele Daten abfragen, die sie hinterher nie wieder benötigen. „Unsere Mitglieder begrüßen das“, sagt VDMA-Expertin Herzog. „Vorher merkten sie, man verlor sich in Berichtspflichten, die sich nicht strategisch fürs Unternehmen nutzen ließen.“
So hat es auch Gerd Röders, Geschäftsführer des Auto- und Luftfahrtzulieferers G.A. Röders GmbH und Co. KG mit 430 Mitarbeitern aus dem niedersächsischen Soltau, erlebt. „Ich habe drei Kinder, Nachhaltigkeit ist für unsere Gesellschaft wichtig“, sagt er. Aber die doppelte Wesentlichkeitsanalyse habe für einen Praktiker, der von Zeit zu Zeit an einer Gießmaschine stehe, eine zu hohe Fallhöhe. „Ich glaube noch zu wissen, wie meine Firma tickt und wie alles mit allem zusammenhängt“, sagt er. Auch der freiwillige Berichtsstandard sei Bürokratie, er lasse sich aber mit weniger Arbeitsaufwand zuverlässig erstellen. Einmal in der Woche arbeite ein Mitarbeiter an Nachhaltigkeitsthemen.
Neben den Banken hatten auch die Fondsgesellschaften scharf kritisiert, dass im Ombibus-Verfahren neun von zehn Unternehmen von der Berichtspflicht ausgenommen wurden. „Für Fondsgesellschaften ist der VSME-Standard wichtig, um die durch Omnibus I entstandene ESG-Datenlücke bei kleinen und mittleren Unternehmen zu schließen“, sagt Magdalena Kuper, Leiterin Nachhaltigkeit beim deutschen Fondsverband BVI. Der Vorteil echter und nicht von Datendienstleistern geschätzter Kennziffern sei entscheidend für Kunden, die nach Nachhaltigkeitskriterien ihr Geld anlegen wollen. Das umfassende VSME-Modul sollte deshalb von allen Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern genutzt werden, fordert sie.
Auch der schwäbische Bäcker Jochen Baier hat nun seinen Frieden mit dem Dokumentieren gemacht. Die Zertifizierung für Bioprodukte habe er irgendwann zur Seite gelegt und als schwachsinnigen Papierkram abgetan. Zur freiwilligen Berichterstattung brachte ihn seine Tochter, die nach Studium und Auslandsaufenthalt zwischenzeitlich für ihn gearbeitet hat. „Sie war begeistert, wie einfach und nachvollziehbar der Standard ist. Es gibt Fragen zum Wasser- und Naturschutz und zu Streuobstwiesen. Man muss Daten nur einmal eingeben, das hat ihr gut gefallen, praxisnah“, sagt Baier. Nachhaltigkeit sei ein Teil der DNA seines Bäckereibetriebs. Früher hätten Banken häufig gesagt, er könne ihnen viel erzählen. „Durch den freiwilligen Bericht hat das eine Form, die ich mit zur Bank oder zu unseren Geschäftspartnern mitnehmen kann“, sagt er.
Source: faz.net