„Von Till Lindemann können wir gut lernen, wie wir mit Verwerfungen im Leben umgehen“

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Auch an diesem Morgen fährt Rosa Loy mit dem Rad in ihr Atelier. So wie jeden Tag, wenn das Wetter mitspielt. Gute zehn Kilometer muss die 67-Jährige von daheim in Markkleeberg zurücklegen. Ihr Atelier liegt im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Die meist weiblich besetzten, rätselhaft-poetischen Szenen ihrer Bilder verbinden Natur, Mythos und Traum zu vieldeutigen Allegorien über Beziehungen, Identität und Weiblichkeit. Mit ihren eigenwilligen Werken ist Loy längst aus dem Schatten ihres berühmten Ehemannes Neo Rauch getreten. Seit Jahrzehnten arbeitet das Vorzeigepaar der Kunstszene nur durch eine Wand getrennt in einem Backsteingebäude der einst größten Spinnerei von Europa. Jeder malt dort fast immer für sich allein.

Am 23. April wird Seoul, Südkorea, in der Baton-Galerie ihre nächste Einzelausstellung unter dem Titel „Stille Arbeit“ eröffnet.

WELT: Frau Loy, haben Sie etwas gegen Männer?

Rosa Loy: Warum sollte ich? Ich bin doch mit einem Mann verheiratet, und das schon eine gefühlte Ewigkeit.

WELT: Sie malen konsequent figürlich, reale, märchenhafte Wesen. Allerdings kommen Männer in Ihren Kunstwerken kaum vor. Warum ist das so?

Loy: Weil die Balance zwischen den Geschlechtern noch nicht gegeben ist. In der DDR sind wir sehr gleichberechtigt erzogen worden. Mit der Wende fiel mir dann aber auf, dass es ein gesellschaftspolitisches Ungleichgewicht gegenüber den Frauen gibt. Deshalb unterstütze ich sie mit meiner Kunst. Ich möchte zeigen, was für eine Vielfältigkeit, Schönheit und Kraft dieses Geschlecht besitzt. Es geht nicht darum, dass ich Männer verteufele, oder mich gegen sie stelle. Sondern es ist die große Chance unserer Zeit, dass Frauen und Männer zusammen agieren und gemeinsam all ihre positiven, kreativen und speziellen Eigenschaften vereinen können, um Neues zu bewirken.

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WELT: Ihre nur selten abgebildeten Männer erscheinen aber eher dümmlich, werden als Dämonen oder Zwerge dargestellt. Was bewegt Sie zu dieser Verhöhnung?

Loy: Ich finde Zwerge ganz wichtig. Am liebsten hätte ich eine ganze Heerschar bei mir zu Hause, die dann nachts kommt, die ganze Bude aufräumt, die Schuhe putzt und alle notwendigen Dinge im Haushalt erledigt. Im alten Ägypten besaßen Kleinwüchsige ein hohes Ansehen, waren gut in die Gesellschaft integriert. Ich sehe in meiner Darstellung keineswegs eine Verhohnepipelung.

WELT: Ihre Frauenbilder hingegen wirken immer positiv, wie Heldinnen, voller Tatendrang und Leidenschaft. Entspricht das auch Ihrem Naturell?

Loy: Ich bin Gott sei Dank keine Journalistin, muss nichts schreiben, was aufregend ist, wo die Leute sagen: Was für ein Theater, was für ein Drama. Als Malerin geht es mir auch um etwas grundsätzlich anderes. Entgegen den vielen negativen Einflüssen, die uns täglich mehr oder weniger tangieren, möchte ich etwas kreieren, was die Menschen als schön und anmutig empfinden, was ihnen zu Herzen geht, worin sie Trost finden. Auch dabei geht es wieder um die Balance, in diesem Falle zwischen Positivem und Negativem. Wenn das Positive weniger wird, kippt auch die Energie, die wir für unser Leben brauchen. Deshalb sind meine Frauen so, wie sie sind – schön, attraktiv, lebensbejahend, und es kommt noch etwas hinzu.

WELT: Was genau?

Loy: Ich komme aus einer Familie mit sehr starken Frauen. Meine beiden Großmütter haben im Krieg viel gearbeitet, ihre Familien über Wasser gehalten, sich um die Hauswirtschaft gekümmert. Meine Mutter war nicht anders. Neben ihrem unheimlichen Fleiß besaßen alle auch einen eigenen Willen und eine eigene Meinung. Davon bin auch ich tief geprägt, und das spiegelt sich natürlich in meinen Figuren wider.

WELT: Was inspiriert Sie noch zu Ihren Bildern, die von magischem Realismus oder Surrealismus geprägt sind und in namhaften Galerien weltweit aushängen?

Loy: Das ist sehr vielschichtig. Wenn ich mit dem Rad fahre, dort, wo wenig Verkehr ist, kommen meine Gedanken automatisch ins Rattern, weil ich immer etwas bewusst wahrnehme. Ob es eine schöne Wolke ist oder von Kindern vergessene Rucksäcke, aus denen rosa Plüschhäschen ragen, oder die vielen gelben Blüten vom Winterjasmin, die jetzt wieder auf dem Weg liegen. Oder mir schmerzen einfach nur die Füße – ich könnte noch vieles mehr aufzählen, jedenfalls entstehen aus derartigen Perzeptionen die Ideen, um ein Bild zu beginnen, das sich während der Arbeit dann vervollständigt. Malerei ist für mich etwas Zeitloses, womit ich auch keine politischen Botschaften transportieren möchte. Dafür bin ich nicht zuständig.

WELT: Sie mischen Ihre Pigmente mit einer Art Leim aus Kasein und Milcheiweiß, anstelle von Öl- oder Acrylfarben. Ihren Kollegen ist das zu umständlich. Warum machen Sie das?

Loy: Das ist auch etwas Weibliches, der Hang zur Alchemie, weil wir oft in der Küche stehen und dort vieles ausprobieren. In italienischen Kirchen hatte ich Freskenmalereien mit Kaseinfarbe gesehen, was mich faszinierte. Daheim probierte ich das dann aus und blieb dabei. Es sind eigene, reine Farben ohne Zusätze. Ich wollte etwas haben, was schnell trocknet, trotzdem leuchtend ist und leicht. Ölfarbe trocknet zu langsam und stinkt außerdem. Acryl mag ich nicht, weil das wie Plastik ist. Wissen Sie, worauf ich beim Malen aber ungern verzichte?

WELT: Worauf?

Loy: Auf Musik.

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WELT: Was hören Sie?

Loy: Alles Mögliche, je nach Stimmungslage. Manchmal lausche ich auch Hörbüchern. Ritualisiert ist der Freitagnachmittag. Da höre ich immer Rammstein, um für die letzten zwei Arbeitsstunden der Woche die Energie noch einmal aufzumotzen. Ich könnte auch zwei Vitamin-C-Tabletten schlucken oder noch drei Kaffee trinken, aber nein, ich brauche den Sound dieser Powerband, deren Konzerte ich mehrmals besucht habe.

WELT: Welche Songs von Rammstein hören Sie denn? Geht es Ihnen um den Sound oder auch die Texte?

Loy: Vor einigen Jahren hat mich Rammstein bei einem Konzert sehr überrascht. Einen so hochkomplexen Vortrag hatte ich nicht erwartet. Ich wurde regelrecht energetisiert, mein Körper hat diese Atmosphäre total aufgesogen. Wenn es an den Freitagnachmittagen im Atelier still wird, erinnere ich meine müden Zellen gerne an diese Energie und höre diese Musik. Es ist wie bei jeder Band: Manche Titel höre ich immer wieder, andere nicht.

WELT: Sie haben gesagt, Sie möchten Frauen mit Ihrer Kunst unterstützen. In mehreren Rammstein-Liedern geht es um provokante Darstellungen von sexueller Macht und Dominanz, Perspektiven, die wie Objektifizierung von Frauen wirken können, beispielsweise in Songs wie „Pussy“ oder „Rein raus“. Wie passt das zusammen?

Loy: Nicht nur die Frauen in meiner Heimat haben vor fast 40 Jahren einen Bruch in ihrem Leben erfahren müssen, auch Männern ging es so. Nun steht so eine Veränderung wohl ganz Deutschland bevor. Von Till Lindemann können wir sehr gut lernen, wie wir mit Verwerfungen im Leben umgehen: Erfahrungen und Brüche werden thematisiert und im besten Fall zu Kunst. Kunst ist immer ambivalent und nicht glatt. Otto Dix sagte sinngemäß: Wenn ich keinen Lustmörder malen würde, könnte ich vielleicht selbst einer werden. Dieser Umgang mit den eigenen Erfahrungen sowie den dunklen und anrüchigen Aspekten unseres Daseins hat in der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte eine lange Tradition.

WELT: Nun standen Rammstein vor drei Jahren massiv in der Kritik, nachdem mehrere Frauen mit Vorwürfen von sexueller Nötigung, teils sogar Vergewaltigung, im Backstage-Bereich von Rammstein-Konzerten an die Öffentlichkeit gegangen waren. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte seinerzeit das Verfahren ein, weil sich kein hinreichender Tatverdacht ergab. Der Band konnte nichts Strafbares nachgewiesen werden. Wie haben Sie diese Debatte bewertet?

Loy: Die Medien haben die Anklagen gegen beispielsweise Jörg Kachelmann, Kevin Spacey und Till Lindemann vorverurteilend behandelt. Das hat nichts mit hehrem Journalismus zu tun. Nicht nur die Glaubwürdigkeit Ihres Blattes hat darunter gelitten. Wenn solch eine konzertierte Kampagne in Fahrt kommt, trete ich deshalb gerne zurück und verfolge das Geschehen von der Seitenlinie aus mit meinem gesunden Menschenverstand.

WELT: Zurück zu Ihrer Arbeit. Wenn mit Rammstein Ihre Arbeitswoche ausklingt – heißt das, dass Sie am Wochenende nicht in Ihrem Atelier anzutreffen sind?

Loy: Weder ich noch mein Mann. Als Selbstständige muss man sich auch selbst ein Korsett anlegen und seinen Rhythmus schaffen, um Körper und Geist die notwendige Ruhe zu geben. An fünf Tagen jeweils acht Stunden hochkonzentriert zu malen, ist verdammt anstrengend. Auch wir Künstler sind keine Maschinen. Es gibt Sonnabende, an denen ich nur herumliege und lese.

WELT: Seit 1994 arbeiten Sie Wand an Wand mit Ihrem Mann. Reden Sie während des Entstehens eines Bildes auch mal miteinander?

Loy: Nicht über den Inhalt des Bildes, sondern wenn, dann nur übers Handwerkliche, sprich Farbkombination, Komposition, Höhe der Anschnitte, Binnenräume, Leerräume – lauter solche Dinge.

WELT: Ihr Mann weiß also nicht, was Sie malen, bevor Sie nicht fertig sind? Gilt das auch umgekehrt?

Loy: Er kann gucken kommen, geht dann aber wieder. So wie ich auch. Es sei denn, man sieht etwas ganz Dummes, dann fragen wir uns, ob man das dem anderen sagen darf. Beim Entstehungsprozess von Bildern einfach so hineinzugrätschen, kann im falschen Moment viel kaputt machen. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, äußerst vorsichtig miteinander umzugehen. Ich kann auch nicht haben, wenn jemand im Atelier mitarbeitet.

WELT: Nun arbeiten Sie beide in voneinander getrennten Ateliers. Wie funktioniert denn unter diesen Bedingungen der Austausch zwischen Ihnen?

Loy: Durch Klopfzeichen. Mittags wird an die Wand geklopft. Ansonsten geht man zur Eingangstür und klopft dort an.

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WELT: Legen Sie eine gemeinsame Pause ein?

Loy: Wir essen immer zusammen Mittag, pünktlich um zwölf.

WELT: Und wer kocht?

Loy: In letzter Zeit eher mein Mann. Früher haben wir uns das mehr aufgeteilt.

WELT: Ihr Mann erlangte durch eine Ausstellung im Jahr 2000 in der New Yorker Galerie von David Zwirner wesentlich früher internationale Berühmtheit als Sie. Wie haben Sie das empfunden?

Loy: Wir haben eine glückliche Beziehung, wir lieben einander, und 50 Prozent unserer Beziehung hat einen Riesenerfolg, das ist doch ein großes Geschenk.

WELT: Wollen Sie damit sagen, dass Sie keinen Erfolg haben?

Loy: Damals jedenfalls noch nicht. Heute haben 50 Prozent einen Riesenerfolg und die anderen 50 Prozent haben großen Erfolg. Wir sind ein Paar, sind keine Rivalen, stehen uns nicht im Boxring gegenüber. Jeder von uns hat trotzdem seine eigene Welt. Was kann man sich Besseres wünschen? Wir könnten auch nicht miteinander konkurrieren, weil wir sehr verschieden sind.

WELT: Im Gegensatz zu Ihren Bildern werden die figurativen, surrealen und collagenhaften Gemälde Ihres Mannes von Männergestalten geprägt. Was unterscheidet Ihren Mal-Duktus noch?

Loy: Ich bin sehr unwirsch und schnell, er dagegen ist langsam. Ich bin auch die Optimistische, er hingegen der Bedenkenträger. Wir greifen aber ineinander, ergänzen uns wunderbar.

WELT: Und stellen gelegentlich zusammen aus, wie derzeit im Haus des Kunstvereins in Zwickau unter dem Titel „Perlmutt II“, und Sie malen auch mal zusammen. Wie muss man sich das vorstellen? Stehen Sie dann einträchtig vor der Leinwand und jeder schwingt den Pinsel, wie es ihm in den Sinn kommt?

Loy: Nein, falsch. Einer fängt an, der andere macht dann weiter. Das ist wie ein Pingpongspiel. Keiner weiß, wo der Ball hinfliegt. Man nimmt ihn auf und spielt ihn zurück. Das Motiv haben wir vorher auch nicht abgesprochen. Es entwickelt sich beim Malen. Es ist eine sehr spannende Herausforderung.

WELT: Was veranlasst Sie dazu?

Loy: Geburtstage oder andere Feierlichkeiten von Freunden, wie Hochzeiten.

WELT: Sie sind seit 41 Jahren verheiratet. Bei Ihrer Ausstellung unlängst in Rostock machte Ihr Mann Ihnen und Ihren Werken eine herzergreifende Liebeserklärung, indem er sagte: „Rosas Bilder sind es, die mich wie ein schützender Elfenreigen umgeben und die den Platz, den sie an der Wand innehaben, mit den Jahren zu Lichthöhlungen im Mauerwerk vertieft haben. Von den Wänden meines Kabinettes herab senden sie feine, seelenvolle und heilkräftige Schwingungen durch den Raum und in seinen Insassen hinein.“

Loy: Mein Mann ist sehr eloquent, er mag meine Bilder, so wie ich seine mag. Es ist so schön, dass man sich ergänzt und genau auch das in der Arbeit des anderen findet, was man selbst nicht vermag zu produzieren. Das macht mich froh.

WELT: Trotzdem wollten Sie nicht den Nachnamen Ihres Mannes behalten. Warum nicht?

Loy: Normalerweise finde ich es Blödsinn, wenn die Eltern und womöglich auch noch deren Kinder unterschiedlich heißen. Für die Arbeit fand ich es dagegen problematisch, wenn alle den gleichen Namen haben, deshalb suchte ich mir einen Künstlernamen. Rosa gefiel mir schon immer gut, auch wenn man dabei an Rosa Luxemburg erinnert wird. Das störte mich nie, denn sie war ja auch eine starke Frau. Dann hatte ich den „Landvogt von Greifensee“ gelesen, eine Novelle von Gottfried Keller, in der er über Frauen schreibt, die er nicht geheiratet hat. Eine, deren Nachname mir gefiel, hieß Figura Leu. Ich habe ihn noch etwas umgeschrieben und war zufrieden. Dem Kulturamt Dresden schrieb ich, dass Rosa Loy nun mein offizieller Name sei. So steht er jetzt auch im Personalausweis.

WELT: Sie wirken sehr zufrieden. Das war nicht immer so. Sie haben einige Krisen durchleben müssen: Ihr Vater starb mit 52 Jahren durch einen Treppensturz, Ihre Mutter mit 56 Jahren an Brustkrebs, der bei Ihnen mit 39 Jahren diagnostiziert wurde. Wie wirkten sich diese Einschnitte auf Ihre Malerei aus?

Loy: Sie hinterließen vielfältige Spuren. Vor allem gehe ich jetzt geiziger mit meiner Zeit um. Mir wurde bewusster denn je, dass man nicht alle Zeit der Welt zum Leben hat. Zeit für etwas Unnötiges zu verplempern, geht bei mir gar nicht. Ich lernte auch, mit Schicksalsschlägen rational umzugehen. Da ich kein ängstlicher Typ bin, überlege ich in problematischen Situationen immer gleich: Was machst du jetzt, welche Möglichkeiten gibt es? Sofortiges, lösungsorientiertes Agieren ist mir anerzogen worden, es hat mir schon viel Glück beschert.

WELT: Sehen Sie es auch als Glücksumstand, noch immer dort zu leben, wo Ihre Künstlerkarriere begonnen hat?

Loy: Ich werde in Sachsen als Malerin wahrgenommen. Das ist der kulturelle Humus, den wir bei uns haben, der ist ganz tief und alt. Wir haben hier eine Hochkultur, die atme ich ein. Ich brauche die Musik, das Theater, diese Umgebung. Dafür bin ich sehr sensibilisiert. Auch deswegen fahre ich lieber mit dem Fahrrad als mit dem Auto ins Atelier.

Zur Person:

Von Zwickau, wo die Sächsin 1958 als Sibille Scheringer geboren wurde, zog sie als Sechsjährige mit ihren Eltern nach Leipzig, wo ihr Vater eine Gärtnerei leitete. Auch sie ließ sich zur Gartenbauingenieurin ausbilden, arbeitete in der dortigen Stadtverwaltung im Amt für Umweltschutz. 1985 begann sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ihr zweites Studium. Im selben Jahr heiratete sie ihren Kommilitonen Neo Rauch, dessen Nachnamen sie erst annimmt, um sich einige Zeit später in Rosa Loy umzubenennen. Die Eltern eines Sohnes gehören zu den Wegbereitern der Neuen Leipziger Schule. Loy wird von Galerien in New York, Los Angeles, Seoul und Leipzig vertreten.

Source: welt.de