Comeback eines Jahrzehnts: Mama, wie waren die Neunziger?
Levi’s bringt seine beliebte 501-Jeans in einer Neunziger-Variante heraus, Calvin Klein wirbt für seine von derselben Zeit inspirierte Kollektion, und Doc Martens entwirft Plateaustiefel mit extra dicker Sohle. Das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends ist in der Mode omnipräsent. Mit seiner Wiederkehr erleben die Supermodels jener Zeit ihr Comeback: Christy Turlington für Zara, Kate Moss für Burberry, Gisele Bündchen für Marc O’Polo. Auch die Popkultur befeuert diesen Trend durch neue Serien, wie die Liebesgeschichte zwischen John F. Kennedy Jr. und Carolyn Bessette auf Disney Plus. Und in den sozialen Medien postet die Generation X ihre Jugendschnappschüsse unter dem Hashtag „Mom, what were you like in the 90s?“, unterlegt mit der nostalgischen Hymne „Iris“ von den Goo Goo Dolls.
Paradoxerweise sind es vor allem Frauen in den Zwanzigern, die sich nach dieser Zeit wie nach einer goldenen Ära sehnen, ohne sie selbst erlebt zu haben. Was die Vergangenheit für sie so attraktiv scheinen lässt, ist zugleich der größte Unterschied zu ihrem Alltag: eine Jugend ohne soziale Medien. Keine Algorithmen, keine dauerhafte Archivierung von Fehlern, keine Followerzahlen für die Bewertung von Profilen. Zwar wirkt die märchenhafte Unwirklichkeit dieser Erzählung mitunter unfreiwillig komisch, wenn nur ein einziger Computer im Wohnzimmer steht, über das Kabeltelefon alle mithörten und ins Netz zu gehen noch bedeutete, nicht mehr telefonieren zu können. Man mag es der Technik nachsehen, deren kapriziöse Eigenschaften sie nur noch kostbarer machten: der Walkman zum Beispiel, den man ganz vorsichtig mit der flachen Hand an den Körper pressen musste, damit die CD nicht sprang.
Das Leben ohne soziale Medien
Aus Mangel an technischen Kontroll- und Ablenkungsmöglichkeiten scheint im Rückblick sogar die elterliche Erziehung besser gewesen zu sein: Stundenlang mussten sich Kinder selbst beschäftigen, Telefonnummern merken oder den Weg allein nach Hause finden. Ebenso unvorstellbar aus heutiger Sicht ist es, dass drinnen zu bleiben als Höchststrafe galt. Heute verkriechen sich junge Erwachsene oft freiwillig in der Wohnung, haben aber gleichzeitig das nagende Gefühl, etwas zu verpassen: FOMO (Fear of Missing Out) nennt es die Generation Z und meint damit den Zwang, der in den sozialen Medien am meisten schmerzt: wenn andere mehr Spaß haben als man selbst.

Stattdessen scrollen sie lethargisch durch die Netflix Mediathek – genervt von einem Zustand ständiger Enttäuschung (wenn die neue Staffel der Lieblingsserie nicht so gut ist) und gelähmt von einer schlechten Aufmerksamkeitsspanne (dank Tiktok, Youtube und Instagram im schnellen Wechsel). Da kommt mitunter Neid auf die Fernsehkinder von früher auf, die nur das Programm der guten alten Glotze kannten, das man nicht anhalten oder wiederholen konnte. Wer eine Sendung verpasste, hatte eben Pech. So hat es Familien und Freunde zusammengebracht, wenn alle zur selben Zeit dieselbe Fernsehshow schauten und sich am nächsten Tag darüber mit leuchtenden Augen austauschten. Das schafft heute höchstens noch die Fußballweltmeisterschaft.
Waren Liebesgeschichten in den Neunzigern romantischer?
Auf Menschen Mitte Zwanzig klingt das damalige Kennenlernen von neuen Leuten fast schon utopisch: Von Angesicht zu Angesicht, wie die romantischen Komödien aus jener Zeit es zeigen. Damals hat man sich noch Mühe gegeben und seinem Schwarm ein Mixtape mit Lieblingsliedern erstellt. Eine Spotify-Playlist kann mit solch einer aufmerksamen Geste nicht mithalten und ein „Willst du mit mir gehen“-Zettel hat auch deutlich mehr Charme als ein plumper Anmachspruch über eine Dating-App. Stand das Treffen, konnte es nicht wenige Minuten vorher rückgängig gemacht werden. Und ein Korb ins Gesicht bedurfte mehr Mut und Anstand, als jemanden in den sozialen Medien zu blockieren. Wer um die Jahrtausendwende geboren wurde, ist konfrontiert mit nervigen Phänomenen der Gegenwart wie Ghosting (erklärungsloser Kontaktabbruch) und Catfishing (anderes Aussehen als auf den Fotos), die jede Bekanntschaft komplizierter machen.
Aber das liegt auch in der analogen Natur der damaligen Objekte. Die vermeintlich ungestellten Schnappschüsse in den Fotoalben der Eltern waren tatsächlich unbearbeitet, ohne Filter, Photoshop, gar Künstlicher Intelligenz. Mit einer kleinen Einwegkamera aus Plastik knipste man die besten Freunde. Das Ergebnis war mittelmäßig zufriedenstellend: manche verwackelt, andere mit dem Finger noch darauf. Es war aber auch egal, die Erinnerung zählte. Sowieso überwog die Vorfreude auf die fertigen Bilder, die man erst Wochen später entwickelt abholte und von denen die wenigen Gelungenen jahrelang im Schulspind klebten. Die Faszination dieser Zeit zeigt sich auch im absurden Umstand, dass immer mehr Fotografen mit Filtern diesen körnigen Look rauschiger Polaroids zu imitieren versuchen.
Die Neunziger-Mode und ihre Eigenheiten
Klar, auch in den Neunzigern gab es echte Probleme, doch wurde das Wissen um Erderwärmung und Treibhausgase in einer kollektiven Ignoranz verdrängt. Umso mehr wurde gefeiert und gequalmt, in Restaurants, Kinos und sogar Flugzeugen. Im Rückblick wirkt es wie eine wilde Zeit. Das spiegelt sich im Stil: rebellisch, mitunter etwas eigenwillig, dafür originell. Vergessene Schätze wie Tamagotchis, Lavalampen oder Plastikschnuller als Ketten sind so kitschig, dass sie in ihrer schrillen Seltsamkeit wieder cool sind.
Schaut sich die Generation Z die Outfits ihrer Eltern an – Plateauschuhe, Low-Waist Jeans, hellblauer Lidschatten – ist das wie bei einem Autounfall. Man weiß nicht, ob man schnell wieder wegschauen oder den Hut vor dem Selbstbewusstsein ziehen soll, dass sie sich tatsächlich so auf die Straße wagten. Doch da ist auch diese Spur von Neid und die gleichzeitige Erleichterung: Um die Lässigkeit der Eltern nachzuahmen, muss sich niemand mehr die Augenbrauen dünn wie einen Strich zupfen. Der „Minimal Chic“ in den heutigen Kampagnen ist die tragbare Variante des Neunzigerjahre-Hypes.
Source: faz.net