Literarische Rebellion: Das sind die fünf ikonischen Romane welcher Hippie-Periode
1. Meilenstein der Beat-Generation: Jack Karouacs „Unterwegs“
Im gegenkulturellen Buchregal der 1960er-Jahre fällt als Erstes der identitätsstiftende Oldtimer von Jack Kerouac ins Auge. Unterwegs oder On the Road, wie es 1000 Mal besser im Original heißt, erschien schon 1957 und gilt als Meilenstein der Beat-Generation. Deren Name hat übrigens nichts mit Beat-Musik zu tun, sondern damit, dass diese im Zweiten Weltkrieg durch ihre Erfahrungen „geschlagene“ Generation sich wegen ihrer Traumatisierungen nur schwer zurechtfand.
Die Sinnsuche von Erzähler Sal Paradise und Kumpel Dean Moriarty, die trampend, auf Güterzüge springend oder in Greyhound-Bussen durch die USA und Mexiko fahren und einer Freiheit jenseits von Arbeit, Konsum und Pflichterfüllung nachjagen, stand am Vorabend der 60er-Jahre stellvertretend für eine kommende Bewegung.
Die beiden Anti-Helden haben viel Sex, kiffen hingebungsvoll, hören Bebop und philosophieren vor sich hin. Der Rausch war sinnstiftendes Moment. Der autobiografisch gefärbte Roman wurde zum Manifest der Verweigerung des normierten Lebens.
2. Wundervolle Allegorie: Ken Keseys „Einer flog übers Kuckucksnest“
Eines der meistgelesenen Bücher der frühen 60er war Ken Keseys Roman Einer flog über das Kuckucksnest. Der 1935 geborene Kesey avancierte damit zu einem der wichtigsten und bekanntesten Akteure der Gegenkultur. Im Zentrum des Romans, den Kesey geschrieben hatte, nachdem er selbst in der Psychiatrie als Aushilfskraft gejobbt hatte, steht nicht wie in der Verfilmung der von Jack Nicholson gespielte McMurphy. Sondern der schweigsame, indigene „Chief“ Bromden, der am Ende das riesige Wasserbecken aus dem Boden reißt und damit die Scheiben der Klapse einwirft und entkommt.
Welch wundervolle Allegorie für die 68er-Bewegung! Kesey selbst hatte den Film nie gesehen, da ihm die Änderung der Geschichte im Drehbuch gegen den Strich ging und er deshalb aus dem Projekt ausstieg. Die im Buchhandel weltweit erfolgreiche Geschichte über den Überlebenskampf in der damals gewaltförmigen Psychiatrie wurde zum Sinnbild einer aufstrebenden Gegenkultur, die für ein Leben außerhalb autoritärer gesellschaftlicher Zurichtung eintrat.
3. Ein Star ist geboren: Tom Wolfes „Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby“
Ken Kesey wurde vor allem auch durch Tom Wolfes 1965 erschienenes Reportage-Buch „Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby“ zum neuen Star der jungen Wilden. Die Merry Pranksters, wie sich die Gruppe um Kesey und Autor Neal Cassady (übrigens das Vorbild für Kerouacs Figur des Dean Moriarty in On the Road) zu der auch die späteren Musiker von Greatful Dead gehörten, nannte, reisten damals von Kalifornien nach New York.
Öffentlich LSD-Trips zur Bewusstseinserweiterung einwerfend und auf elektrischen Instrumenten musizierend (damals revolutionär) tourten sie im alten gelben, mit Blumen bemalten Schulbus durch die USA. Begleitet vom Mittdreißiger Tom Wolfe, der sich damals erste Meriten als Schriftsteller verdiente.
Es gab ein Treffen mit Allen Ginsberg, das Meeting mit LSD-Papst Timothy Leary scheiterte, Kesey wanderte sogar wegen Drogen zeitweise in den Knast. Die psychedelischen Happenings der Gruppe wurden zum Inbegriff der Hippie-Kultur, die damals noch ganz Kunstbewegung erst später ihre Kommerzialisierung erlebte.
4. Wichtiger Antikriegsroman: Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“
Als 1969 in den USA der Protest gegen den Vietnamkrieg immer breiter wurde, erschien Kurt Vonneguts Schlachthof 5, der zu einem der wichtigsten Anti-Kriegsromane jener Generation wurde. Das ist aus deutscher Sicht deshalb interessant, weil Kurt Vonnegut, der als amerikanischer Kriegsgefangener die Bombardierung Dresdens in einem Keller eingesperrt miterlebte und hinterher nach eigenen Angaben Leichenberge wegschaffen musste, hier sein Trauma verarbeitet.
Was hierzulande für Neonazis und Revanchisten als Erinnerungskultur missbraucht wird, diente der amerikanischen Gegenkultur vor knapp 60 Jahren als eindringliche Warnung vor den Konsequenzen des Krieges.
Vonneguts literarisches Alter Ego Billy Pilgrim verliert im Roman den Bezug zur Gegenwart und reist durch Raum und Zeit, trifft auf Außerirdische und kämpft um seine geistige Verfassung. Die literarische Sehnsucht nach einem Leben ohne Krieg und der Kampf um Erinnerung gilt als Kurt Vonneguts Durchbruch, wurde wegen vulgärer Sprache aber immer wieder aus Lehrplänen der Schulen verbannt.
5. Motto der Hippie-Bewegung: Robert A. Heinleins „Fremder in einer fremden Welt“
Auch wenn der Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein ein Reaktionär war, sein Roman „Fremder in einer fremden Welt“ (1961) fand sich in jedem gut sortierten Buchregal der 60er. Der Titel taugt auch als Motto der Hippie-Bewegung.
Erzählt wird die Geschichte und tiefgehende Entfremdung eines Menschen, der als Mitglied einer früheren Weltraummission auf dem Mars geboren, und von Marsianern großgezogen wird und schließlich zur Erde reist, in einer Zukunft nach einem dritten Weltkrieg.
Dort muss er erst lernen, mit Menschen umzugehen. Wasser zu teilen, ist auf dem Mars eine grundlegende Form der Kommunikation und wird in dem Buch „to grok“ genannt, was so viel wie „tiefgründig verstehen“ heißt und zum Modewort der Hippiebewegung avancierte – mutmaßlich vermittelt durch Ken Kesey.
Der über telekinetische Kräfte verfügende Mensch-Marsianer gründet eine Kirche der freien Liebe, wird für die Staatlichkeit zur Gefahr, stirbt als Märtyrer und verändert durch sein Wirken nachhaltig soziale Umgangsformen auf der Erde.
Unterwegs Jack Kerouac Thomas Lind (Übers.) Rowohlt 384 S., 15 €
Einer flog über das Kuckucksnest Ken Kesey Hans Hermann (Übers.) Rowohlt 352 S., 14 €
Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby Tom Wolfe Lil Picard (Übers.) Rowohlt 305 S., antiquarisch erhältlich
Schlachthof 5 Kurt Vonnegut Kurt Wagenseil (Übers.) Rowohlt 208 S., 15 €
Fremder in einer fremden Welt Robert A. Heinlein Rosemarie Hundertmarck (Übers.) Heyne 864 S., 13 €