Nichts spricht hierfür, dass Putin aus dem Kreml gejagt wird

Der Krieg drängt innerlich zum Bestrafen; Aufgabe der Politik ist es aufzubauen“, schrieb Henry Kissinger. Und weiter: „Die Gewalt kann sich als Richter aufspielen. Staatsmännische Führungskunst aber muss in die Zukunft blicken.“

Es mag schmerzen, aber diese Zeilen sollten die europäischen Außenminister im Kopf behalten, wenn sie über Russland nachdenken. Am vierten Jahrestag des Massakers russischer Soldateska an den Dorfbewohnern von Butscha beteuerten sie vergangene Woche erneut, Russland im Allgemeinen, Wladimir Putin im Besonderen müsse sich vor einem Tribunal verantworten.

Allein vom Herzen bestimmt, ist dieser Schwur sympathisch, politisch aber ist er töricht. Die Europäer werden auf Russland als europäische Großmacht angewiesen bleiben. Sie werden mit dem Vertreter reden müssen, den Russland ihnen präsentiert. Nichts spricht dafür, dass Putin von seinen eigenen Leuten aus dem Kreml gejagt wird.

Man darf eher davon ausgehen, dass er durch eine enger werdende amerikanische Partnerschaft so lange Staatschef bleibt, wie es ihm beliebt. Die Europäer können noch so viele Tribunale ins Leben rufen, diese werden Schattenspiele auf der Nebenbühne der Weltpolitik bleiben.

Beharren sie überdies auf der moralischen Absolutheit, schließen sie sich dauerhaft vom Verhandlungstisch über eine Friedensordnung aus. Warum sollte Putin mit Regierungschefs sprechen, die ihn ins Gefängnis stecken möchten? Warschau, Berlin, Paris, London – keine Hauptstadt käme für die Russen als Verhandlungsort infrage. Die Lehre daraus: Moralische Gefühlsaufwallungen in der Außenpolitik sind edel, aber widersinnig.

Source: welt.de