Kirchenreform: In den Ortsgemeinden formiert sich Widerstand
In der evangelischen Kirche bahnt sich gegenwärtig ein großer Umbruch an. In mehreren Kirchenämtern werden Überlegungen angestellt, den Ortsgemeinden ihren bisherigen Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts zu nehmen. Das hätte einschneidende Konsequenzen für die klassischen Kirchengemeinden.
Sie wären dann nicht mehr die Eigentümer ihrer Gebäude, hätten in der Regel kein eigenes Vermögen mehr und könnten auch kein Personal mehr anstellen. Alle wesentlichen Entscheidungen würden stattdessen künftig auf der regionalen Ebene getroffen werden.
Noch beschreiten nicht alle Landeskirchen diesen Weg. Doch selbst in großen EKD-Gliedkirchen steht das Modell im Hintergrund längst zur Debatte. Als Vorreiter gelten jedoch die pfälzische sowie die braunschweigische Landeskirche. In Braunschweig hat die Synode im vergangenen November beschlossen, die Zahl der Kirchengemeinden radikal zu reduzieren.
Bereits in drei Jahren soll es in der Landeskirche statt 239 Kirchengemeinden mit eigenem Körperschaftsstatus nur noch rund 15 Regionalgemeinden geben, deren Zahl auf längere Sicht auf nur noch vier Großgemeinden sinken soll.
Die Befürworter erhoffen sich davon eine übersichtlichere Struktur und Gemeinden, die einfacher zu verwalten sind und professionellere Angebote machen können.
Nur noch ein Konto mit begrenztem Rahmen
Es wäre ein heftiger Verlust für die klassischen Ortsgemeinden, die seit der Christianisierung Europas das Rückgrat der kirchlichen Organisation bilden und deren Selbständigkeit von den Reformatoren im 16. Jahrhundert gestärkt wurde. Sie wären laut Konzept bloß noch einer von vielen „kirchlichen Orten“, wie etwa ein kirchlicher Kaffeestand auf dem Wochenmarkt.
In einem Papier der Landeskirche wird ausgeführt, dass den Gemeinden ihr bisheriges Kapital und ihr bisheriger Grundbesitz, der ihnen teilweise vor Jahrhunderten zur Erfüllung ihrer Aufgaben übertragen wurde, „nicht einfach gehört“, sondern „nur auf Zeit anvertraut“ worden sei.
Ihre Zukunft wird ein paar Zeilen darunter so beschrieben: Die Kirchengemeinden sollen ein Konto mit begrenztem Verfügungsrahmen erhalten, damit sie „Bastel- und Spielmaterial, Kerzen, Knabbereien, Kaffee und Tee“ bezahlen können.
Inzwischen dämmert den Verfassern des Papiers, dass diese Formulierung nicht besonders klug gewählt war. Denn die „Kekskasse“ ist inzwischen zum geflügelten Wort der Reformgegner geworden. Der Grundsatzbeschluss für die Reform wurde von der Landessynode zwar mit rund neunzig Prozent der Stimmen beschlossen, doch in einigen Gebieten der Landeskirche formiert sich Widerstand.

Zum Beispiel in Groß Dahlum mit seiner 200 Jahre alten, klassizistischen Kirche St. Marien. Die Ortschaft liegt in der Nähe von Schöppenstedt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Im Süden zeichnet sich am Horizont der Harz ab. Im Norden erstreckt sich der Elm, ein bewaldeter Höhenzug, über dessen Kamm der jenseits gelegene Volkswagen-Konzern einen bescheidenen Wohlstand in die Gegend geschaufelt hat.
Im Gemeindehaus gegenüber der Kirche fahren die Reformgegner Blechkuchen in dreierlei Sorten auf, die schärfste Waffe des ländlichen Raums. Der örtliche Pfarrer Axel Bothe schenkt frisch gebrühten Kaffee in die Tasse. Überraschend gesellt sich auch Gerhard Schwetje, der Präsident der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer, hinzu.
Schwetje wohnt zwar im 35 Kilometer entfernten Cramme, aber auch er lehnt die geplante Reform strikt ab. Die Kluft zwischen Land und Stadt würde noch weiter vertieft, weil sie die Macht in den geplanten Großgemeinden absehbar in den urbanen Zentren ballen werde, warnt Schwetje. „Hier droht eine Umkehr der Demokratie.“
Die Kirchengemeinden sieht Schwetje als „Erfolgsmodell für die Arbeit vor Ort“. Sie bräuchten vor allem Freiheit, um sich entfalten zu können. Durch den Verlust des Körperschaftsstatus werde ihnen diese aber genommen. Nicht einmal ein kaputtes Fenster im Kirchenschiff könne man dann noch selbst reparieren lassen, klagt Schwetje. „Das wird doch alles bürokratisch – wir entscheiden dann nicht mehr einfach auf Zuruf, sondern werden zum Bittsteller.“ Ihn erinnere das an Konzernstrukturen.
„Ein Akt der Enteignung“
Heike Dette sitzt seit 25 Jahren im Kirchenvorstand von Börßum. Sie sagt: „Wenn eine Gemeinde bald 15.000 Mitglieder hat, dann kennt doch niemand mehr seinen Ansprechpartner.“ Sie befürchtet wie ihre ebenfalls schon seit Jahrzehnten engagierten ehrenamtlichen Kolleginnen, dass sich viele Ehrenamtliche frustriert zurückziehen werden. „Ich habe ja schon einiges mitgemacht an Reformen, aber das hier . . .“, seufzt eine weitere Kirchenvorsteherin zustimmend.
„Und was heißt das eigentlich konkret, wenn wir künftig ein ‚kirchlicher Ort‘ sind?“, fragt Pfarrer Bothe. Schwetje pflichtet ihm bei: „Genau, wir wissen doch gar nicht, wie viel Grad der Teich hat, in den wir jetzt springen sollen.“
Diese Sorgen beziehen sich nicht zuletzt auf das Vermögen der Gemeinden: „Unsere kleine Kirchengemeinde besitzt 56 Hektar und drei Hektar Ackerland – da bekommen wir im Jahr als Grundlage schon mal knapp 8000 Euro“, erzählt Schwetje. „Es gibt aber auch Kirchengemeinden mit 80 Hektar Acker, die das Zigfache bekommen.“
Diese Gemeinden sollen ihr gesamtes Vermögen laut den Planungen der Landeskirche abgeben, sofern es nicht explizit zweckgebunden ist. „Es gibt auch Familien, die haben Paramente für ihre Kirche gespendet, wenn die hören, dass das bald nicht mehr ihrer Kirchengemeinde im Ort gehört, dann ist das fatal. Ein Akt der Enteignung“, erzählt eine Kirchenvorsteherin.
Schwetje scherzt: „Das Vermögen ist ja nicht weg, es gehört dann einfach allen“ – und für einen kurzen Augenblick steht im ehemaligen Zonenrandgebiet der Sozialismus wieder lebendig vor der Tür.

In den Ortsgemeinden denkt man vorsorglich schon einmal darüber nach, wie man den Kirchenoberen vor der Reform noch eine Nase drehen kann. Es könnte beispielsweise passieren, so deutet eine Person am Tisch an, dass demnächst ein teurer Defibrillator angeschafft wird. Solch ein Gerät hätte man sonst sicherlich nicht gekauft, aber irgendwie muss das vorhandene Vermögen ja noch zugunsten des Orts verbraten werden, bevor die große Vergemeinschaftung kommt. Um künftig neues Vermögen aufzubauen, wird auch an die Gründung von Vereinen und Stiftungen gedacht. Jetzt haben die Kritiker erst einmal einen „Unmutsbrief“ an die Synode gerichtet.
Am Stadtrand von Wolfenbüttel, eine halbe Autostunde von der Ortschaft Groß Dahlum entfernt, reagiert man erkennbar verschnupft auf solche Ankündigungen. Dort liegt auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne das braunschweigische Kirchenamt, das für eine Landeskirche mit 264.300 Mitgliedern recht groß geraten ist. Zum Gespräch erscheinen der gegenwärtig ranghöchste Theologe Thomas Hofer sowie Finanzchef Jörg Mayer, der die Kirchenregierung leitet.
Die beiden Herren strahlen das Selbstbewusstsein einer Landeskirche aus, die für sich in Anspruch nimmt, ihre Hausaufgaben immer rechtzeitig zu erledigen. Denn die Braunschweiger haben schon vor Jahren damit begonnen, sich auf den Schwund von Mitgliedern und Geld einzustellen. Finanzielle Lücken, etwa bei den Pensionslasten, wurden früher und energischer geschlossen als in anderen Landeskirchen.
Auch die jetzt geplante Reform atmet diesen Geist: lieber einmal mit einem mutigen Schritt vor die Lage zu kommen, anstatt ihr über Jahre kleinteilig hinterherzutappeln. Denn die Mitgliederzahlen und die Kirchensteuererträge rauschen derzeit mit einer Geschwindigkeit von drei bis vier Prozent im Jahr in den Keller. Den daraus resultierenden Handlungsdruck können auch die Kritiker der Reform nicht abstreiten. Der Streit wird deshalb nicht über das Ob, sondern über das Wie einer Reform geführt.
Missglückte Kommunikation auf der mittleren Ebene
Die Oberlandeskirchenräte Hofer und Mayer pochen in diesem Ringen darauf, dass mit dem Synodenbeschluss im November bereits eine demokratisch legitimierte Entscheidung getroffen sei. Und die Kirchenverfassung gebe es auch her, dass die Landeskirche Kirchengemeinden aufhebt. Der Theologe Hofer hält den Widerstand gegen die Reform vor allem für eine Folge missglückter Kommunikation auf der mittleren Ebene. Diejenigen Pröpste, die von dem Vorhaben selbst überzeugt seien, hätten in ihren Regionen auch mit Erfolg dafür geworben.
Ein besonders gutes Vorbild sei die Propstei Vorsfelde, wo sich die evangelische Kirche unter Anleitung eines enthusiastischen Propstes von der Last kleinteiliger Körperschaften befreit habe und zu einer Regionalkirchengemeinde zusammengeschlossen habe.
Daneben gebe es aber leider auch Pröpste, die keine ausreichende Überzeugungsarbeit geleistet hätten, weil sie selbst Bedenken gegen die Reform haben. „Einige waren mit missionarischer Strahlkraft unterwegs, andere haben eher gebremst“, bestätigt ein langjähriger Kenner der braunschweigischen Kirche diese Wahrnehmung.
Nun hat die Landeskirche in manchen Gegenden mit Gemeinden zu kämpfen, die sich gegen das Projekt wenden. Sie tun das aber nicht aus einer Position der Stärke. In Groß Dahlum begrüßt Pfarrer Axel Bothe im Schnitt bloß zehn bis zwölf Personen im Gottesdienst. Am vergangenen Sonntag seien es bloß drei Besucher gewesen, erzählt er. Auch ihm ist klar, dass viele kleine Kirchen keine Zukunft haben werden.

Der Widerstand gegen die Reform kommt aber auch von Kirchengemeinden mit überdurchschnittlich hohem Gottesdienstbesuch. In vielen Städten, auch in Wolfenbüttel und in Braunschweig, finden sich solche lebendigen Gemeinden, die häufig auch ein spezifisches Profil aufweisen, sei es eine besonders feierliche Liturgie oder eine eher charismatische Ausrichtung. Diese Gemeinden wittern die Gefahr, durch den Verlust ihres Körperschaftsstatus einer Gleichmacherei ausgeliefert zu werden, in der auf der regionalen Ebene viele Schwache über wenige Starke herrschen und ihnen am Ende das Geld und das Personal wegsaugen.
Die beiden Oberlandeskirchenräte Hofer und Meyer setzen solchen Befürchtungen ihre Vision entgegen: Die geplanten Regionalgemeinden sollen groß genug sein, um sich eine professionelle Verwaltung leisten zu können. Ihr Jahresbudget soll bei rund einer Million Euro liegen. Um Freiheit zu bekommen, sollten die Großgemeinden viele Gebäude aufgeben, rät Finanzchef Meyer. Das Geld solle besser für gute Angebote ausgegeben werden, darunter auch neue Initiativen, für die es bisher zu wenig Freiraum gebe.
Das ist auch die Kernidee hinter den sogenannten „kirchlichen Orten“. Ob klassische Kirchengemeinde, Pop-up-Kirche in einem ehemaligen Kaufhaus oder Cocktail-Gottesdienst abends an der Bar – künftig sollen alle Formen kirchlicher Arbeit gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Das Konzept wurde schon vor Jahren von der Theologieprofessorin Uta Pohl-Patalong entwickelt. Die Professorin aus Kiel hat das Modell auch in der Braunschweigischen Landeskirche beworben.
Ende 2022 erklärte sie dort bei einem Vortrag, die Ortsgemeinden seien nicht nur „eine der teuersten Formen“ von Kirche, sie erreichten mit ihren Angeboten auch nur rund zehn Prozent der Mitglieder. Mit neuen und außergewöhnlichen Gottesdienstformaten stoße die Kirche hingegen auf viel mehr Resonanz. „Religion wird also ganz offensichtlich nicht weniger, sie verändert ihre Form“, führt Pohl-Patalong aus und behauptet, dass auch die Säkularisierungsthese inzwischen überholt sei. Die Menschen seien heute „eher mehr als weniger religiös orientiert“.
„Die Kirche lebt weiterhin von ihren Gottesdienstbesuchern“
Pohl-Patalong steht mit dieser Auffassung nicht allein da, in ihrer Disziplin der Praktischen Theologie ist sie weitverbreitet. Das Fach steht damit jedoch in eklatantem Widerspruch zu den Befunden empirischer Sozialforscher, die klar auf eine beschleunigte Säkularisierung in nahezu allen Ländern der Welt hindeuten.
Der Religionssoziologe Detlef Pollack etwa sagt: „Besonders die Annahme eines freien Christentums in der Gesellschaft, das man mit neuen Angeboten quasi bloß einfangen müsste, ist widerlegt.“ Pollack gilt als der konzeptionelle Kopf hinter den aktuellen Mitgliedschaftsuntersuchungen der großen Kirchen und warnt sie schon seit Jahren davor, ihre Energien auf vermeintliche Wachstumsfelder zu lenken, die sich dann als Chimären herausstellen. „Die Kirche lebt weiterhin ganz stark von ihren Gottesdienstbesuchern und ihren hochverbundenen Mitgliedern“, sagt er.
Gerhard Wegner kennt sich mit diesem Thema aus wie kaum ein Zweiter. Kürzlich hat er ein Buch dazu unter dem Titel „Kirchengemeinde entwickeln“ vorgelegt. 15 Jahre lang hat Wegner, der heute niedersächsischer Antisemitismusbeauftragter ist, das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland geleitet. „In der Praktischen Theologie gibt es eine mindestens fünfzigjährige Delegitimierung der Kirchengemeinden“, erzählt Wegner. „Man hat gesagt: Die Ortsgemeinden haben keine emanzipatorische Kraft, denn dort sammelt sich das ressentimentgeladene Bürgertum.“

Als ehemaliger Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt kennt der altgediente Sozialdemokrat Wegner dieses Denken auch aus der Innenperspektive. Er teilt auch die Analyse, dass in etlichen Kirchengemeinden viel zu wenig passiert und sie von den Landeskirchen nur noch künstlich am Leben gehalten werden.
Mit seinem Team hat Wegner aber auch herausgearbeitet, dass es daneben auch Gemeinden gibt, die alles andere als tot sind. Solche Gemeinden seien die letzten Asse, welche die Kirchen überhaupt in ihrer Hand hätten. Sie sollten bei ihren Reformbemühungen deshalb alles unterlassen, was ihnen schaden könnte. „Im Kern geht es immer um Anreizstrukturen“, sagt Wegner. „Wer sich engagiert, möchte auch etwas bewegen.“
Wenn sich aber vor Ort kaum noch etwas bewegen lasse, weil man sich nur noch Kekse kaufen dürfe, führe das zu Frustration und Rückzug. „Solche Strukturen machen die Leute passiv.“
Wegner rät deshalb dazu, der Basis nicht weniger, sondern mehr Freiheiten zu geben und sie zugleich darauf zu verpflichten, finanziell und organisatorisch künftig stärker auf eigenen Füßen zu stehen. Um solche Entwicklungen anzustoßen, hat Wegner mit seinem Team vor zehn Jahren das „Kirchengemeindebarometer“ gestartet. „Die Resonanz in den Kirchenleitungen war aber gleich null“, erzählt er. Die geplanten Reformen wie in Braunschweig oder der Pfalz deutet Wegner vor allem als den Versuch der „strukturerhaltenden Kräfte“, trotz sinkender Finanzkraft weiter Kontrolle über das System ausüben zu können.
Die Damen und Herren, die sich rund um die Blechkuchen in Groß Dahlum versammeln, sind weiter zum Kampf gegen die Reform entschlossen. Falls nötig auch vor Gericht. Landwirtschaftskammerpräsident Schwetje zitiert das berühmte Motto von „Rocky“ aus dem gleichnamigen Actionfilm: „Es ist noch nicht zu Ende, bevor es zu Ende ist.“
Im Wolfenbütteler Landeskirchenamt sieht man sich rechtlich zwar auf der sicheren Seite. Aber der Zeitplan sei zweifelsohne „sportlich“. Und bis zur Umsetzung der Reform müssten von der Synode auch noch einige Gesetze beschlossen werden, sagt Oberlandeskirchenrat Hofer zum Abschluss des Gesprächs.
Auf dem Tisch vor dem Besprechungszimmer liegt das Magazin der braunschweigischen Landeskirche aus. Darin findet sich auch ein Gespräch mit dem neuen Propst der römisch-katholischen Kirche in der Region, die eine ähnliche Reform bereits hinter sich hat. Das sei ein „schmerzhafter Prozess gewesen, der bis heute nachwirkt“ und zu einem „Identitätsverlust“ der Ehrenamtlichen geführt habe, heißt es in dem Artikel. Die Folgen seien so gravierend, dass das Bistum weitere Zusammenlegungen erst einmal gestoppt hat.
Source: faz.net