Kultbuch | Die dunkle Seite dieser Hippiekultur: John Fowles‘ Kult-Roman „Magus“ in neuer Übersetzung
John Fowles’ Roman „Magus“ wird anlässlich seines 100. Geburtstags neu aufgelegt. Der Klassiker der 60er beleuchtet die Manipulation und Selbstfindung auf einer griechischen Insel und bleibt auch heute von aktueller Relevanz
Der Held geht viele Male durch die Tür einer Villa, die einem mysteriösen Millionär auf der fiktiven Insel Phraxos gehört
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Auch wenn sich der Titel Magus von John Fowles epochemachendem Roman nach Zauberei oder Fantasy anhört, hat das Buch damit rein gar nichts zu tun. Der 1965 erstmals erschienene Roman des britischen Autors ist vielmehr einer der meistgelesenen literarischen Texte der britischen Gegenkultur der 60er Jahre. Für gewöhnlich wurde das 800 Seiten dicke Buch von Backpackern als abgegriffene Schwarte im Rucksack mit nach Griechenland geschleppt – auf der Suche nach sich selbst und im Kampf gegen lebensweltliche Autoritäten. Auch hierzulande wurde das Buch in den 70ern und 80ern reichlich rezipiert, zuletzt erschien es auf Deutsch 2001, lange war es vergriffen.
Nun bringt der März-Verlag, spezialisiert auf Perlen der Popkultur (unter anderem Ken Kesey und Kathy Acker), den Magus pünktlich zum 100. Geburtstag von John Fowles am 31. März als Neuübersetzung heraus – inklusive einiger Abschnitte, die es bisher nicht in die deutsche Ausgabe geschafft hatten. Fowles selbst hatte das Buch immer wieder überarbeitet und erst 1977 eine finale Version vorgelegt.
Erzählt wird die Geschichte des Oxford-Absolventen Nicholas Urfe. Der 25-Jährige nimmt einen Job als Englischlehrer auf der fiktionalen kleinen griechischen Insel Phraxos in der Ägäis an. Der Ich-Erzähler Urfe ist angewidert vom britischen Lebensstil der blasierten, hierarchischen und selbstgefälligen Upper Middle Class, der er selbst entstammt. Der Lehrerjob auf der Insel in Griechenland ist hinsichtlich Ausbildung und Klasse eigentlich unter seinem Niveau.
Die Begeisterung für das Leben im Süden weicht bald einer gewissen Langeweile
Der Umzug ans leuchtende, bunte, lichtdurchflutete Mittelmeer in den frühen 1950ern mit gering ausgebauter urbaner Infrastruktur ist eine radikale Verweigerung gegenüber seiner Karriere und dem vorbestimmten Lebensweg. Außerdem flieht Urfe vor der ernster werdenden Beziehung zur jungen Australierin Allison.
Die Begeisterung für das unabhängige, einfache Leben im ländlichen Süden jenseits der wolkenverhangenen Metropole London weicht aber bald einer gewissen Langeweile. Bis Nicholas plötzlich den reichen Griechen Maurice Conchis kennenlernt, der eine Villa an einem abgelegenen Strand in Phraxos bewohnt und der ihn zu sich einlädt, wo Nicholas die junge Lilly kennenlernt.
Maurice Conchis, der von sich behauptet, Psychiater zu sein, spinnt langsam ein Netz unzähliger Geschichten um Lilly, die er erst als seine Patientin vorstellt, die an Wahnvorstellungen leide, und schließlich als Schauspielerin, die ihn zusammen mit ihrer Zwillingsschwester bei einem komplizierten Spiel unterstütze, das er aufführe – und dessen Hauptakteur Urfe schließlich wird. Mit geschickten Manipulationen, geweckten Sehnsüchten und Begierden wird Nicholas von der sozialen Konstellation in der Villa, die er jedes Wochenende aufsucht, regelrecht abhängig gemacht.
Warum wird der Protagonist zum psychologischen Versuchskaninchen?
Immer weiter knüpft Conchis sein intrigantes Netz, das in einer Art Gerichtsverfahren endet, und das wie eine sadomasochistische Inszenierung angelegt ist. Warum wird Nicholas Urfe zum psychologischen Versuchskaninchen dieses Millionärs und seiner umfangreichen Inszenierung? Was bezweckt dieser damit?
In langen Gesprächen dieses ungemein dialogreichen und weitschweifigen Romans erzählt der undurchschaubare Maurice Conchis zahlreiche Episoden aus seinem Leben, die als Geschichten in der großen Geschichte angelegt sind. Zentral ist dabei die Frage von Schuld im Nationalsozialismus. Conchis war während der deutschen Besatzung Bürgermeister der Insel und soll mit den Nazis kollaboriert haben. Oder stimmt das gar nicht? Hat er sich gar heldenhaft verhalten? Darüber gibt es zahlreiche Spekulationen im Dorf, wo aber niemand etwas mit dem Exzentriker zu tun haben will.
Es geht in Conchis’ Geschichten aber auch um das detailliert geschilderte Grauen des Ersten Weltkriegs, um religiöse Entrückung einer Familie im Norden Norwegens, um angebliche wissenschaftliche Arbeiten und um seine familiäre Vergangenheit in den Wirren eines immer wieder im Krieg befindlichen Europa. Urfe wird mit der ganzen Brutalität und mörderischen Gewalt der Geschichte des 20. Jahrhunderts konfrontiert, die der manipulative Conchis nutzt, um Urfe immer mehr in die Defensive zu drängen und seine moralischen Grundsätze infrage zu stellen.
Die starbesetzte Verfilmung des Buches war grottenschlecht
Gleichzeitig wird Urfes Begehren für die geheimnisvolle Lilly immer stärker, bis sich seine Freundin Allison meldet und er sie in Athen für einige Tage trifft. Dort beschleicht ihn der Verdacht, dass sogar die Beziehung zu Allison Teil von Conchis’ inszeniertem Spiel sei.
Es gibt kaum eine Übersicht der wichtigsten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts ohne den Magus. Nicholas Urfes Kampf gegen Autoritäten, Manipulation, seine schmerzhafte Katharsis und das offen gehaltene Ende der Geschichte haben das Buch über Jahre hinweg zum Bestseller gemacht. Unzählige Literaturwissenschaftler haben sich in Dissertationen an literarischen Verweisen dieses intertextuellen Feuerwerks von Shakespeare über C.G. Jung und Charles Dickens bis Alain Fournier abgearbeitet.
Die starbesetzte Verfilmung des Buches (1968) mit Anthony Quinn und Michael Caine gilt hingegen gemeinhin als grottenschlecht, da ja die Erzählerstimme das eigentlich tragende Element des Romans ist. Trotz des unsympathischen Ich-Erzählers – vor allem seiner selbstgerechten Haltung gegenüber Frauen – entwickelt das Buch eine unglaubliche Faszination.
Bei aller intendierten Kritik an geschlechtertypischen Rollen wirkt dieser 60 Jahre alte Roman aus heutiger Sicht über weite Strecken unreflektiert sexistisch. Dennoch bietet die enorme Popularität des Buches in früheren Jahrzehnten mehr als nur ein Faszinosum, um sich mit generationenspezifischen Narrativen der großen 60er-Jahre-Gegenkultur zu beschäftigen. Die Frage nach Selbstbestimmung, Wahrheit, Manipulation oder Fake, wie wir heute sagen würden, besitzt als zentrales Motiv auch durchaus aktuelle Brisanz.
Magus John Fowles Michael Lehmann (Übers.), März-Verlag 2026, 837 S., 38 €