Gilda Sahebi zum Iran: Nein, die Feuerpause beendet nicht die Gewalt
Am Dienstagabend, wenige Stunden nach dem Post von US-Präsident Donald Trump, in dem er ankündigte, dass eine „ganze Zivilisation sterben“ werde, schickt Leyla Satrapi (Name geändert) eine Nachricht. Sie lebt in Teheran und durchlebt nicht nur seit Wochen einen Krieg; sondern auch seit 44 Jahren die Islamische Republik, ihr gesamtes Leben. „Es geht uns gut“, schreibt sie.
Dann schickt sie einen Vers auf Farsi, der übersetzt bedeutet: „Es ist bedauerlich, wenn Iran verwüstet und zu einer Höhle von Leoparden und Löwen wird.“ Der Vers stammt von Ferdowsi, einem der berühmtesten persischen Dichter, und ist im Werk Shahname, dem Buch der Könige, aus dem 11. Jahrhundert, zu finden. Schon vor mehr als eintausend Jahren bedauerten Perser die Verwüstung ihres Landes durch gewalttätige Potentaten.
Feuerpause für das Regime, kein Aufatmen für die Bevölkerung des Iran
Eigentlich müsste mit Beginn der Feuerpause am frühen Mittwochmorgen ein Aufatmen durch das Land gehen. Und natürlich herrscht allerorts Erleichterung darüber, dass einer dieser Potentaten, Donald Trump, vorerst nicht, wie angekündigt, die gesamte Infrastruktur des Landes, Brücken, Entsalzungsanlagen, Kraftwerke zerstört hat. Was im Übrigen Kriegsverbrechen sind. Die anderen Potentaten im eigenen Land schrecken ebenfalls nicht davor zurück, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen, seit 47 Jahren.
Seit dem ersten Tag der Islamischen Republik begeht das Regime die größten Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung: Folter, sexualisierte Gewalt, Hinrichtungen, Mord. Gegen Kinder, Jugendliche, Ältere. Zuletzt tötete das Regime im Januar Tausende, gar Zehntausende Menschen, die auf den Straßen für Freiheit und Demokratie protestierten. Selbst in Krankenhäuser drangen die bewaffneten Schergen ein, um Menschen zu erschießen und zu verhaften.
Hier wird über Krieg gesprochen, als sei es ein Strategiespiel
Nur interessiert das in den westlichen Debatten kaum. Hier wird über Krieg gesprochen, als ginge es um ein Strategiespiel. Die Straße von Hormus, Kriegsschiffe, Frachter, Drohnen, Bomben, Raketen – sie alle sind wichtigere Protagonisten des Kriegs als jene Menschen, die vom Krieg betroffen sind. Die iranische Bevölkerung hat noch nie in das Schema von links gegen rechts und gut gegen böse gepasst – einer der Gründe, warum sich nie eine internationale Solidaritätsbewegung gebildet hat.
Die Menschen im Iran sind schon lange Spielball jener, die sich einer „Seite“ verschrieben haben, und sich deswegen einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit sicher glauben. Besonders auffällig ist das bei Menschen, die sich auf der progressiven Seite des politischen Spektrums erachten und deswegen Stimmen aus dem Iran konsequent ignorieren oder gar unterdrücken.
Armut war schon vor dem Krieg weit verbreitet
Dass jene, die aus dem Ausland heraus Donald Trump applaudieren und einem vermeintlichen Monarchen blind folgen, betroffenen Stimmen nicht zuhören, wenn sie ihnen nicht passen, ist nun nicht besonders verwunderlich. Wenn aber progressive Kommentator:innen, die so hochtrabend behaupten, die Betroffenenperspektive wertzuschätzen, Betroffene verurteilen, wenn ihnen deren Perspektive nicht passt – dann sollte das zumindest auffallen.
Seit Wochen hört man von Menschen im Iran, dass sie Angst vor den Bomben der USA und Israels haben, die nicht nur Tod und Zerstörung bringen, sondern auch wirtschaftliche Existenzen zerstören, in einem Land, in dem die Armut aufgrund eines korrupten Regimes ohnehin um sich greift.
Ein Leben, in dem Eltern ihren Kindern genügend Essen auf den Tisch stellen können, war in der Islamischen Republik schon vor dem Krieg kaum möglich. Nun stehen noch mehr Menschen vor dem Nichts; sie haben Angehörige verloren, Häuser, Wohnungen, Schulen, Betriebe. Gleichzeitig fürchten viele, was passiert, wenn der Krieg endet, das Regime aber überlebt. Und genau das wollen manche hierzulande nicht hören.
Jeder, der im Iran mit dem Ausland kommuniziert, kann festgenommen werden
Seit dem ersten Tag des Kriegs haben die Machthaber den Repressionsapparat im Staat massiv verstärkt. Tägliche SMS an die Bevölkerung, in denen den Menschen gedroht wird, und in denen sie zur Denunziation aufgerufen werden, sind noch ein harmloses Instrument im Repertoire der Revolutionsgarden. Im Staatsfernsehen erklären Propagandisten, dass jede Iranerin und jeder Iraner, die es wagt, mit Personen im Ausland zu kommunizieren, als Spion Israels und als Staatsfeind behandelt und getötet wird. Das ist keine leere Drohung. Unzählige Menschen wurden in den vergangenen Wochen festgenommen, unschuldig wohlgemerkt.
Gleichzeitig hat das Regime seit Beginn des Kriegs das Internet abgestellt – die Menschen im Land können sich weder informieren, wo sie vor den Bombardierungen sicher sein können, sie haben keinen Zugriff auf unabhängige Informationen, noch können sie frei kommunizieren. Das Regime will verhindern, dass sie ihre Gedanken mit der Welt teilen können. Die Bevölkerung soll in den Zustand der vollkommenen Angst versetzt werden.
Nach jeder Krise nimmt die Gewalt des iranischen Regimes zu
Nach jeder Protestwelle, nach jeder außenpolitischen Krise, fährt das Regime außerdem die Zahl der Hinrichtungen hoch. Auch in den vergangenen Wochen wurden vermeintliche „Gegner“ des Staates hingerichtet. Es waren keine Gegner des Staats, sondern Menschen, die sich für ihr Land endlich Freiheit wünschen.
Ja, die Feuerpause beendet einen Teil der Gewalt, die die Bevölkerung im Iran in den vergangenen Wochen erlebt hat. Nein, die Feuerpause beendet nicht den anderen Teil der Gewalt, den die Bevölkerung weiterhin jeden Tag erlebt. Die Arroganz jener, die im sicheren Deutschland sitzen und diesen Krieg in ein Spiel zwischen Gut und Böse verwandeln, ist atemberaubend. Diese Überzeugung, moralisch überlegen zu sein, befeuert jene Polarisierung, die immer nur den gewalttätigen Potentaten nützt. Denn für sie ist Krieg in der Tat ein Spiel. Es sind die Herrschenden, die von Gewalt profitieren, niemals die Menschen.
„Wir werden siegen“, schreibt Leyla Satrapi noch. Man will es hoffen, man muss es hoffen. Das ist in diesen Tagen alles, was bleibt.