Averil Cameron gestorben: Die Erste ihrer alten Schule

Der Erfolg war ihr nicht in die Wiege gelegt. Die Althistorikerin Averil Cameron wurde 1940 ins mittelenglische Arbeitermilieu hineingeboren. Das Studium der Alten Welt, das sie Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre in Oxford absolvierte, legte die Grundlagen für eine glänzende wissenschaftliche Karriere, die sie als Professorin zunächst an das King’s College der Universität London und dann zurück nach Oxford führte, wo sie als erste (und bisher einzige) Frau von 1994 bis 2010 als Warden das Keble College leitete.

Averil Cameron hat entscheidend dazu beigetragen, die Spätantike nicht als marginale Übergangszeit zwischen klassischer Antike und Mittelalter, sondern als Epoche sui generis mit eigenen Dynamiken zu begreifen. Ihre Studien zeichnen sich durch eine besondere Sensibilität für die literarische Form historischer Quellen aus, die sie nicht bloß als Träger von Informationen, sondern als performative Akte verstand, in denen Identitäten ausgehandelt und Machtansprüche formuliert werden. Mit Michel Foucault im epistemologischen Gepäck hat sie „History as Text“ gedeutet: Geschichte erschien ihr als eine Konstruktion aus „Texten über Texte“, deren Voraussetzungen reflektiert werden müssen. Daher interessierte sie sich auch für die rhetorische Dimension historischer Prozesse. So hat ihr Werk einen wichtigen Impuls für die Öffnung der Alten Geschichte zu anthropologischen sowie kultur- und literaturwissenschaftlichen Ansätzen gegeben.

Die Entwicklung eines christlichen Diskurses

Wie fruchtbar dieser Perspektivwechsel war, zeigt sich besonders in ihrem Buch „Christianity and the Rhetoric of Empire“ aus dem Jahr 1991, das der „Entwicklung eines christlichen Diskurses“ nachspürt. Sie beschreibt die enorme Innovations- und Integrationskraft der christlichen Rhetorik, macht zugleich aber die Beschränkung und Verengung intellektueller Horizonte sichtbar. Cameron diskutiert an diesem Gegenstand die grundsätzliche Frage, wie Historiker Wandel überhaupt erklären können und wie Diskurse gesellschaftliche Wirklichkeit strukturieren. Indem sie die Macht des Sprechens in den Mittelpunkt rückt, verschiebt sie den Fokus von institutionellen Strukturen auf rhetorische Strategien. Die Stärke des Buches liegt in seiner wissenschaftlichen Offenheit: Es bietet keine geschlossene Synthese, sondern ein heuristisches Modell, das die Forschung nachhaltig beeinflusst hat.

Camerons zahlreiche Studien zur spätantiken Historiographie erschließen wichtige historische Quellen und verbinden philologische Kompetenz mit theoretischer Weite. Ihr Buch über den spätantiken Historiker Prokop nimmt die Komplexität des justinianischen Zeitalters ernst und bestimmt zugleich die Grenzen klassischer Geschichtsschreibung. Die Darstellung lässt sich durchaus als Diagnose eines historiographischen „Niedergangs“ lesen, auch wenn Cameron selbst eine solche Wertung vermied. Gerade diese Ambivalenz gehört zu den produktiven Spannungen in Camerons Werk. Sie schreibt keine Fortschrittsgeschichte, sondern untersucht Transformationsprozesse, deren kulturelle Gewinne und Verluste sie gleichermaßen sichtbar macht.

Konsequent hat Cameron mit anderen englischsprachigen Forschern die zeitlichen Grenzen der Epoche, der sie ihr Lebenswerk widmete, verschoben und das frühe Byzanz in ihre Untersuchungen integriert. Sie wusste sich hierin einig mit Peter Brown, der zusammen mit Arnaldo Momigliano ihre Dissertation über den spätantiken Schriftsteller Agathias betreut hatte. Brown verglich später die Bedeutung des Werkes seiner Schülerin mit der von Michael Rostovtzeff, dem Autor der „Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt“.

Die dtv-Geschichte der Antike

In bester britischer Tradition war es ihr wichtig, ein breites Publikum zu erreichen: Ihr Band über „The Later Roman Empire“ ist eine konzise Darstellung der Epoche, die in der deutschen Übersetzung, die im Rahmen der dtv-Geschichte der Antike 1994 erschien, lange Jahre auch in Deutschland ihr Bild der Spätantike vermittelt hat.

Besonders eindrucksvoll erscheint Camerons Rolle als Frau in einer lange männlich dominierten akademischen Kultur. Am Anfang ihrer Laufbahn folgte sie den universitären Stationen ihres Mannes Alan Cameron (verstorben 2017), den sie in einem Seminar von Eduard Fraenkel im Corpus Christi College in Oxford kennengelernt hatte und der sich als Historiker ebenfalls der Spätantike zuwandte. Schon bevor die Ehe 1980 geschieden wurde, musste sie sich um die beiden Kinder kümmern. Häufig die einzige Frau in akademischen Leitungsfunktionen, verband sie wissenschaftliche Produktivität mit der Verantwortung als alleinerziehende Mutter und wurde so zu einem Vorbild für jüngere Forscherinnen.

Ihre Memoiren, die 2024 veröffentlicht wurden, tragen den Titel „Transitions“, der nicht nur auf ihre wissenschaftliche Entwicklung, sondern auch auf ihre persönliche Emanzipation verweist. Das Buch enthält eine kritische Analyse universitärer Strukturen, die vor allem Frauen belasteten und benachteiligten. Averil Cameron, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Verdienste 2005 von Königin Elisabeth II. zur Dame of the British Empire erhoben wurde, ist am 7. April im Alter von 86 Jahren gestorben.

Source: faz.net