Klimaschutz: Nein, es ist nicht egal, welches Deutschland fürs Klima tut

Felix
Ekardt forscht als Leiter der
Leipziger Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik sowie als Professor an
der Uni Rostock zu Politik, Recht und Ethik der Nachhaltigkeit. Er sucht
anlässlich seiner oft sehr kontroversen Positionen die Diskussion mit den
Leserinnen und Lesern von ZEIT ONLINE. Auch diesmal antwortet er direkt unter
dem Artikel auf Leserkommentare. Diskutieren Sie mit!

Diese Argumente höre ich immer wieder, auch unter meinen bisherigen Gastbeiträgen: Die ganze
Klimadebatte sei unsinnig, weil Deutschland so unwichtig sei. Viel wichtiger
seien doch große Akteure wie China und die USA, und dort sei ökologisch
alles katastrophal. Das ganze Streben weg von den fossilen Brennstoffen Öl, Gas
und Kohle sei deshalb witzlos – es ziele auf Klimaschutz ab, doch den könnten Deutschland und selbst die EU doch ohnehin nicht voranbringen, wenn andere so
verantwortungslos weiter emittieren.

Aber stimmen die Einschätzungen überhaupt?

Verzweiflung und Ablenkung

Verwirrend
ist zunächst, dass das China-Argument verschiedene Motive hat. Manche wollen so wohl ihrer Verzweiflung Ausdruck geben, dass
es mit dem Klima den Bach heruntergeht – was man sogar verstehen kann. Nur China und die USA sind heute für rund 45 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Unterstellt man, dass diese
zwei Länder dauerhaft unbeirrt weitermachen, hätte die Menschheit wirklich ein sehr
großes Problem.

Viele
scheinen allerdings auch Gründe zu suchen, selbst nicht tätig werden zu
müssen und die gesamte Klimadebatte als unsinnig zu entlarven. Dass gleiche
Dinge aus gegensätzlichen Gründen gesagt werden, ist recht typisch für die
heutige politische Lage: Zunehmend besteht nur noch Einigkeit darüber, dass
die aktuelle Politik irgendwie kritikwürdig ist, nur dass diese Sicht dann eben
aus völlig unterschiedlichen Richtungen motiviert ist, eben pro und contra Klimaschutz.

Doch gibt es
Gründe, die zeigen, dass weder Verzweiflung noch Ausreden sinnvoll sind. Zunächst mal beträgt auch der deutsche Anteil an den weltweiten Emissionen aktuell rund zwei Prozent. Schaut man sich die Emissionen der vergangenen 200 Jahre an, die noch immer klimawirksam sind, sind es sogar fünf Prozent. Weil Deutschland viele energieintensive Güter importiert und die Emissionen beim Hersteller und nicht beim Nutzer gemessen werden, ist die Statistik sogar noch deutlich zugunsten Deutschlands verzerrt.

Es ist
also nicht egal, was Deutschland macht. Und es gibt auch nicht nur die
Alternativen „totale Klimarettung“ oder „totalen Untergang“. Jede eingesparte
Emission senkt die Wahrscheinlichkeiten für drastische Naturkatastrophen,
wirtschaftliche Verheerungen und andere Klimawandelfolgen.

Zudem produziert China auch für den westlichen Markt. Deutschland kann mit seiner Nachfrage daher zumindest ein wenig beeinflussen, was dort an
Emissionen entsteht. Natürlich stimmt, dass
etwa China in der Summe viel zu hohe Emissionen hat und auch die
Pro-Kopf-Emissionen sich den hohen europäischen Werten annähern. Doch
gleichzeitig spielt das Land eine zentrale Rolle bei der globalen Verbreitung
von erneuerbaren Energien und Elektromobilität
. Und es ist
zweifelhaft, ob der jetzige Öl-zuerst-Kurs von Donald Trump in den USA von Dauer ist. Denn Wind und Sonne sind
inzwischen einfach oft billiger als fossile Brennstoffe.

Man könnte
einwenden, dass Klimaschutz in Deutschland dennoch egal ist, weil die Welt gerade in die Luft fliegt. Da kommt es nur noch auf Waffen an und darauf, sich wirtschaftlich irgendwie
über Wasser zu halten.

Dabei ist die Abkehr von den fossilen Brennstoffen für Deutschland und Europa auch wirtschafts- und sicherheitspolitisch extrem wichtig. Wie
ein Festhalten an fossil basierten Modellen die Wirtschaft ruiniert – und nicht
umgekehrt –, kann man derzeit bei der deutschen Autoindustrie beobachten. Die
hat den Abschied vom Verbrenner, der in den anderen EU-Ländern oder China
längst vollzogen wird, verschlafen. Und wenn man das Heizen dauerhaft
bezahlbar halten will, ist eine noch raschere Energiewende gerade sinnvoll. Das
sollte spätestens die aktuelle Entwicklung des Irankriegs gelehrt haben. Außerdem
schaffen der Ausbau der Erneuerbaren und Wärmedämmung in der Summe mehr Arbeitsplätze
und mehr Wertschöpfung, als es die Fossilen vermögen (PDF). Noch wichtiger: Die Folgen des Klimawandels werden um den Faktor fünf, zehn oder mehr teurer werden als die Investitionen in den Ausstieg aus den Fossilen.

Manche mögen einwenden, es sei trotzdem günstiger und daher besser, wenn man Kohlekraftwerke in China statt in Deutschland abschaltet. Doch der Einwand ist schief. In China steigt seit Langem der Wohlstand, womit sich auch die unterschiedlichen Kosten teilweise erledigen. Zudem ist der Ausstieg aus den Fossilen für Deutschland und die EU eben aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll. Und es gibt Abkommen: Die Welt hat für die völkerrechtlich verbindliche 1,5-Grad-Temperaturgrenze schlicht kein Emissionsbudget mehr übrig. Alle Regierungen müssen daher massiv und zeitnah die CO₂-Emissionen reduzieren, statt sich gegenseitig zum Reduzieren aufzufordern.

Unabhängiger von autoritären Regimen

Die
angebliche Alternative – Klima oder Wirtschaft und Sicherheit – besteht also gar
nicht. Zudem löst man sich mit erneuerbaren Energien aus der Abhängigkeit von Gaslieferungen autoritärer Staaten – zu denen man künftig vielleicht auch
die USA zählen muss
. Und wenn Deutschland und die EU gar noch Gas und Öl vom
russischen Staat, teils auf Umwegen, einkaufen, finanzieren wir schlimmstenfalls die Untergrabung
von Frieden und Demokratie direkt.

Deutschland
und die EU sind also beim Klimaschutz nicht egal. Warum aber stehen dann China und Donald Trump immer wieder im Fokus der Diskussionen? Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass
Faktenwissen und Werthaltungen das menschliche Verhalten nur sehr begrenzt
beeinflussen. Ein häufig einflussreicher emotionaler Faktor ist
das Sündenbockdenken – ebenso wie menschliche Verdrängungsneigung,
Bequemlichkeit und Kritikaversion. Chinesen, Amis, Politiker, die Reichen, das Militär sind schuld am Klimawandel – das klingt einfach bequemer, als wenn ich selbst etwas tun
muss. Eigennützige Wünsche nach einem bequemen, angenehmen, üppigen Leben mit
vielen Reisen, großen Wohnungen und täglichen Autofahrten auch in Städten mögen
dazukommen.

Wenn Europa den Emissionshandel ausbaut und nicht abbaut, wie gegenwärtig diskutiert,
erreicht es zeitnahe Postfossilität am wirksamsten und zugleich am
kostengünstigsten. Wenn es die gerade eingeführten EU-Ökozölle für
klimaschädliche Produkte – der Carbon Border Adjustment Mechanism – zügiger einführt,
verhindert es zudem, dass Emissionen aus der EU in andere Teile der Welt
umziehen. Zugleich schafft es so einen Anreiz für außereuropäische Länder, aus den Fossilen auszusteigen. Ja, die
Weltlage ist schwierig bis verzweifelt. Doch sich selbst als noch machtloser hinzustellen, als man tatsächlich ist, wird Deutschland nicht retten.