Ungarn II | Ungarn vor welcher Wahl: Ein Besuch in welcher Herzkammer von „Orbánistan“
In der Provinz bietet die Oppositionspartei Tisza modern wirkende Frauen gegen die Herrenreiter von Fidesz auf. In Felcsút, dem Heimatort von Viktor Orbán, sind noch keine Sieger zu erkennen. Die Umfragen deuten auf ein Fifty-Fifty
„Gemeinsam gegen den Krieg“ lautet Orbáns Wahlkampfappell
Foto: Attila Kisbenedek/gettyimages
Schwache Wirtschaftsleistungen konnten die bisher 20-jährige Herrschaft Viktor Orbáns kaum gefährden, die Begnadigung des Vizedirektors im Kinderheim in Bicske, der seinen zehn Jungen vergewaltigenden Chef gedeckt hatte, aber schon. Anfang 2024 traten deswegen Fidesz-Spitzen zurück, wie Staatspräsidentin Katalin Novák und Ex-Justizministerin Judit Varga.
Damals begann der Aufstieg von Vargas Ex-Mann Péter Magyar. Vor Weihnachten nun enthüllte dessen Partei Tisza einen umfassenderen Pädophilie-Skandal: Ein bis dahin geheim gehaltener Bericht des Nationalen Kinderschutzzentrums listete 3.000 Missbrauchsfälle in staatlichen Anstalten auf. Man sollte meinen, dies wäre der Genickbruch für eine Regierung, die ihr Verbot von homo- und transsexueller „Propaganda“ als „Kinderschutz-Gesetz“ anpreist.
Das internationale Ansehen Viktor Orbáns ist aber so stark, seine andersartige Ukraine-Politik so anziehend und die Prägung Ungarns durch einen konservativen „Deep State“ so weit fortgeschritten, dass vorwiegend die ältere Bevölkerung Fidesz weiter die Stange hält.
Der Fall im Kinderheim in Bicske war ein Wendepunkt
Ich beobachtete den Wahlkampf im Wahlkreis Fejér 03. Dort liegt Bicske, angrenzend Felcsút, der Heimatort Orbáns und des Gasklempners Lőrinc Mészáros, der sich zum reichsten Ungarn gemausert hat. Dort liegt auch Hatvanpuszta, ein „Orbáns Vater“ gehörender Feudalbau mit Rosengarten, Zebras und Büffeln.
Für Fidesz kandidiert hier Zoltán Tessely, Ex-Oberbürgermeister von Bicske, der sich mit üppigem Husaren-Schnauzbart zeigt. Über Land fahrend, fallen mir die modern wirkenden Frauen auf, die Tisza gegen die Herrenreiter von Fidesz aufbietet.
In Fejér 03 ist das Dr. Viktória Bögi, eine sinnigerweise auf Familienrecht spezialisierte Anwältin. Während der fahnenschwingende Populist Péter Magyar gegen „pädophile Monster“ wettert, drückt sich die neben ihm stehende Bögi umständlicher aus: „Da fällt mir der Fall des Kinderheims in Bicske ein. Meiner Meinung nach war dies der Wendepunkt, der die Menschen sagen ließ: Bis hierhin und nicht weiter!“
Wie in Mar-a-Lago
Ich verstand Bögis Facebook so, dass sie Sonntag in Gárdony auftreten würde, fand dort aber nur eine Unterschriften für Tisza sammelnde Seniorin mit Bögi-Tisza-Anstecker, die mir sagte: „Vicky ist zu Hause.“ Am selben Abend postete Bögi ein Foto mit fünf Personen aus einem Nachbardorf. Dazu hieß es: „Drei Stunden lang kamen ununterbrochen Menschen.
Auch in Kápolnásnyék fließt die Theiss in Strömen!“ Das war ein Wortspiel, der Fluss Theiß heißt auf Ungarisch Tisza. Gegenkandidat Tessely postete seinerseits ein Foto, das ihn am gleichen Wochenende in Gárdony zeigte – mit dreimal so vielen Leuten.
Am folgenden Montag fuhr ich in Bögis Wohnort Martonvásár. Die Kandidatin hatte angekündigt, dort von 16 bis 19 Uhr „von Tür zu Tür“ zu gehen. Sie war offenbar eine kleine Anwältin, ihre Kanzlei beim Sonnenstudio „ChocoLED“ konnte keine zwölf Quadratmeter messen.
Martonvásár erwies sich als nationales Elysium. Es gab ein „Kindergartenmuseum“ und die weitläufige Schloss-Anlage, auf der Beethoven die Appassionata komponiert hat. Eine der sneaker-beschwingten Bürgersfrauen, die zum Gottesdienst im Schlosskirchlein eilten, küsste flüchtig den Narzissenstrauß zu Füßen der Muttergottes.
„Tessely ist oft hier, er hat viele Freunde, er ist in Ordnung“
Drei Stunden lang fragte ich fast 50 Locals über Bögi aus. Die meisten schienen die vor 24 Jahren zugezogene „Vicky“ nett zu finden, doch auch Tessely schien in Martonvásár mindestens so gut verankert wie Bögi. Eine mit ihm aufgewachsene Deutschlehrerin erzählte: „Tessely ist oft hier, er hat viele Freunde, er ist in Ordnung.“
Der Kindergarten ist eigentlich nichts Besonderes, gestand die Deutschlehrerin, das „Kindergartenmuseum“ habe eine mittlerweile im Altenheim lebende Kindergärtnerin gegründet. Laut Infotafeln am Brunszvik-Schloss handelt es sich um „den ältesten Kindergarten Mitteleuropas“.
Es war schon dunkel, als ich in die Herzkammer von Orbánistan einfuhr. Nicht nur wegen Hatvanpuszta wurde das eine wahre Schlösserfahrt. Am beeindruckendsten war der Orbáns Schwiegersohn gehörende Golfklub „Botaniq“. Als ich über eine sich bergan windende Allee aus gigantischen glattrindigen Rotbuchen auf den Palast zufuhr, dachte ich: Viktor, das musst du deinem Kumpel in Mar-a-Lago zeigen!
Serie Europa Transit Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa