Studie zeigt neue Erkenntnisse zum Aussterben jener Neandertaler

Eine Nachbildung eines Neandertalers steht im LVR-LandesMuseum Bonn.

Stand: 03.04.2026 • 16:08 Uhr

Eine internationale Studie zeigt, dass eine geringe genetische Vielfalt vor rund 65.000 Jahren zum Aussterben der Neandertaler beitrug – obwohl sie in ihrer Spätphase eine neue Erfindung machten.

Von Jan Kerckhoff, BR

Eine internationale Studie im Fachjournal PNAS zeigt: Vor rund 65.000 Jahren durchliefen die Neandertaler einen genetischen „Flaschenhals“. Damals schrumpfte ihre genetische Vielfalt stark. Das war vermutlich eine Ursache für ihr Aussterben. Zuvor hatten sich die Neandertaler über weite Teile Westeurasiens verbreitet, auf der Iberischen Halbinsel, im nördlichen Europa und über den Kaukasus in den Süden Sibiriens.

Neandertaler flohen vor Eis und Kälte

Vor 75.000 Jahren verschlechterte sich das Klima, erläutert der an der Studie beteiligte Archäologe Thorsten Uthmeier von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU): „Es war so kalt, dass es in großen Flusstälern keine Vegetation mehr gegeben hat. Es gab Kleinsäuger, Lemminge, die an extreme arktische Temperaturen angepasst sind.“ Es brach eine neue Kältephase der Eiszeit an.

Die Neandertaler zogen aus Nord- und Osteuropa in den klimatisch günstigeren, heutigen Südwesten Frankreichs. In diesem Refugium überlebte eine kleinere Gruppe. Als das Klima vor 60.000 bis 40.000 Jahren wieder milder wurde, breiteten sich diese „späten“ Neandertaler dann erneut aus „und kolonisierten Europa“, erklärt der leitende Forscher Cosimo Posth von der Universität Tübingen.

Neandertaler-Historie aus der DNA von 59 Neandertalern

Er hat die mitochondriale DNA von 59 Neandertaler-Individuen von sechs Fundorten mit seinem Team analysiert. Zudem wurde dies mit archäologischen Daten aus Fundstücken, die Aussagen zu den Populationen und dem damaligen Klima liefern, verknüpft. So rekonstruierte das Team die räumliche und zeitliche Entwicklung der späten Neandertaler in Europa.

Genetischer Flaschenhals: Der Anfang vom Ende der Neandertaler

Die Analysen zeigten Posth: „Dass wir vorher bei den älteren Neandertalern eine viel größere genetische Vielfalt hatten, mit vielen Linien, die parallel existierten. Was wir dann, 60.000 Jahre vor heute, bei den späten Neandertalern finden, ist nur eine einzige DNA-Linie.“ Und diese wurde dann über ganz Europa verbreitet.

Vor etwa 45.000 bis 42.000 Jahren brach die Population dann drastisch ein. Kurz darauf verschwanden die Neandertaler endgültig. Posth vermutet, dass die geringe genetische Vielfalt ihre Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen, Ressourcenknappheit und Krankheiten verringert hat.

Der Fötus aus Bayern – ein genetischer Sonderfall

Einen besonderen Fall liefert die Sesselfelsgrotte im Altmühltal bei Kelheim. Dort fanden Forschende der FAU bereits in den 1960er-Jahren ein vermutlich etwa 55.000 Jahre altes Teilskelett eines Neandertaler-Fötus. Aus einem Oberschenkelknochen konnte für diese Studie erstmals mitochondriale DNA gewonnen werden. Die Überraschung: Der Fötus gehört nicht zu der Linie, die den Flaschenhals in Südwestfrankreich überstanden hat.

Sie stimmt mit dem Erbgut einer Gruppe überein, die später im Süden Frankreichs lebte, der sogenannten Thorin-Gruppe – die offenbar isoliert von den „späten“ Neandertalern lebte. Und somit wohl auch nicht die genetische Vielfalt erhöhte.

Auch die übrigen „späten“ Neandertaler, die also den Flaschenhals zunächst überlebten, lebten weit verstreut und isoliert voneinander, vermischten sich nicht, so Uthmeier. Er zitiert Schätzungen, nach denen es etwa 10.000 bis 15.000 Neandertaler zu der Zeit gab – aber eben in ganz Eurasien verteilt.

Nur seltene Vermischung mit dem Homo sapiens

Archäologe Uthmeier betont auch, dass sich Neandertaler und der dann auch zeitgleich auftretende Homo sapiens sich nur selten vermischten, sich beide aber äußerlich kaum unterschieden: „Das, was in der Literatur und in der frühen Forschung transportiert wurde, hat sich ziemlich stark in unserem Kopf festgesetzt. Ich bin hingegen der festen Überzeugung, dass irgendwelche physischen Unterschiede marginal und den Menschen damals unwichtig gewesen sind.“

Beide, Homo sapiens und Homo neanderthalensis, seien dunkelhäutig gewesen – anders als es viele Nachbildungen etwa in Museen zeigen.

Erfindungsreiche Neandertaler

Dadurch, dass sie sich selten vermischten, blieb es bei der genetischen Verarmung und dem Flaschenhals-Effekt. Obwohl der späte Neandertaler noch eine wichtige Erfindung machte: Er hat Faustkeile so bearbeitet, dass sie eine beidseitige Schneide bekamen, „die man dann mit einem kleinen Schlaginstrument, das man mit sich führen kann, nachschärfen kann“. Also eine schärfere, dauerhafte, multifunktionale Klinge, so Uthmeier: „Man hat jetzt so etwas wie ein Schweizer Taschenmesser.“

„Wir wissen, dass Neandertaler Holzlanzen und Wurfspeere benutzt haben“, führt Uthmeier aus. Sie konnten Feuer kontrollieren, stellten Schmuck her und begruben ihre Toten – der Fundort des Fötus beispielsweise deutet darauf hin. Ohne Bestattung, so Uthmeier, hätten sich die Skelett-Teile niemals so gut erhalten.

Sie konnten auch Pech aus Birkenrinde herstellen, „unter trockener Destillation und unter Luftabschluss – das war erste Chemie“. Fundstellen hätten gezeigt, dass sie die brennende Birkenrinde an Steine gelegt hätten, die eine Feuerstelle umfassten. Dabei würde dann das Pech aus der Rinde kondensieren. Mit diesem Pech wurde Holz und Stein miteinander verklebt – zu Schlagwerkzeugen.

Suche nach der genauen Ursache des Aussterbens

Warum genau die Neandertaler trotz ihrer Fähigkeiten ausstarben, kann auch diese Studie nicht beantworten. Thorsten Uthmeier und Cosimo Posth wollen hierzu weiter forschen. Und damit auch der Fragen nachgehen, warum der Homo sapiens, also der heutige Mensch, überlebt hat.

Source: tagesschau.de