Sechs Jahrzehnte Pille: Die Verantwortung pro Verhütung bleibt im Zusammenhang den Frauen

1960 kam die erste Pille zur Verhütung auf den Markt. Für Männer gibt es immer noch kein äquivalentes Produkt. Der Grund ist klar: Sie spüren kaum Druck, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern


Sie ist schädlich und wird dennoch verschrieben wie Bonbons: Die Pille wird in diesem Jahr 66 Jahre alt

Foto: Debrocke/ClassicStock/Getty Images



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Vor fast 66 Jahren erblickte die Pille das Licht der Welt und ermöglichte es Frauen, ihre Sexualität stärker selbst in die Hand zu nehmen. 66 Jahre sind eine sehr lange Zeit, um zu forschen, zu entwickeln, zu testen und Produkte auf den Markt zu bringen.

Interessanterweise gibt es die Pille für den Mann immer noch nicht: Die Nebenwirkungen seien angeblich bei den bisher getesteten Produkten nicht zumutbar und Männer würden sie auch nicht nehmen wollen. Fakt: Die Nebenwirkungen sind exakt dieselben wie die der Pille für Frauen.

Wieso sollten Männer ihre Körper auch mit medizinischen Nebenwirkungen belasten, wenn sie kaum Druck verspüren, eine Frau nicht ungewollt zu schwängern? Denn der soziale, physische und finanzielle Druck einer ungewollten Schwangerschaft liegt immer noch nahezu ausschließlich bei denjenigen, die schwanger werden, nicht bei denjenigen, die schwängern können.

65 Jahre Pille und ein Mindset wie 1960

Bei der sozialen Stigmatisierung von Frauen, die jung oder ungewollt schwanger werden, würde ich mich als Frau nicht darauf verlassen, dass ein männlicher Sexualpartner seine Pille regelmäßig nimmt, sondern auf Nummer sicher trotzdem selbst verhüten.

Schwangerschaften verändern den Körper zudem nachhaltig, manchmal kommt nur eine Schuhnummer dazu, aber sie können auch die Gesundheit der Zähne und die Sehfähigkeit beeinträchtigen. Es gibt seltene Fälle von Fehlgeburten, bei denen sich anschließend ein bösartiger Tumor in der Gebärmutter entwickelt – Nebenwirkungen, gegen die die Pille für den Mann harmlos aussieht.

Frauen können sich der Thematik nicht entziehen, Männer schon

Selbst wenn Mutter und Kind Schwangerschaft und Geburt gesund überstehen, kann sich der Erzeuger immer noch aus dem Staub machen. 2024 zahlten Bund und Länder 3,2 Milliarden Euro Unterhalt an Alleinerziehende, meistens Mütter, weil sich der andere Elternteil, meistens der Vater, weigerte, diesen zu bezahlen.

Frauen können sich der Thematik nicht entziehen, Männer schon. Vielleicht sollte man da einfach politisch nachhelfen, um Gerechtigkeit zu schaffen und es, siehe körperliche Folgen einer Schwangerschaft, als Körperverletzung unter Strafe stellen, wenn Männer eine Frau schwängern, ohne vorher explizit deren Zustimmung eingeholt zu haben. So beweisen 65 Jahre Pille lediglich, dass sich bestimmte Dinge seit 1960 eben kaum verändert haben.

Dieser Text ist zuerst am 19. August 2025 erschienen.