Mit einem Not-Hammer zerstörten Hertha-Fans im Dresdner Stadion eine Trennwand

Die Fans von Dynamo Dresden und Hertha BSC lieferten dem deutschen Fußball die schlimmsten Bilder seit Langem. Nun werden neue Details publik. Zum Beispiel, wie Berliner Fans aus dem Gästeblock entkommen konnten.

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Als vor dem Anpfiff der verstorbenen Dynamo-Legende Hansi Kreische († 78) mit einer Schweigeminute gedacht wurde, war noch alles in Ordnung. Auch die Hertha-Fans hielten sich an den Ehrenkodex, diese Situation nicht zu stören. Doch dann sorgten andere Ultra-„Gesetze“ in Dresden für Randale und die schlimmsten Bilder, die es seit Langem im deutschen Fußball gab. Es war ein schwarzer Tag für den Sport und ein Versagen auf vielen Ebenen.

Das Zweitliga-Spiel des Samstagabends lief knapp 20 Minuten, als im K-Block, dort, wo die leidenschaftlichsten ­Dynamo-Fans stehen, eine Zaunfahne von Hertha gezeigt wurde. Falsch herum aufgehängt – in der Ultra-Szene ein Zeichen dafür, dass sie gegnerischen Anhängern gestohlen worden war. Dazu gab es Gesänge: „Wo ist eure Fahne hin?“ Dieser Moment gilt als der wahrscheinliche Auslöser für die folgenden Ausschreitungen, bei denen nahezu alle Beteiligten grobe Fehler begingen.

Hertha-Ultras sprangen von der Tribüne in den Innenraum. Dazu muss man wissen: Das Entwenden und Präsentieren von gegnerischen Fan-Utensilien, hauptsächlich Fahnen, gilt in der Ultra-Szene als eine der schärfsten Provokationen. Der Verlust der Hauptfahne einer Fangruppierung kann sogar zur eigenständigen Auflösung der Gruppe führen. In Dresden wurde allerdings „nur“ die Fahne des „Förderkreises Ostkurve“, eines Dachverbands der Szene, geraubt und später im Dynamo-Fanblock verbrannt.

Dass es dennoch sofort aggressiv wurde, hat mit der Rivalität der beiden Fanlager zu tun. Bereits im Hinspiel waren Gruppen beider Anhängerschaften im Berliner Olympiastadion aufeinander losgegangen. Die Polizei musste eingreifen. Zudem hatten KSC-Fans im März Dynamo mit gestohlenen Fanartikeln in einer Choreografie provoziert. KSC und Hertha pflegen eine enge Fanfreundschaft.

Als die Hertha-Anhänger nun im Innenraum des Stadions standen und sich zudem auch noch Prügeleien mit Dynamo-Fans in einem Block der Gegentribüne lieferten, griff ein weiterer Kodex einiger Ultra-Gruppen, dem zufolge das eigene Stadion und eigene Fans verteidigt werden müssen. Also verließen rund 60 Dynamo-Fans ihren Block und bewegten sich am Spielfeldrand auf die Hertha-Anhänger zu, von denen sie mit Feuerwerkskörpern beworfen wurden. Zudem flogen Raketen in den unbeteiligten Tribünenbereich, in dem viele Familien saßen, und sie flogen auch zurück in den Hertha-Block. Erst dann wurden die Dresdner von der anrückenden Polizei zurück in ihren Block gedrängt.

Hertha-Fans hielten sich nicht nur im Gästeblock auf

Dass es zu den verheerenden Szenen kommen konnte, ist nach ersten Erkenntnissen auch die Folge von Fehlern der Vereine und Sicherheitskräfte. Schon vor dem Spiel war aufgefallen, dass sich die rund 3000 Hertha-Fans nicht nur im klassischen Gästeblock, der mit hohen Glaswänden geschützt ist, platzierten, sondern auch im benachbarten Sitzplatz-Bereich. Von dort aus konnten die Anhänger problemlos in den Innenraum springen.

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Möglich wurde das zum einen, weil die Hertha-Fans eine Trennwand des Gästeblocks mit speziellem Werkzeug, die Rede ist von einem Not-Hammer, beschädigten und herauslösten und sich so frei bewegen konnten. Doch auch beim Verkauf der Tickets unter den Hertha-Fans muss die „Sitzordnung“ ermöglicht worden sein. Dazu wollte sich Hertha BSC auf Anfrage nicht äußern.

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Die Berliner teilten aber unter anderem mit: „Sobald belastbare Erkenntnisse vorliegen, werden diese gemeinsam aufgearbeitet.“ Und: „Unabhängig davon sehen wir einen Austausch mit der aktiven Fanszene, in dem die Ereignisse kritisch aufgearbeitet werden, als dringend geboten an.“

Aus Kreisen des Dresdner Stadion-Sicherheitsdienstes heißt es, die vor dem Gästeblock platzierten Ordner, die von Hertha mitgebracht worden waren, hätten sich zu Beginn der Auseinandersetzungen weitestgehend zurückgezogen. Aber auch die Dresdner Ordner griffen angesichts der vermummten Fans kaum ins Geschehen ein.

Auch an der Polizei gibt es Kritik. Mit rund 750 Kräften aus mehreren Bundesländern vor Ort, dauerte es auffällig lange, bis sie nach den ersten Gewalttaten eingriff. Zudem heißt es aus unterschiedlichen Fankreisen, dass einige Beamte unnötig brutal vorgegangen seien. So ist auf Videoaufnahmen zu sehen, wie Reizgas auf Fans eingesetzt wird, die sich bereits zurückgezogen hatten, und offensichtlich anlasslos in einen neutralen Block gesprüht wird, in dem auch Kinder saßen.

Spieler äußerten Bedenken, wie sicher die Lage ist

Die Spieler verließen währenddessen auf Anordnung von Schiedsrichter Sven Jablonski das Feld. In der Kabine herrschte nach Informationen von „Sport Bild“ Aufregung. Nicht der bisherige Spielverlauf war zunächst Thema, sondern die Jagdszenen im Stadion. Dem Vernehmen nach äußerten einzelne Spieler auch Bedenken, wie sicher die Lage sei. Das Spiel blieb für 20 Minuten unterbrochen.

Die Aggressionen gingen von den Fangruppen aus. Wie geplant die Aktionen waren, war zu Beginn der Woche noch nicht abschließend geklärt. Die Beobachtungen lassen allerdings verschiedene Theorien zu. So wurden rund um den Anpfiff vermummte Personen unter dem Stadiondach im Bereich der Hertha-Blöcke gesehen. Dazu auch einzelne Handgreiflichkeiten innerhalb des Gästebereichs.

Dazu passend kursiert, dass Dynamo-Fans in den Wirren der Choreografien beider Fanlager zu Spielbeginn in den Hertha-Block eingedrungen sein und die Fahne entwendet haben sollen. Zu Beginn des Spiels hatten die Dynamo-Fans eine riesige Choreo enthüllt, dazu außerhalb des Stadions ein Feuerwerk gezündet. Die Berliner Anhänger fackelten unzählige Raketen, Rauchbomben und Bengalos in ihrem Block ab. Der entstandene Rauch hatte die erste Spielunterbrechung von mehreren Minuten zur Folge. Allerdings war zu Beginn der Woche auch denkbar, dass die Fahne schon zuvor gestohlen worden sein könnte.

In dieser Woche sollen Überwachungsbilder ausgewertet werden. Die Polizei hat Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, Beleidigung sowie Ticketbetrugs eingeleitet. Die Vereine stehen im Kontakt mit der DFL, dem DFB und dem sächsischen Innenministerium. Auch der DFB-Kontrollausschuss hat ein Ermittlungsverfahren gegen beide Vereine eingeleitet, die zu Stellungnahmen aufgefordert werden. Beide Klubs distanzierten sich von den Szenen und kündigten Gespräche mit ihren Fans an, auf die Maßnahmen folgen sollen.

Der Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORT BILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.

Source: welt.de