Theater mit Lars Eidinger: Kann er nicht sehen, wofür?
In den Sommerferien fuhren die Eidingers früher immer nach Italien. Mit dem Auto, der Vater am Steuer, die zwei Jungs hinten, und die Mutter, die saß auf dem Beifahrersitz und schaute hin und wieder tröstend auf die Rückbank. Denn der Vater fuhr schnell, sehr schnell, er raste mit irrem Tempo auf der Überholspur, fuhr dicht auf und drängte die Vorausfahrenden mit Lichthupe und Motorheulen brutal zur Seite. Wenn die die Spur dann endlich gewechselt hatten, fuhr er genüsslich an ihnen vorbei, legte den Ellbogen auf den Fensterrahmen und atmete voller Befriedigung aus. Selig, die anderen auf ihren Platz verwiesen zu haben. Dem jungen Lars auf der Rückbank wurde von dem gewalttätigen Fahrstil des Vaters oft schlecht, er musste sich sehr konzentrieren, und für den Fall der Fälle stand unter dem Sitz eine sogenannte „Kotzschüssel“ für ihn bereit.
Warum fährt einer so? Was treibt ihn an, wovor fährt er fort? Vielleicht ist es die Rachsucht, das Gefühl, es andernorts nicht geschafft zu haben, gedemütigt worden zu sein und sich nun an anderer Stelle behaupten zu wollen. Vielleicht ist es die Angst, nicht durchsetzungsstark genug gefunden zu werden, von der eigenen Familie, den anderen, nicht männlich genug. Vielleicht ist es aber auch die Wut über die Umstände, die unterdrückte Traurigkeit, hier jetzt nicht neben einer anderen sitzen zu können, nicht neben der, die er eigentlich will, nicht dort, wo er eigentlich hingehört, nicht dorthin zu fahren, wohin er eigentlich fahren will. Vorgestern hatte er ihr noch geschrieben: „Wir lassen uns nicht los.“ Und dann war er eben doch losgefahren, weg von ihr, in die andere Richtung. Man kann sich oft nicht vorstellen, dass hinter dem Ausbruch von Gewalt, dem Ausdruck von Aggression und Härte, ein weiches Gefühl, eine unruhige Sehnsucht steckt, etwas, das gefunden und angeschaut, vielleicht sogar erlöst werden will.
Leiden am Unausgesprochenen
Man könnte auch sagen: Das hat etwas mit Geiz zu tun. Der Geiz ist es, der die Nähe zerstört. Die fehlende Großzügigkeit gegenüber den Erfolgen und Plänen der anderen. Das Ziehenlassen und Bei-sich-Bleiben, wer das nicht kann, der wird von Missgunst und Eifersucht zerfressen. Der leidet am Unausgesprochenen, der muss dann auf der Überholspur die anderen zur Seite drängen.
Es ist diese Art von Gefühls-Geiz, die Lars Eidinger darstellt in seiner neuesten Theaterrolle an der Berliner Schaubühne. Nur auf den ersten, oberflächlichen Blick spielt er mit Molières „Geizigem“ einen raffgierigen Kapitalisten, der sein Geld höher schätzt als alles andere, der seine Kinder und Angestellten verdächtigt, ihn zu beklauen, und der die Weinflaschen abzählt, bevor die Gäste kommen.
Kapitalismus mit Glitzersternchen
Es ist zugegebenermaßen auch der Blick des Regisseurs, Thomas Ostermeier, der das Schicksal eines reichen Pariser Bürgers Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in ein Autohaus von heute verlagert, vor dessen Tür „Uber Eats“-Taschen mit Big-Mac-Burgern und Capri-Sonnen gestellt werden. Der Kapitalismus, so wie ihn sich die moralmittelständische Hochkultur vorstellt, hat etwas mit Lieferdiensten und Trump zu tun. Mit Glitzersternchen auf dem Gesicht eines partyabhängigen Date-Darlings und Six-Seven-Memes. Die konventionelle Übertragungsregie dieser Inszenierung erfüllt sich in parodistischen Abkürzungen – der Geizige heißt hier Heiko statt Harpagon – und handlichem Street-Slang: „Ich hab mir den Arsch für euch aufgerissen, Kinder“ – „Hoffentlich ist er gut verheilt.“
Ostermeiers Drang, sich verständlich zu machen, hat inzwischen eine Einfachheit erreicht, die die Grenze zur Banalität nicht immer wahrt. Sein Theater ist auf Transport ausgerichtet – und zwar sowohl im organisatorischen Sinne mit Blick auf die finanziell notwendigen internationalen Gastspiele seiner Inszenierungen als auch in dramaturgischer Hinsicht: Alles spielt sich hier im übersichtlichen Feld eines angeblich angloamerikanisch angehauchten Realismus ab, der sich für das psychologische Dazwischen eines Menschen nur als Habitusform interessiert. Im Grunde lebt sein Theater nach wie vor von der Hoffnung, dass das derb Direkte ausreichte, um aussagekräftig gegen den Kunstcharakter der Darstellung zu opponieren: „Shoppen & Ficken“ eben, der Titel des 1998 von Ostermeier aufgeführten Ravenhill-Stücks, steht mit seiner Direktheit paradigmatisch für seine Theater-Haltung und wird daher auch an diesem Abend stolz zitiert.

Wie gesagt: Man kann diesen Abend als mundgerechte Milieu-Übertragung betrachten, der die wesentlichen Strukturen der molièreschen Komödie ins Gehäuse eines großstädtischen Autohauses transportiert, das Personal darin modernisiert und durchaus unterhaltsam auftreten lässt – mit ein paar Obersalzberg-Witzen, einem gut eingeübten Jugendslang und sogar ein bisschen Dinner-For-One-Gestolpere. Man kann den Abend so sehen und wird sich trotz seines Gelächters eingestehen, dass das Ganze ein wenig abgestanden wirkt.
Ein Stellvertreter und Jedermann
Man kann den Abend aber auch von Eidinger her denken. Und damit von uns. Denn das ist ja das Außergewöhnliche an diesem Schauspieler, dass ihn immer etwas Zeittypisches umgibt, dass er immer so spricht, dass wir uns selbst hören, dass er immer so schaut, wie auch wir uns im Spiegel sehen. Ein Stellvertreter. Ein Jedermann. Und dann bekommt der Abend noch eine andere Dimension. Dann beginnt er mit dem „Desperate Man Blues“ von Daniel Johnston aus dem Jahr 1983, jenem eindrucksvollen Werk der „Outsider-Musik“, das sich mit verzweifelten Zeilen an uns richtet: „and there ain’t no comfort in this life anymore / there ain’t no fun in living anymore / and I don’t feel much like living / can’t see what for“.
Dieses Lied singt der von der Kostümabteilung zum aufgedunsenen Autohändler zurechtgemachte Eidinger, als er zum ersten Mal die Bühne betritt. Und diese Stimmung wohnt in ihm, wenn er eine Dreiviertelstunde voller gut getimter Tür-Schlag-Slapsticks, Konfettiregen und Maximilian-Krah-Parodien später mehr zu sich als zum Publikum sagt: „Ich weiß nicht, wer ich bin, ich weiß nicht, was ich tue.“ Und diese Abgrundstimmung ist es auch, die jäh Einzug hält, wenn Eidinger plötzlich im Tonfall seines eigenen Vaters zu seinem Sohn Cléante sagt: „Steigst du mal eben ins Auto ein, bitte.“ Es ist der Tonfall eines soeben fünfzig gewordenen Mannes, der mit den Dämonen des Gefühlgeizes ringt. Nicht mit den kleinen Gespenstern der Habgier und des Besserverdienens, sondern mit Dämonen, die seine Gedanken besetzt halten und immer näher an den Abgrund drängen: „Ich weiß nicht, wer ich bin“ – das klingt gerade bei einem wie Eidinger ja wie ein wirklich wohlfeiler Satz.
Und doch ist er der einzige Satz, der an diesem Abend nachhallt, der etwas zu sagen hat über den sich dort darstellenden Menschen und seine Zeit. Eine Zeit, in der unsere Einsamkeit nach Ministerien verlangt und jeder Blick auf das Display zur größten Verzweiflung führen kann. Der Geiz, der uns heute wirklich bedroht, ist keiner des Geldes. Es ist einer, der uns voneinander fernhält, weil wir uns nicht mehr aneinander verschwenden. Sondern unsere Stimmungen in so und so viel Zeichen einpassen. Vielleicht ist es daher am Ende gar nicht das Geld, sondern die Kommunikation, vor deren Verlust sich Eidingers „Geiziger“ hier am meisten fürchtet. Dass jemand einfach nicht mehr zurückschreiben könnte. Und ihn alleinließe – mit sich und seiner Angst vor der Überholspur.
Source: faz.net