Haft, Tod oder nur Ablösung: Zu Gunsten von Gouverneure russischer Grenzgebiete wird es innig
Haft, Tod oder nur AblösungFür Gouverneure russischer Grenzgebiete wird es eng
07.04.2026, 21:02 Uhr

Eine kremlnahe Zeitung berichtet über eine möglicherweise bevorstehende Absetzung der Gouverneure der Grenzregionen Belgorod und Brjansk. Bleibt es nur bei der Ablösung, dürften sich die beiden Politiker glücklich schätzen. In der Nachbarregion Kursk muss ein Ex-Gouverneur lange in Haft – und ein anderer ist tot.
Wer Russlands Grenzregionen zur Ukraine regiert, lebt gefährlich – nicht nur wegen der Nähe zur Front. In den Oblasten Belgorod, Brjansk und Kursk, den einzigen russischen Regionen, die an nicht besetzte Gebiete der Ukraine grenzen, läuft offenbar eine vom Kreml veranlasste Säuberung. Der Ex-Gouverneur von Kursk, Alexej Smirnow, wurde am Montag wegen Korruption zu 14 Jahren Haft verurteilt – er hatte gestanden, Schmiergelder beim Bau von Verteidigungsanlagen kassiert zu haben. Sein Vorgänger, der ihn in die Praxis eingewiesen haben soll, wurde im Juli vergangenen Jahres in Moskau tot aufgefunden – mit einer Schusswunde am Kopf.
Nun scheinen Belgorod und Brjansk an der Reihe zu sein: Der Kreml plant laut der regierungsnahen Zeitung „Wedomosti“ die Ablösung beider Gouverneure. In Belgorod wird wegen ähnlicher Unregelmäßigkeiten bei Verteidigungsbauten ermittelt – und Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow erlaubte sich zuletzt eine seltene öffentliche Kritik an Moskau.
Die Situation mit der Unterstützung der Regierung in Belgorod sei „nicht die beste“, die Lebensqualität habe sich gegenüber früher deutlich verschlechtert – eine „Rotation“ des Gouverneurs erscheine daher logisch, schrieb „Wedomosti“ unter Berufung auf drei Quellen aus der Präsidialverwaltung. Auch Gladkows Gesundheitszustand soll eine Rolle spielen. Das ebenfalls regierungsnahe Online-Medium „Gazeta.ru“ berichtete, dass sich Gladkow im Sommer 2024 und im Herbst 2025 krankmeldete und geplante Termine absagen musste. Woran er litt, ist jedoch nicht bekannt.
Der Gouverneur selbst kommentierte die Berichte nicht – in seinem Telegram-Kanal erschienen wie jeden Tag Meldungen über die Folgen ukrainischer Beschüsse. Belgorod ist von allen russischen Regionen am stärksten von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine betroffen. In ihrem Abwehrkampf greift die ukrainische Armee regelmäßig Ziele in der Region an. Mehr als 400 Zivilisten sind nach Angaben Gladkows seit Kriegsbeginn gestorben, über 3000 wurden verletzt. Im vergangenen Winter blieben Tausende Belgoroder nach Angriffen auf die Energieinfrastruktur wiederholt ohne Strom und Heizung.
Seltene Kritik an Kreml
Gladkow, der die Region seit November 2020 führt, wirkt zunehmend aufgerieben. Mitte März erlaubte er sich einen ungewöhnlich offenen Seitenhieb gegen die staatliche Sicherheitspolitik. Anlass waren die häufigen Abschaltungen des mobilen Internets – Maßnahmen, die er selbst zuvor als notwendigen Schutz gegen ukrainische Drohnen verteidigt hatte. Während einer Live-Fragerunde in den sozialen Medien sagte er: „Wir alle verstehen, dass die Abschaltung des mobilen Internets wegen der Angriffsgefahr durch die ukrainischen Streitkräfte erfolgt. Andererseits stimme ich voll und ganz zu, dass für die Bewohner der Grenzregion das Fehlen von Informationen eine noch größere Gefahr darstellt, die leider recht häufig zu Todesfällen, Verletzungen und Zerstörungen führt.“ Für einen russischen Regionalpolitiker ist das eine bemerkenswert deutliche Distanzierung von Moskaus Vorgaben.
Hinzu kommt ein Korruptionsskandal, der Gladkow politisch belastet, auch wenn er selbst nicht im Visier der Ermittler steht. Sein Stellvertreter Rustem Sainullin, zuständig für Immobilien und Liegenschaften, wird des Betrugs in Höhe von 32 Millionen Rubel (umgerechnet ca. 350.000 Euro) beschuldigt – im Zusammenhang mit dem Bau von Verteidigungsanlagen an der Grenze zur Ukraine. Die Ermittlungen laufen seit über einem Jahr.
Kursker Ex-Gouverneur in Haft, sein Vorgänger tot
In der Nachbarregion Kursk brachten ähnliche Ermittlungen den Gouverneur Alexej Smirnow im Dezember 2024 nach wenigen Monaten im Amt zu Fall – und nun auch ins Gefängnis. Am Montag wurde er wegen Bestechung verurteilt. Er hatte laut Urteil von Baufirmen, die auch Verteidigungsanlagen in dem Gebiet an der Grenze zur Ukraine errichten sollten, Schmiergelder kassiert.
Smirnow war im Mai 2024 Gouverneur von Kursk geworden. Nur wenige Monate später überrannten ukrainische Truppen einen Teil des Gebietes bei einem überraschenden Gegenstoß und brachten damit erstmals Russlands Angriffskrieg auf den Boden des Aggressors zurück.
Die Ermittlungen enthüllten, warum die Grenze so leicht zu durchbrechen war: Die Verteidigungsanlagen waren minderwertig. Panzersperren sollen aus billigem Material bestanden haben, das dem Gewicht ukrainischen Militärgeräts nicht standhielt. Das Geld verschwand in anderen Taschen.
Smirnow hatte die Bestechung gestanden – und dabei seinen Vorgänger Roman Starowoit belastet. Dieser habe ihm die Schmiergelderpraxis empfohlen. Starowoit selbst hatte die angeblich fertiggestellten Anlagen pflichtgemäß nach oben gemeldet und war zum russischen Verkehrsminister aufgestiegen. Im Juli 2025 entließ ihn Kremlchef Wladimir Putin überraschend. Kurz darauf wurde er in einem Moskauer Vorort in einem Gebüsch mit einer Schusswunde am Kopf aufgefunden. Die Ermittler sprachen von Selbstmord.
Auch Brjansker Gouverneur soll abgelöst werden
Die möglicherweise bevorstehende Ablösung des Gouverneurs von Belgorod, Gladkow, ist laut „Wedomosti“ Teil einer umfassenderen Personalrochade, die der Kreml für diesen Frühling plant. Ebenfalls betroffen sein könnte Alexander Bogomas, Gouverneur der Region Brjansk – auch sie grenzt direkt an die Ukraine und steht seit Kriegsbeginn wiederholt unter Beschuss. Bogomas führt die Oblast seit 2014 und wurde zuletzt im September 2025 wiedergewählt. Gründe für seine mögliche Ablösung nannten die Quellen nicht.
Was Gladkow und Bogomas in der Zukunft erwartet, ist ungewiss. Über Gladkows weiteren Karriereweg werde aktuell im Kreml diskutiert, sagte eine der Quellen der „Wedomosti“ – angesichts der Erfahrungen seiner Kursker Amtskollegen wohl kein gutes Zeichen für ihn.
Source: n-tv.de