„Sicherheitszone“: Israel zerstört Dörfer im Süden Libanons
Schon jetzt gleichen viele libanesische Dörfer im Grenzgebiet zu Israel Trümmerwüsten. Das israelische Militär ist dabei, die Region systematisch zu zerstören. Der Grenzort Naqoura, wo auch das Hauptquartier der UN-Friedenstruppe UNIFIL liegt, wird derzeit von Explosionen erschüttert. „In den vergangenen drei Tagen haben Friedenstruppen beobachtet, wie israelische Soldaten weite Teile des Dorfes abgerissen haben“, berichtet UNIFIL-Sprecherin Kandice Ardiel.
Dabei seien nicht nur Wohnhäuser und Geschäfte der Zivilbevölkerung zerstört worden. „Die Wucht der Explosionen hat auch Schäden am Hauptquartier der UNIFIL verursacht“, sagte sie. Und sie bekräftigte noch einmal, für langfristige Stabilität müsse die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten der Demarkationslinie in ihre Heimat zurückkehren und in Frieden leben können.
Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Die israelische Regierung plant nach eigenen Angaben eine „Sicherheitszone“, die sich weit auf libanesisches Territorium erstrecken soll. Verteidigungsminister Israel Katz hat den Litani-Fluss als Referenz ausgegeben, der etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze ins Meer mündet. Israel werde dort „die Sicherheitskontrolle übernehmen“.
Und er stieß eine Drohung aus, die im Libanon die Alarmglocken schrillen ließ. Hunderttausenden Libanesen, die aus dem Grenzgebiet vertrieben wurden, sollte die Rückkehr vollständig untersagt werden, bis die Bewohner Nordisraels in Sicherheit leben könnten. Und er sagte: Alle Häuser in den Dörfern nahe der Grenze würden zerstört – „nach dem Vorbild von Rafah und Beit Hanoun im Gazastreifen“.
Libanesen fürchten dauerhafte Vertreibung
Wie weit die Pläne tatsächlich ausgearbeitet sind, ist unklar. Israelische Medien berichteten am Freitag, die Armee wolle diese der politischen Führung in den nächsten Tagen vorlegen. Laut einem Bericht soll die Sicherheitszone einen zwei bis drei Kilometer breiten Streifen nördlich der Grenzlinie umfassen – sie würde also nicht bis zum Litani reichen. Die meisten Zivilisten müssten das Gebiet demnach verlassen, nur die Bewohner christlicher Dörfer könnten bleiben.
Unterschiedliche Angaben gab es in den Berichten dazu, ob in der „Sicherheitszone“ Militäraußenposten errichtet werden sollten. Ein Armeesprecher wollte das alles nicht bestätigen. Er sagte, es lägen verschiedene Pläne auf dem Tisch.
Nicholas Blanford, ein Experte von der Denkfabrik Atlantic Council, der seit Jahrzehnten in Libanon lebt, hält es für wahrscheinlich, „dass Israel nur einen schmaleren Streifen entlang der Grenze besetzt und dort alle Dörfer dem Erdboden gleichmacht“. Die restlichen Regionen könnten nach seinen Worten dann zu „Feuer-Frei-Zonen“ der israelischen Luftwaffe erklärt, und auf diese Weise unbewohnbar gemacht werden.
Die libanesische Bevölkerung im Grenzgebiet fürchtet, dauerhaft vertrieben zu werden. Auch christliche Dörfer sind komplett geräumt worden. In wenigen Orten harren noch Menschen aus. Schon jetzt ist Südlibanon abgeschnitten vom Rest des Landes. Die wichtigen Brücken sind zerstört worden, was nicht nur den Nachschub der Hizbullah behindert.
Ein Einwohner der libanesischen Krisenregion berichtet am Telefon, es sei sehr schwer, sich mit Lebensmitteln und anderen Dingen zu versorgen, die man unbedingt braucht. Die Wasserversorgung sei eingeschränkt, der Strom falle ständig aus. Autofahrten seien lebensgefährlich. Landwirte müssten um ihre Ernten bangen.
Israels Vormarsch im Libanon stockt
Der Vormarsch der israelischen Truppen geht derweil langsam voran. Aus Militärquellen und diplomatischen Quellen heißt es, das israelische Militär sei im Rahmen von Vorstößen an mehreren Stellen etwa acht bis zehn Kilometer auf libanesisches Territorium vorgerückt. Ein Vormarsch bis zum Litani-Fluss würde sehr lange dauern, weil die Hizbullah erbitterte Gegenwehr leistet. Und der Widerstand dürfte sich verstärken, je weiter Israel auf libanesisches Territorium vorrückt. Das bergige Gelände ist gut für Hinterhalte geeignet.
Laut einer Analyse der israelischen Zeitung „Haaretz“ sind die Streitkräfte wegen des gleichzeitig geführten Krieges gegen Iran schon jetzt überdehnt. Die Luftunterstützung für den Libanon-Einsatz leide. „Die israelische Luftwaffe lässt die Infanterie unter keinen Umständen im Stich, doch ihre Ressourcen sind derzeit an mehreren Fronten bis an ihre Grenzen ausgelastet“, schreibt die Zeitung. Sie warnt, es bestehe so das Risiko, sich in den bewaffneten Konflikt zu verstricken. Die Versprechen eines entscheidenden Sieges und das tatsächliche militärische Engagement passten nicht zusammen.

Die Bedrohung durch die Hizbullah dürfte außerdem auch mit einer Sicherheitszone nicht endgültig beseitigt sein. Schon deshalb, weil die Reichweite mancher ihrer Raketen größer ist. In diesem Zusammenhang erregte eine andere Aussage aus der Armee Aufsehen: Das Ziel, die Hizbullah komplett zu entwaffnen, sei „unrealistisch“. Wenn man die Hizbullah auf militärischem Wege entwaffnen wollte, müsste man ganz Libanon besetzen, zitierte „Haaretz“ namentlich nicht genannte Militärvertreter.
Die Armeeführung war anschließend bemüht, die Äußerung zu relativieren. Katz‘ Büro veröffentlichte eine Stellungnahme des Verteidigungsministers: Israels „oberstes Ziel“ im Libanon sei weiterhin „die Entwaffnung der Hizbullah mit militärischen und politischen Mitteln“. Das lässt verschiedene Möglichkeiten offen – sowohl eine andauernde und möglicherweise ausgeweitete Militäroperation als auch eine diplomatische Lösung.
Militärstrategie mit begrenzter Wirkung
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Versuche Israels, sich auf militärische Gewalt zu stützen, nur begrenzten Erfolg hatten – und das Land sich immer tiefer in Libanon verstrickte. Die erste Invasion von 1978 hatte den Codenamen „Operation Litani“. Israel versuchte, Kämpfer der palästinensischen PLO-Organisation, die sich in Libanon festgesetzt hatten, nach Norden aus dem Grenzgebiet zurückzudrängen. Doch Frieden kehrte an der Grenze nicht ein.
Die zweite Invasion von 1982 gegen die PLO endete in einem strategischen Rückschlag, wie der israelische Historiker Avi Shlaim in seinem Buch „The Iron Wall“ rekapituliert. Eine Folge war die Gründung der Hizbullah unter iranischer Regie. Die Schiitenorganisation verwickelte Israel, das als Besatzungsmacht in Südlibanon blieb, in einen langen, kräftezehrenden Guerillakrieg.
Mit dem Abzug des israelischen Militärs aus der „Sicherheitszone“ in Südlibanon im Jahr 2000 feierte die Hizbullah ihren größten Triumph. Der damalige Ministerpräsident Ehud Barak sagte seinerzeit, wenn man Israel auf dem Prinzip aufbaue, dass es ohne Sicherheitszonen in jedem Nachbarstaat keine Sicherheit gebe, „dann haben wir eine Formel gefunden, um auf Dauer mit dem Schwert zu leben und alle damit verbundenen Tragödien zu ertragen“.
Auch eine neue israelische „Sicherheitszone“, so sagen Beobachter, dürfte ein steter Unruheherd sein. Für die Hizbullah wäre das die Möglichkeit, Legitimität zurückzuerlangen. Sie hat sich noch nicht von dem Krieg im Herbst 2024 erholt. „Aber jetzt ändert sich die Stimmung ein wenig, weil die Hizbullah dem israelischen Militär Verluste zufügt“, sagt Nicholas Blanford. Eine belastbare Stabilisierung, fügt er an, werde mit einer „Sicherheitszone“ nicht einkehren. „Israel wird sich auf einen erbitterten Guerillakrieg einstellen müssen.“
Source: faz.net