Rüstungskonzern Leonardo: Machtkämpfe wohnhaft bei Italiens Rüstungsriesen
Beim italienischen Rüstungskonzern Leonardo – zu 30,2 Prozent in italienischem Staatsbesitz – deuten alle Anzeichen in Richtung eines Chefwechsels an der Spitze. Die italienische Regierung unter Führung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni beansprucht dabei das Recht, für die kommende Hauptversammlung die Kandidaten für den Verwaltungsrat zu bestimmen, darunter auch die Kandidaten für den Posten des Präsidenten und des alleinigen Konzerngeschäftsführers (CEO).
Übereinstimmend heißt es in italienischen und britischen Medien, dass der 2022 berufene Leonardo-Chef Roberto Cingolani in Ungnade gefallen ist und nicht mit einem neuen Mandat rechnen kann. Wegen der Gerüchte um den Leonardo-Chef hat der Aktienkurs des Unternehmens seit dem Osterdienstag bereits mehr als acht Prozent an Wert verloren.
Die Debatte um die Besetzung der Positionen an der Leonardo-Spitze sind dabei nur ein Teil eines großen Stühlerückens unter anderem bei 21 direkt kontrollierten staatlichen Unternehmen. Dazu gehören neben der italienischen Post etwa auch der Ölkonzern Eni oder der Energiekonzern Enel. Während es etwa zu Eni heißt, die Verlängerung des Mandats für den bisherigen, seit 2014 amtierenden operativen Chef Claudio Descalzi sei so gut wie sicher, steht bei Leonardo Roberto Cingolani nach drei Jahren auf der Abschussliste.
Cingolani hat zu wenig die Politiker gefragt
Die regierungskritische, linksliberale Zeitung „La Repubblica“ beschreibt in einem Hintergrund die angeblichen politischen „Sünden“ von Cingolani, die zu seinem Sturz geführt hätten: Cingolani habe eigenmächtig Spitzenmanager ernannt und befördert, ohne Rückversicherung und Konsultation mit der Politik. Bei seiner Präsentation zum Jahresbeginn 2026 für die kommenden Jahre habe er Leonardo als Koordinator eines künftigen europäischen Schutzschirms namens „Michelangelo Dome“ präsentiert und dabei viel diplomatisches Porzellan zerschlagen. Denn bisher produziere Leonardo etwa Radaranlagen und Raketen mit und für Franzosen und Briten, habe aber bisher keinen Anspruch auf die Rolle des Koordinators.
Der „Michelangelo Dome“ konkurriere mit dem Projekt „Golden Dome“ von Donald Trump, und daher sei der Führungsanspruch von Leonardo in Paris und Berlin nur mit Ironie aufgenommen worden. Schließlich wird Cingolani noch angelastet, dass er zwar Kooperationsabkommen geschlossen habe, aber dabei keine Wertschöpfung und Beschäftigung für Italien gesichert habe. Das gelte für ein Abkommen mit dem deutschen Rheinmetall-Konzern für die Lieferung von gepanzerten Fahrzeugen an das italienische Heer, für eine Zusammenarbeit zur Produktion von Drohnen mit der Türkei und für Satelliten mit Thales.
Unter der Fuchtel der römischen Politik
Der politische Einfluss der Politik bei Leonardo ist besonders hoch, seit sich der Konzern immer mehr auf Rüstung konzentriert. Vor Jahrzehnten, als der Konzern noch Finmeccanica hieß, war das Leitbild noch der Technologiekonzern Siemens gewesen, und dazu gehörten dann auch Alfa Romeo (bis 1986), Züge und elektronische Zugsteuerung für U-Bahnen. Mit dem Abschied von immer mehr zivilen Geschäftssparten muss Leonardo nicht mehr auf Subventionsrichtlinien der EU achten und kann sich immer mehr als nationaler Champion entwickeln.
Doch das geht dann nur im Gleichschritt mit der Politik. Dies gilt besonders in den Zeiten der Regierung Meloni. Deren Verteidigungsminister ist der piemontesische Unternehmer Guido Crosetto, der zusammen mit Giorgia Meloni und dem derzeitigen Senatspräsidenten Ignazio La Russa im Jahr 2012 die nunmehr regierende Partei „Fratelli d’Italia“ gegründet hat.
Ein unabhängig denkender Wissenschaftler
Demgegenüber hat der 65 Jahre alte Roberto Cingolani den größten Teil seiner Karriere als unabhängiger Wissenschaftler zurückgelegt. Nach zwei Jahren am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart wurde er 1992 Physikprofessor im süditalienischen Lecce, dann nach Forschungsaufenthalten zum Forschungsdirektor des italienischen Technologieinstituts in Genua berufen.

Dort machte er auch als Befürworter einer neuen Generation von Atomkraftwerken von sich reden und wurde dann vom ehemaligen Notenbankgouverneur Mario Draghi zum Energie- und Umweltminister berufen, als Draghi vom Februar 2021 bis zum Oktober 2022 ein Intermezzo als italienischer Ministerpräsident gab. Cingolanis Zeit blieb als Minister jedoch blass.
Cingolani hatte noch versucht, mit den Zahlen bis 2025 eine Erfolgsbilanz vorzulegen: In seiner Amtszeit ist der Börsenwert auf mehr als das Fünffache gestiegen, die Anleger bewerteten das Unternehmen im März mit rund 37 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs in den vergangenen drei Jahren bis 2025 auf 19,5 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis (Ebitda) um 44 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Das Auftragsvolumen Ende 2025 lag bei 23,8 Milliarden Euro, gegenüber 17,3 Milliarden Euro Ende 2022.
Als Strategie für die Zukunft sah Cingolani die Möglichkeit, bisherige Aktivitäten von Leonardo für Radarsysteme, Raketen, Hubschrauber, elektronische Steuerungen und Bauteile für den Weltraum zusammenzuführen zu einem Zukunftskonzept globaler Sicherheit. Leonardo sollte das „am vollständigsten aufgestellte Dual-Use-Unternehmen“ für Aufgaben der Verteidigung und Zivile Projekte werden.
Doch er hatte dafür offenbar keine politische Absicherung. Nun gibt es in Roms Hinterzimmern Machtkämpfe um den neuen Leonardo-Chef.