Einfach mal die Klappe halten
Früher galt Zurückhaltung als Tugend, heute scheint permanentes Kommentieren zur Pflicht geworden zu sein, vor allem auf Social Media. Warum wir wieder mehr schweigen sollten.
Es gibt eine Menge Verhaltensregeln, die unsere Altvorderen noch für selbstverständlich hielten und die ihre Gültigkeit bedauerlicherweise verloren haben. Besonders schmerzlich vermisst man wohl den Grundsatz, der einst jedem Kind beigebracht wurde und der da lautete „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“
Stattdessen bekennen die Leute heute, was das Zeug hält. Sie setzen hier ein Zeichen, ergreifen dort Partei. Sie weisen auf jeden Missstand hin und prangern ihn an; andererseits zögern sie nicht, wenn mal irgendwo was gelungen ist, es ausgiebig hervorzuheben. Sie geben, salopp gesprochen, immer und überall ihren Senf dazu, vor allem wenn sie in den sozialen Medien, dieser Agora des kleinen Mannes, unterwegs sind. Und oft verhauen sie sich dabei. Dann tut es ihnen leid. Aber statt sich auf die Lippen zu beißen und mal für eine Minute nichts von sich zu geben, bekennen sie nun wortreich ihren Irrtum, womit sie wieder in die Unsitte des Quatschens zurückfallen. Und die Chose geht von vorne los.
Wer bringt die Leute dazu? Was hat sie dazu veranlasst, sich permanent im Modus des „Ceterum censeo“ zu bewegen – zu Deutsch: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass …“? Warum, um mit einem prominenten Beispiel zu beginnen, fühlt sich der Bundeskanzler bemüßigt zu deklarieren, was Trump gegenwärtig mache, sei eine „massive Eskalation mit offenem Ausgang“? Weiß er nicht, dass Kriege immer eine Eskalation darstellen und dass man nie weiß, wie sie ausgehen werden?
Hauptsache, man hat einen rausgehauen
Oder nehmen wir den Verteidigungsminister: Der Einsatz von Soldaten und Kampfgerät gegen den Iran seitens der Vereinigten Staaten und Israels sei nicht „unser Krieg“, dekretiert er. Dabei wird auch jemandem, der in der Blase der politischen Sphäre lebt, klar sein müssen, dass wir die Folgen dieses Waffengangs täglich an den Zapfsäulen zu spüren bekommen – und bald auch noch an anderen Orten.
Wie meinte doch jüngst der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, der lange Zeit mit dem Schauspieler Christian Ulmen Umgang pflegte, der auf die aparte Idee verfiel, sich als seine Frau auszugeben, um mit Männern Telefonsex zu haben? Stuckrad-Barre meinte: „Ich muss mich ganz klar von meinem Freund Christian distanzieren.“ Es scheint dem Herrn nicht klar zu sein, dass gerade für unsere Freunde die Unschuldsvermutung zu gelten hat, solange sie nicht überführt sind. Alles egal. Hauptsache, man hat erst mal einen rausgehauen.
Dazu kann man nur die Alten zitieren. Wie sagten doch gleich die Römer in solchen Fällen: „Si tacuisses philosophus mansisses.“ Frei übersetzt: „Wenn Du die Klappe gehalten hättest, würdest Du jetzt noch als kluger Kopf gelten.“ Man hat aber die Klappe nicht gehalten. Dafür macht es einfach offensichtlich zu viel Spaß, sich hinzustellen und etwas zum Besten zu geben. Obwohl doch jeder weiß, dass man über viele Dinge am nächsten Tag schon ganz anders denkt. Weil plötzlich die Sonne scheint. Weil die eigene Frau es anders sieht. Weil man unterdessen mit ihr geschlafen hat und wieder gute Laune bekommt. Oder einfach, weil es mal wieder was Gutes zu essen gab. „Ich merk‘ es wohl, vor Tische las man’s anders“, heißt es in Schillers „Wallenstein“.
Da wir nun schon bei den deutschen Klassikern gelandet sind, müssen wir auf ein Schiller-Wort natürlich ein solches von Goethe folgen lassen. In seinem „Wilhelm Meister“ reimt die mysteriöse kleine Mignon: „Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen, denn mein Geheimnis ist mir Pflicht.“ Wer versteht das heute noch? Wer kann sich vorstellen, dass es einmal Menschen gab, die nicht mit allem rausrücken wollten, was ihnen durch die Rübe rauschte? Vor allem dann nicht, wenn es etwas Essenzielles, vielleicht auch Schmerzliches betraf? Heute gehen Hinz und Kunz munter mit ihren Problemen, Traumata und Familientragödien hausieren. Und lebt nicht ein ganzer Berufszweig, nämlich die Psychotherapie, davon, zu sagen: „Raus damit! Sprich aus, was dich belastet oder bekümmert.“ Nur ja nichts für sich behalten.
Wir sind inzwischen wie die Hunde geworden, die ungeniert an jedem Baum ihr Bein heben, wenn die verbale Notdurft uns überkommt. Wir wissen nicht mehr, dass das Höhere, das Edle, Vornehme immer das Schweigen war, nie das Reden. Denn Schweigen hat etwas mit Selbstdisziplin zu tun. Mit Kontrolle. Mit Contenance. Das Schweigen schont die anderen, die vielleicht gar nicht mit unseren kleinen oder großen Kümmernissen behelligt werden wollen. Das Schweigen schont aber auch uns selbst, weil wir, siehe oben, vielleicht schon bald die ganze Sache anders sehen.
Und nicht zuletzt: Das Schweigen schont die Seele in ihrer ganzen schwer zu fassenden Kompliziertheit, die eben auch etwas mit unserer Vorgeschichte zu tun hat, die immer sehr komplex ist und die wir so schnell gar nicht in Worte fassen können. Denn, nun doch noch einmal Schiller: „Spricht aber die Seele, spricht, ach, schon die Seele nicht mehr.“ Will sagen: Wenn Du glaubst, frei von der Leber weg bekunden zu sollen, was Dich im Innersten bewegt, kannst Du sicher sein, dass dieses sonderbare Ding, das Seele heißt, sich längst zurückgezogen hat und sich gerade nicht artikuliert.
Muss man noch sagen, dass die Kupfermünze des allgegenwärtigen Bekennens auch mit einer spezifisch deutschen Tradition zu tun hat? Ein deutscher Schriftsteller, der lange in Frankreich gelebt hat, sagte einmal bass erstaunt: „Die Franzosen lassen viel auf sich beruhen.“ Wahrscheinlich sind auch sie inzwischen wie wir überwiegend auf den vorhin erwähnten Hund gekommen und geben jetzt ebenfalls unverzüglich ihrer verbalen Notdurft nach. Aber es gab eine Zeit, da man ihre zivilisatorische Überlegenheit in Europa noch anerkannte und sie dafür bewunderte, dass sie eben nicht alles in Worte kleideten, sondern sich mit einem eleganten Achselzucken schweigend aus der Affäre zogen.
Das Vorbild Martin Luther
Wir Deutsche aber ahmen seit mehreren Jahrhunderten einen gewissen Martin Luther nach, der sich in Worms hinstellte und vor Kaiser und Reich bekundete: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Und dann ging es los, gegen den Mann in Rom. Gegen die katholische Kirche. Gegen den Ablass. Kurzum: Gegen den Missbrauch. Wie er es sah.
Immerhin war dies ein historischer Moment. Immerhin kam das Diktum nicht inflationär aus dem Munde des Reformators. Nehmen wir uns zumindest in dieser Hinsicht an ihm ein Beispiel. Bekennen wir nur dann, wenn es wirklich wichtig, wenn es unumgänglich ist. Behalten wir auch mal was für uns. Weil: Weniger ist oft mehr. Und da wir mit einem guten alten deutschen Sprichwort begonnen haben, wollen wir auch mit einem solchen schließen. Es lautet: „Sage nicht immer, was du weißt. Aber wisse immer, was du sagst.“
Source: welt.de