Wegen BilanzProblemen: Gerresheimer fliegt aus dem Sulfur-Dax

Schwierigkeiten mit der Rechnungslegung des Düsseldorfer Verpackungsherstellers Gerresheimer haben dazu geführt, dass das Unternehmen den S-Dax verlassen muss. Von Freitag an ist der kriselnde Konzern nicht mehr Mitglied im deutschen Kleinstwerteindex, weil er seinen Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2024/25 (Ende November) nicht wie vorgeschrieben innerhalb von vier Monaten vorlegen konnte. Das teilte ISS Stoxx, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Börse, am Mittwochabend mit.

Der Rauswurf hatte sich abgezeichnet, steht Gerresheimer doch schon seit geraumer Zeit unter Druck, der Aktienkurs liegt so niedrig wie seit dem Jahr 2009 nicht mehr. Grund dafür sind Zweifel an der Rechnungslegung. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hatte dem Unternehmen schon im September Bilanzierungsfehler vorgeworfen. Die Prüfung wurde im Februar auf weitere mögliche „Bilanzierungstatbestände“ mit Blick auf den Konzernabschluss für das Geschäftsjahr 2023/2024 und das erste Halbjahr 2025 ausgeweitet.

Zweiter Wirtschaftsprüfer soll es richten

Anfang Februar hatte Gerresheimer mitgeteilt, dass sich die Veröffentlichung des Geschäftsberichts verzögern werde. Um die Bilanzen der Jahre 2024 und 2025 eingehender prüfen zu lassen hatte Gerresheimer neben KPMG mit Grant Thornton noch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft engagiert. Intern untersucht auch eine Rechtsanwaltskanzlei die Unstimmigkeiten in der Bilanz. So wolle der Konzern sicherstellen, dass der „Jahres- und der Konzernabschluss 2025 den qualitativen Ansprüchen vollumfänglich gerecht“ werde, hieß es in der Mitteilung. Für 2024 musste Gerresheimer schon den Umsatz und das Ergebnis nach unten korrigieren und rechnet mit bis zu 240 Millionen Euro an Wertminderungen.

Rund einen Monat später erklärte der Konzern, Gespräche mit seinen Kreditgebern aufgenommen zu haben und dass die Bilanz nun voraussichtlich im Juni vorgelegt werden könne. Die eigentlich für den 16. April geplante Vorlage der Zahlen fürs erste Quartal wurde ebenso verschoben wie die für den 3. Juni anberaumte Hauptversammlung. Ersatztermine dafür stehen noch aus.

Aktie wurde vor einigen Jahren noch gefeiert

Gerresheimer war vor einigen Jahren noch ein kleiner Börsenstar, zuerst in der Corona-Pandemie, als das Unternehmen ein wichtiger Lieferant für Spritzen für die Impfung war. Der Höhenflug wurde später noch getragen von großen Hoffnungen auf Geschäfte mit Abnehmspritzen, jedoch sollte dies nicht lange andauern. Ein Auf und Ab im Aktienkurs gab es im vergangenen Jahr auch durch Gespräche mit Finanzinvestoren zu einer Übernahme, die aber nach einigen Monaten ergebnislos abgebrochen wurden. Für den ersten richtigen „Crash“ sorgte dann die Mitteilung der Bafin.

Stand der Untersuchungen bis jetzt: „Einzelne Mitarbeiter“ sollen gegen IFRS-Regelungen verstoßen haben. Dadurch wurden Umsatzerlöse falsch erfasst, es geht dabei vor allem um sogenannte Bill-and-Hold-Vereinbarungen, also die Bilanzierung und Bewertung von Vorräten. Der Finanzchef und der Vorstandsvorsitzende wurden im Zuge der Untersuchungen schon ausgetauscht, mit Uwe Röhrhoff führt ein Manager seit November das strauchelnde Unternehmen, der schon von 1991 bis 2017 für Gerresheimer arbeitete, davon die letzten sieben Jahre als Vorstandsvorsitzender. Gleichzeitig wird sich das Unternehmen noch umgebaut, schließt etwa ein Werk in den USA in diesem Geschäftsjahr und will durch den Verkauf der amerikanischen Tochtergesellschaft Centor Inc. Geld hereinholen. Das kann man durchaus als Notverkauf ansehen, ist das Unternehmen doch ein führender Anbieter von Verpackungssystemen für die Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente in den USA.

Aktionärsschützer prüfen Schadenersatzsansprüche

Als „Scherbenhaufen“ bezeichnete etwa Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) die Lage bei Gerresheimer. Die DSW hat Aktionäre dazu aufgerufen, sich zu organisieren. Dabei geht es vor allem darum, mögliche Schadenersatzansprüche zu prüfen wegen der noch unklaren Verantwortlichkeiten für den enormen Kursrückgang.

Kaum ein Analyst rät derzeit dazu, die Aktie zu kaufen, jeweils sechs haben derzeit eine Einschätzung zum „Halten“ oder „Verkaufen“. In Stellung gebracht haben sich auch „Shortseller“. Die größte Netto-Leerverkaufsposition hat Numeric Ventures mit 2,58 Prozent. Seine Position hatte der Shortseller in dieser Woche ausgebaut. Gleichzeitig soll der amerikanische Verpackungshersteller Silgan Holdings eine Übernahme vorbereiten und könnte bis zu 41 Euro je Aktie bieten, wie Reuters Ende März berichtete. Aktuell liegt der Kurs knapp über 17 Euro.

Im S-Dax ersetzt wird Gerresheimer nun von der bulgarischen Shelly Group. Das Unternehmen mit Sitz in Sofia stellt intelligente Steuerungen, Sensoren und Schalter her.

Source: faz.net