Endlich Freitag: Mario Adorf, Magier im Kreml, Kacken an jener Havel
Hallo,
immer kommt etwas dazwischen. Da setzt man sich hin, um in Worte zu fassen, mit welch seltsamen Gefühl man in diesen frühlingshaften Tagen dem eigenen Alltag nachgeht. Jedes Filmegucken, Bücherlesen, Freundetreffen ist untermalt von der lauernden Warnung, am nächsten Morgen von der „Auslöschung einer Zivilisation“ erfahren zu müssen. Für heute wenigstens lautet die Eilmeldung stattdessen: Mario Adorf ist gestorben. Mit 95 Jahren friedlich eingeschlafen in seinem Pariser Zuhause.
So traurig die Nachricht ist, geht auch etwas Versöhnliches von ihr aus. Für die ganz Jungen mag es anders sein, für die meisten Älteren dürfte Adorf eine fast im Übermaß vertraute Gestalt sein. Irgendwo war er immer mit dabei. Statt einzelnen Rollen hat man deshalb ein Gesamtbild vor Augen: die samtige Bassstimme, das volle Haupthaar, der Bart und das leicht Zwielichtige, das auf schöne, amüsierende Weise von ihm ausging.
Und natürlich die eine Szene aus Kir Royal. Adorf als Heinrich Haffenloher im Bademantel: „Isch scheiß dich sowat von zu mit meinem Geld.“ Das deutsche Fernsehen ist nicht besonders reich an legendären Szenen, aber diese gehört dazu.
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Kurz zurück zur Weltlage. Charakteristisch ist ja auch, dass jeder Versuch, sich zu informieren, Bescheid zu wissen, merkwürdig fruchtlos scheint. Immer könnte morgen alles ganz anders kommen, auf welchen Experten soll man da noch hören? Aus der großen Ungewissheit heraus erklärt sich vielleicht auch der Erfolg eines „Schlüsselromans“ wie Giuliano da Empolis Der Magier im Kreml. Die Verfilmung durch Olivier Assayas kommt heute ins Kino und bietet vor allem Phrasen und Klischees, wohl mit der guten Absicht, dass man sich wenigstens daran festhalten kann.
Wer wirklich etwas über Russland erfahren will, sollte eher den kleinen Bericht von Konstantin Nowotny über den Umgang mit der Heavy Metal-Szene in Moskau lesen. Metal sei auf dem Weg, in Russland wieder zu einer „subversiven Musikrichtung zu avancieren“, schreibt er.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Wer liest was? Die Zeitungsbranche, die ganze Kultur des Zeitungmachens und Zeitunglesens hat sich radikal verändert seit den 1980er Jahren. Aber der kleine Clip aus der britischen Satire-Serie Yes, Prime Minister, der diese Woche wieder mal die Runde machte, bringt eine Konstante ins Bewusstsein: die Leserschaften der Zeitungen sind vielleicht kleiner geworden, aber ihren jeweiligen Medien doch auch treu geblieben.
Zumindest in Großbritannien: „Den Daily Mirror lesen diejenigen, die denken, dass sie das Land regieren, den Guardian diejenigen, die denken, sie sollten das Land regieren…“ Hören Sie sich an, wie der Prime Minister die weiteren Zeitungen durchgeht, die Times, die Daily Mail, den Morning Star, den Daily Telegraph und zuletzt die Pointe mit The Sun. Irgendwie tröstlich, dass sich doch nicht alles verändert hat.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen:
Deutsche Krankenhausserien sind meist Wohlfühlfernsehen, in denen der Arzt vor allem durch Zureden und warmen Händedruck heilt. Julia Hertäg hat das für den Freitag einmal beschrieben. Die Apple-TV-Produktion KRANK Berlin wollte sich davon absetzen. Aber die HBO-Serie The Pitt ist halt doch noch eine ganz andere Nummer.
In den USA hat die Serie mit der gerade laufenden zweiten Staffel eine Popularität erreicht, die sie zwangsläufig in die Schusslinie der Kulturkämpfer brachte. Zu moralisierend, zu liberal, zu woke heißt es auf den einschlägigen Social-Media-Accounts nun erwartungsgemäß, während sich das andere politische Lager darüber aufregt, das eine weitere Ärztin, die von einer „Person of Color“ gespielt wird, herausgeschrieben wurde. Nächste Woche Freitag kommt das Staffelfinale. Sehen Sie selbst!
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4. Lese-Empfehlung
➜ Fatoni ist einer der Vertreter des Deutschrap, die sich engagiert gegen AfD und Neonazis wenden. In der Netflix-Comedy Kacken an der Havel spielt er einen in die Brandenburger Heimat zurückkehrenden Rapper. Die Serie malt ein liebevoll-skurriles Bild der ostdeutschen Provinz; das Thema AfD wird ausgeblendet. Wie geht das zusammen? Mein Kollege Ji-Hun Kim hat mit Fatoni alias Anton Schneider gesprochen.
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In einer rustikalen Espress-Bar im Berliner Friedrichshain hängt linke Kunst. Anton Schneider alias Fatoni hat sich das Café ausgesucht, weil es ihn an ein Berlin erinnert, das vielerorts verschwunden ist. Auf die Minute ist er pünktlich.
der Freitag: Anton Schneider, die Serie „Kacken an der Havel“, in der Sie die Hauptrolle spielen, ist vor einigen Wochen erfolgreich gestartet – auch international. Gibt es seitdem eine andere Aufmerksamkeit?
Anton Schneider: Es gab keine Riesenexplosion. Ich werde nicht ständig auf der Straße angesprochen oder habe plötzlich 100.000 amerikanische Follower mehr. Aber es sind coole Sachen passiert – zum Beispiel, dass mir Leute aus der ganzen Welt geschrieben haben, sogar aus Indien. Eine Schauspielerin und Comedian aus den USA schrieb mir, wie gut sie die Show findet. Mit der habe ich hin und her geschrieben. Ich habe nie groß geträumt, das tue ich auch jetzt nicht. Aber jetzt erste Kontakte in L.A. zu haben, ist schon abgefahren.
Sie kommen ursprünglich aus München. Wie sah ihre politische Sozialisation in den 90ern aus?
Meine Eltern sind klassische Linksliberale und waren in den 70er Jahren Teil des Umfelds der Studentenbewegung. Kein hochpolitischer aber auch kein unpolitischer Haushalt. So waren wir auf den Lichterketten-Demos nach den Angriffen in Rostock-LichtenhagenSpäter hatte ich eine klassische Hip-Hop-Sozialisation mit Graffiti, Kiffen, Skateboarden und Partys. Da war dieses „Linkssein“ vor allem das Gegen-Nazis-Sein. In den letzten zehn Jahren habe ich das hinterfragt und in anderem Licht gesehen: Wir waren in den Nullerjahren oft ausgrenzend und sexistisch, ohne es zu merken.
Das wär’s für heute. Ich wünsche mir und Ihnen ein paar Tage mit weniger aufregenden Nachrichten.
Viele Grüße,
Ihre Barbara Schweizerhof
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