Taiwans Oppositionsführerin trifft Chinas Präsidenten: Cheng Li-wun will „Weg zum Frieden“

Diplomatie statt Konfrontation? Chinas Präsident Xi Jinping empfängt in Peking Cheng Li-wun aus Taiwan: Die Vorsitzende der Kuomintang-Partei will der Meerenge zwischen Festland und Insel statt Krieg „einen warmen Frühling bringen“


Cheng Li-wun, Vorsitzende der oppositionellen Kuomintang in Taiwan, spricht am 30. März in Taipeh vor ihrer Reise nach China mit Medien

Foto: Ann Wang/Reuters


Chinas Staatschef Xi Jinping erwartet eine Politikerin, deren Bedeutung in der restlichen Welt bislang unterschätzt wird: Von Xi eingeladen, besucht Cheng Li-wun von 7. April an die Volksrepublik. Sie ist die Vorsitzende der oppositionellen Kuomintang, gewählt mit einer Mehrheit von 51,4 Prozent der Stimmen auf einem Parteitag im Oktober. Für die Präsidentenwahl im Januar 2028 gilt sie als aussichtsreiche Bewerberin. Schon jetzt hat ihre Partei mit einigen Verbündeten eine Mehrheit im Parlament von Taipeh.

Wie Präsident Lai Ching-te China nennt

Die 56-jährige Rechtsanwältin empfiehlt sich als Alternative zum taiwanischen Staatschef Lai Ching-te von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), der seit Mai 2024 regiert. Lai, Absolvent der Harvard-Universität, sucht den Schulterschluss mit den US-China-Falken wie dem für die Pazifikregion zuständigen Admiral Samuel Paparo. Der hatte kürzlich verkündet, Taiwans Streitkräfte sollten Peking Volksbefreiungsarmee im Kriegsfall „eine Hölle bereiten“.

Entsprechend hat Lai die Volksrepublik jüngst in einer Rede eine „ausländische und feindliche Macht“ genannt. Er wirbt für das weitere Aufrüsten der Insel, die China völkerrechtlich als Teil seines Landes betrachtet. Die dadurch verstärkten Spannungen zwischen dem Festland und der abtrünnigen Insel veranlassten den britischen Economist, vor dem Iran-Krieg Taiwan als „gefährlichsten Ort der Welt“ zu bezeichnen.

Wenige Länder der Welt erkennen Taiwan als Staat an

Damit „der Welt“ das erspart bleibt, bemüht sich die Kuomintang-Vorsitzende um Entspannung gegenüber Peking und vertritt die Devise: „Indem wir Taiwans Unabhängigkeit ablehnen, können wir den Krieg vermeiden. Denn die ganze Welt folgt der Ein-China-Politik und unterstützt nicht Taiwans Unabhängigkeit“. Tatsächlich ist die Insel nur von etwa einem Dutzend Ländern als Staat anerkannt, darunter die Inseln Palau und Tuvalu im Pazifik und Saint Lucia in der Karibik. Den UN-Sitz musste Taiwan, das sich „Republik China“, nennt schon 1971 räumen, nicht zuletzt auf Wunsch der USA.

Die Kuomintang-Vorsitzende hat angekündigt, mit ihrem Besuch in Peking wolle sie der Taiwan-Straße „einen warmen Frühling bringen“. Gefragt sei nicht konfrontative Rhetorik, sondern „Weisheit, um gemeinsam einen breiten Weg zum Frieden zu finden“. Sie sei bereit, ihren Kurs auch dem taiwanesischen Präsidenten Lai Ching-te zu erläutern, vor oder nach der Reise.

Was an der Renmin-Universität in Peking über eine Militärinvasion gegen Taiwan zu hören ist

In einem Gastbeitrag für die US-Zeitschrift Foreign Affairs argumentiert Chen Li-wun, Taiwan dürfe nicht gezwungen werden, sich in der geopolitischen Rivalität zwischen China und den USA für eine Seite zu entscheiden. Die Insel brauchte „strategische Autonomie“. Ihr Friedensbekenntnis trifft sich mit Überlegungen der chinesischen Führung. Bei Begegnungen mit „Landsleuten aus Taiwan“ hatte Präsident Xi Jinping für die Agenda „Ein Land, zwei Systeme“ geworben und es vermieden, die KP Chinas oder den Sozialismus zu erwähnen. Man wolle Chinesen der Insel und des Festlands an einen Tisch bringen.

Im beratenden Umfeld Xis, etwa an der Renmin-Universität in Peking stoßen westliche Szenarien über eine mutmaßlich beabsichtigte Militärinvasion gegen Taiwan auf Unverständnis. Zwar sei die Volksbefreiungsarmee in der Lage, im Fall einer Unabhängigkeitserklärung die Insel zu blockieren, doch werde dies nicht als Option bevorzugt. Einen bewaffneten Konflikt wolle man vermeiden, sagt ein Professor, der mit den Debatten im Zentralkomitee der KP Chinas vertraut ist.

Ein Wadephul-Berater empfiehlt Sanktionen gegen China

Man habe das Vorgehen Russlands in der Ukraine wie auch jetzt den Iran-Krieg sehr genau analysiert und wolle eine derartige Konfrontation um Taiwan unbedingt vermeiden. Auch deshalb habe Präsident Xi die Einladung an die Kuomintang-Vorsitzende ausgesprochen. Es sei Zeit für einen Dialog, zumal US-Präsident Donald Trump angesichts des Desasters seines Nahost-Krieges kein Interesse an einem weiteren Konflikt dieser Art haben könne.

Im Februar gab es erstmals seit zehn Jahren wieder ein gemeinsames Forum von Thinktanks der Kuomintang und der KP Chinas, um sich über mehr Kooperation in Handel und Industrie zu verständigen. Festland-China will Investoren der Insel, nachdem Präsident Xi im Februar 2025 erklärt hatte, sie seien als Privatunternehmer willkommen.

Im Gegensatz dazu stehen Vorstellungen in Deutschland, die auf das Gegenteil nach dem Muster Konfrontation statt Entspannung zielen. Michael Laha, transatlantisch ausgerichteter Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft dafür Auswärtige Politik (DGAP) und Berater von Außenminister Johann Wadephul (CDU), propagiert in DGAP-Report Nr. 3 vom März 2026, die Europäer sollten „durch die Nutzung von Sanktionen und anderen ökonomischen Hebeln China vor einer Aggression gegen Taiwan abschrecken“. Das ein Krieg um Taiwan vorrangig durch Hardliner auf der Insel selbst und amerikanische China-Falken ausgelöst werden könnte, diese Tatsache hat keine Chance auch nur erwähnt, geschweige denn klar verworfen zu werden.