Wenn ein Offizier im Klassenzimmer steht

Eine Jugendoffizier der Bundeswehr hält einen Vortrag vor Schülern in einem Klassenzimmer.

Stand: 03.04.2026 • 17:14 Uhr

In Krisenzeiten sind Jugendoffiziere der Bundeswehr an Schulen gefragt. Dort treffen sie auf junge Menschen, die Fragen über Krieg, Wehrdienst und Moral umtreiben. Einblicke aus einem Klassenzimmer.

Sie sind 18, manche auch schon 19. „Am Anfang unseres Lebens“, wie Friederike sagt. Ausgerechnet in dieser Zeit kommen jeden Tag neue Schreckensnachrichten. Die internationalen Krisen rücken näher, wirken bedrohlich. Die Abiturienten am Herbartgymnasium in Oldenburg stellen sich viele Fragen – auch die, was würden sie tun, wenn ein Krieg Deutschland betreffen würde.

In diese Zeit fällt der Besuch von Hauptmann Florian Kröger im Grundkurs Politik-Wirtschaft. Die Schulleitung des Oldenburger Gymnasiums hat sich bewusst dafür entschieden, Jugendoffiziere der Bundeswehr in den Unterricht einzuladen.

Die Teilnahme an der Doppelstunde ist den Schülern freigestellt, aber gerade, weil Friedenssicherung und die Rolle der Bundeswehr Schwerpunktthemen im Abitur sind, hält ihre Politiklehrerin, Kerstin Weber-Brudvik, den Besuch des Jugendoffiziers für richtig: „Die internationale Lage ist so unübersichtlich geworden, dass sie einfach das Angebot bekommen, sich Informationen zu holen und handlungsfähiger zu werden.“ Die Oberstufenschüler seien mündig genug, um sich selbst ein Bild zu machen.

Welche Themen beschäftigen die Schüler?

An diesem Morgen haben sich zwölf junge Frauen und sechs junge Männer im Klassenzimmer eingefunden. Nur einer hat sich bewusst abgemeldet. Es soll um alle nur denkbaren sicherheitspolitischen Themen gehen. Jugendoffizier Kröger fordert die Klasse auf, ihm auch kritische Fragen zu stellen. Er wisse nie, welche Fragen kommen. „Jeden Tag passieren neue, spannende, teilweise auch wirklich traurige Dinge auf der Welt.“ Auch er lerne jedes Mal ein bisschen was dazu.

Den 19-jährigen Finn treibt eine ganz grundsätzliche Frage um: „Wenn man denn dann zur Bundeswehr ginge, für den Dienst an der Waffe, dann ist es ja schon Prämisse, bereit zu sein, sein Leben für Deutschland zu geben.“ Er will wissen, ob man darauf bei der Bundeswehr mental vorbereitet werde. Er könne sich nämlich nur sehr schlecht vorstellen, „den Mut zu haben, sollte ich zur Bundeswehr gehen, dann an der Grenze zu stehen und sich zu sagen, jetzt ist vielleicht mein Moment gekommen, jetzt sterbe ich vielleicht, aber ich sterbe für mein Vaterland“.

Jugendoffizier Kröger war selbst nur im Inland stationiert, aber er ist überzeugt: „Du gehst dann weniger für dein Vaterland, für dein Land in den Einsatz, sondern für den Mann neben dir oder die Frauen neben dir.“

Iran-Krieg für Schüler viel näher

Die Bundeswehr hat, über das ganze Land verteilt, 94 Dienstposten für Jugendoffiziere. Gut 15 Prozent sind zurzeit nicht besetzt. In Schulen gehen die Jugendoffiziere nur auf explizite Einladung und mit dem Auftrag, ganz klar zu trennen zwischen der Information über Sicherheitspolitik und Personalgewinnung. Jede Form von Werbung für die Bundeswehr ist untersagt. „Das machen wir nicht, das mache ich nicht“, versichert Kröger. Immer wieder muss der Hauptmann deshalb den Schülern sagen, dass er auf die ein oder andere Frage keine Antwort geben könne. Die Trennung leuchtet nicht allen ein.

Kröger ist überrascht, dass ihn kaum jemand nach der Ukraine fragt. Den Abiturienten ist der Krieg in Iran viel näher. Er beunruhigt sie. „Vor allem in der Woche, in der die USA und Israel den Angriff gestartet haben, als sich Tag für Tag die Ereignisse überschlagen haben“, erinnert sich Julian, „da hat sich das schon sehr, sehr nah angefühlt, und es war sehr ungewiss, bis wohin das geht. Da hab ich mir schon teilweise Sorgen gemacht, dass Deutschland in irgendeiner Art und Weise hineingezogen wird.“ Alizia pflichtet ihm bei: „Ich find auch, die Lage wirkt gar nicht so fern.“

Verhaltenes Kopfschütteln beim freiwilligen Dienst

Sie sprechen darüber, ob der Krieg in Iran mit dem Völkerrecht vereinbar ist, wann ein Angriff den Beistandsfall für die NATO bedeuten könnte, aber sie sprechen auch über Argumente für und gegen die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht oder den neuen Wehrdienst. Selbst betroffen sind diese Schülerinnen und Schüler nicht. Sie sind Jahrgang 2007. Erst ab Jahrgang 2008 müssen junge Männer den Fragebogen, den die Bundeswehr jetzt verschickt, ausfüllen. Auf die Frage, ob jemand von ihnen Interesse hätte, sich für den Dienst freiwillig zu melden, gibt es verhaltenes Kopfschütteln.

„Ich könnt mir eher vorstellen auszuwandern als zur Bundeswehr zu gehen“, räumt Alizia ein. Aber vielleicht liege das auch an dem Klischee, dass man als Frau in der Bundeswehr umgeben von Männern in einem Kriegslager lebe.

Julian plagt sich mit der Frage herum, ob er im Ernstfall doch bereit wäre, zur Waffe zu greifen. „Will ich mich lieber auf mich fokussieren oder für mein Land, das ist ein sehr großer innerer Konflikt.“ Ähnlich geht es Finn. „Für mich ist es ein moralisches Dilemma.“ Er behaupte gerne von sich, dass er bei einem Angriffskrieg auch die Waffe in die Hand nehme und für die Freiheit und die Demokratie einstehe. „Aber bin ich dann auch bereit, im Zweifel Gewalt anzuwenden und auch Gewalt gegen mich auf mich zu nehmen?“

Klare Erwartung an die Politik

Diese jungen Menschen schrecken nicht vor den großen Fragen zurück. Sie wissen, dass sie wohlbehütet aufgewachsen sind. Eine Generation mit relativ viel Ruhe und auch Frieden. Im beschaulichen Oldenburg. Die meisten haben längst Pläne, was sie nach der jetzt anstehenden Abiturprüfung machen wollen – studieren, Chemie, Medizin und nicht zur Bundeswehr gehen.

An die Politik haben sie eine klare Erwartung. „Ich glaub, man hätte auch deutlich weniger Angst“, sagt Friederike, „wenn man aktiv wüsste, was passiert jetzt mit mir, was kann ich überhaupt tun, wenn der Krieg wirklich kommt. Und ich glaub, da fehlt aktuell zumindest bei uns die Kommunikation zwischen Staat und der Gesellschaft.“

Source: tagesschau.de