Masthühner: Abschied vom Turbohähnchen

In Skandinavien kündigt sich ein Kurswechsel in der Nutztierhaltung an. Als erstes Land verabschiedet sich Norwegen von der Genetik „Ross 308“ in der Hähnchenmast. Diese Linie gilt in der Branche als Standard, steht für Effizienz, zugleich aber für das, was Kritiker „Turbohuhn“ nennen: Masthühner, die in kürzester Zeit sehr viel Gewicht zulegen und deren Körper mit diesem Tempo nicht immer Schritt hält, mitunter mit negativen Folgen für das Tierwohl.
Norwegen ist nun einen Schritt gegangen, der aus der Geflügelindustrie sowie von einer Tierschutzallianz getragen wird. Ende des Jahres 2027 soll Schluss sein mit der Mast von Ross 308. Es handelt sich dabei nicht um ein staatliches Verbot, sondern um einen Branchenbeschluss, der den Produktionsstandard verschieben soll. Die Tierschutzallianz Dyrevernalliansen spricht von einem „historischen Durchbruch“: Norwegen sei das erste Land, das als Ganzes aus schnell wachsenden Broilerlinien aussteigt. Die Idee dahinter: Langsamer wachsende Tiere sollen beweglicher und robuster sein und Belastungen, die mit extremen Tageszunahmen zusammenhängen, besser abpuffern.
Um die Entscheidung nachzuvollziehen, hilft ein Blick auf die Leistungen moderner Masthühner. Nachzulesen sind sie in den Unterlagen der Zuchtunternehmen. Eins davon ist Aviagen, einer der global dominierenden Anbieter von Geflügelgenetik, der in Deutschland zum Geflügelunternehmen EW-Group gehört. Im für Ross 308 vorhandenen Handbuch „Performance Objectives“ finden sich Tabellen mit Zielwerten für Körpergewicht, Futteraufnahme und Tageszunahmen entlang der Masttage. Ein Huhn wie aus dem Katalog also, das nach einer Woche das Fünffache wiegt wie bei der Geburt, nach einem Monat das 45-Fache. Nach knapp sechs Wochen sind die Hähnchen schlachtreif. Langsam wachsende Rassen leben etwas länger, je nach System 56 bis 80 Tage.
Sind langsam wachsende Masthühner robuster?
Verglichen mit der Hähnchenmast vor einigen Jahrzehnten ist das ein enormer Sprung. Das Wachstum wurde über lange Zeit konsequent nach oben selektiert. Dieser züchterische Turbo hat die Produktion billig und massenfähig gemacht, zugleich aber die Debatte befeuert, ob Effizienzgewinne zunehmend mit biologischen Kosten einhergehen, etwa über Probleme im Bewegungsapparat, eingeschränkte Aktivität oder eine höhere Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen. Auch wenn Merkmale wie Tiergesundheit in der Zucht seit Jahren eine immer wichtigere Rolle spielen, wie etwa die EW-Group betont, ist die Diskussion um den Einfluss der Genetik auf das Tierwohl nicht ganz wegzuschieben.
Die Forschung spricht jedenfalls dafür, dass langsamer wachsende Hühner tendenziell robuster sind und aus Tierwohlsicht Vorteile zeigen. Vergleiche zwischen schnell wachsenden Hühnern und langsamer wachsenden Linien zeigen wiederholt Tierwohlvorteile zugunsten der langsam wachsenden Genotypen. Diese Vorteile betreffen vor allem Beweglichkeit/Lahmheit, kontaktbedingte Läsionen sowie teils Sterblichkeit und Indikatoren für positives Verhalten, etwa mehr Aktivität.
Eine Studie von Forschern aus Norwegen und dem Vereinigten Königreich aus dem Jahr 2020 etwa ergab, dass schnell wachsende Rassen den schlechtesten Gesundheitszustand aufwiesen. Dazu zählen etwa eine hohe Sterblichkeit, eine geringe Gehfähigkeit und Fußentzündungen. Die Tiere zeigten weniger Verhaltensweisen, die auf ein positives Wohlbefinden hindeuten, als die langsam wachsenden Linien.
Tierwohl nicht mit gut gemeinten „Inputs“ verwechseln
Auch in einem Versuch der Klinik für Geflügel an der Tiermedizinischen Hochschule Hannover zeigten langsam wachsende Genetiken nach einer Infektion mit E. Coli weniger Krankheitssymptome als die schnell wachsende Gruppe; zudem war ihre Immunabwehr besser.
So einleuchtend das auf den ersten Blick wirkt, so wichtig ist ein genauerer Blick auf die Voraussetzungen im Stall. Der Veterinärmediziner und Agrarwissenschaftler Robby Andersson von der Hochschule Osnabrück mahnt, Tierwohl nicht mit gut gemeinten „Inputs“ zu verwechseln. „Bei Tierwohl geht es nicht darum, was der Mensch sich überlegt, um den Tieren Gutes zu tun, sondern um die Reaktion der Tiere auf ihre Umwelt“, sagt er. Entscheidend sei, was sich am Tier ablesen lasse: Gesundheit, Verhalten und Belastungen beziehungsweise positive Empfindungen, und die Schnittmenge dieser Bereiche. Aus seiner Sicht ist der Verzicht auf Ross 308 allein keine Garantie für mehr Tierwohl. Auch langsam wachsende Linien könnten krank werden; zudem stellten sie teils andere Anforderungen an Management und Beobachtung. Andersson verweist darauf, dass bei falscher Führung auch Verhaltensprobleme auftreten können, die Betriebe mit der als „träge“ bekannten Ross-Genetik so nicht kennen.
Nicht zuletzt ist bei der Entscheidung Norwegens auch ein Blick auf den Markt entscheidend. Darauf verweist der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), der die Entscheidung Norwegens kritisch bewertet. Auf Deutschland sei sie nicht ohne Weiteres übertragbar. Norwegen sei ein kleiner, stark abgeschotteter Markt, in dem Branchenentscheidungen durch Zollschutz und Herkunftskennzeichnung leichter durchsetzbar seien.
Zudem würden Zielkonflikte oft ausgeblendet, etwa mit Blick auf Effizienz und Nachhaltigkeit. Langsam wachsende Hühner brauchen entsprechend mehr Futter, erzeugen mehr Emissionen und sind weniger effizient. Damit wären zusätzliche Stallkapazitäten nötig, um dieselbe Menge Fleisch zu erzeugen, heißt es vom Verband. Gleichzeitig verweist der Verband darauf, dass Geflügelfleisch aus höheren Haltungsstufen und langsam wachsenden Herkünften schon heute am Markt verfügbar ist. Es gibt solches Fleisch, doch aus der Branche ist häufig zu hören, dass dies wegen der teureren Preise nur schwer Abnehmer findet.