Kriege, Krisen, Egomanen: Was uns welcher Karfreitag sagt

Die Osterfeiertage bilden ähnlich wie Weihnachten eine Gelegenheit zur Bilanz: Sobald alle farbigen Eier gefunden sind, die dringlichsten Begebenheiten erzählt wurden und der zweite Kaffee in der Tasse dampft, wird im Kreis der Familie das Geschehen der zurückliegenden Zeit resümiert. Der Mensch verortet sich so im Strom der Zeit und setzt sein persönliches Ergehen in ein Verhältnis zum Lauf der Welt.

Der Horizont solcher Betrachtungen hat sich allerdings merklich eingetrübt. Besonders der gerne herangezogene Zehnjahresvergleich zwischen der Welt von 2016 und der Welt von 2026 fällt düster aus. Blickt man eine Dekade zurück, erkennt man eine vergleichsweise wohlgeordnete Welt: Der Wohlstand stieg, der Gedanke an Krieg schien so fern wie in den Jahrzehnten zuvor, und auf internationaler Ebene formte sich ein ernsthafter Wille, die Ökosysteme des Planeten zu schützen.

Dürftige Bilanz der Spezies Mensch

Eine Pandemie und mehrere Kriege später ist davon wenig übrig. Die internationale Ordnung zerfällt, und die Weltbühne wird zunehmend von fragwürdigen Figuren bevölkert, die mit ihrem Egoismus jedoch auf erkennbaren Zuspruch in ihren jeweiligen Bevölkerungen stoßen. Das drängende Klimaproblem bleibt derweil einfach liegen, obwohl mit bloßem Auge zu erkennen ist, dass die Wälder vor zehn Jahren grüner waren und die Schokoladenhasen auch nicht ohne Grund heute so viel teurer sind. Kurz: Die Zehnjahresbilanz der Spezies homo sapiens ist dürftig.

In dieser Lage kann ein Blick in die Passionserzählungen des Neuen Testaments zumindest beim Erwartungsmanagement helfen. Die Evangelien bieten in ihren Schlusskapiteln eine Charakterstudie des Menschengeschlechts, die einem Panoptikum der Niedertracht gleicht.

Der Bogen reicht vom Verrat des Judas über Soldaten, die Lust an Erniedrigung und Folter empfinden, intrigante Priester, einen zynischen Statthalter der Römer, aber auch eine Jüngerschaft, die in den entscheidenden Momenten entweder schläft oder sich wegstiehlt. Petrus als Anführer der Jünger verleugnet seinen Herrn sogar gleich dreimal.

Hosianna, kreuzigt ihn

Auch das Volk kommt nicht gut weg: Am Palmsonntag jubelt es „Hosianna“, kaum eine Woche später ruft es „Kreuzigt ihn“. Dünne Halme, vom Winde bewegt.

Die Ostergeschichte stellt ihrem „Ecce homo“ mit Blick auf Christus eine zutiefst nüchterne und skeptische Anthropologie gegenüber, die sich auch der Hoffnung enthält, dass sich die Lage im Laufe der Zeit großartig verändert oder verbessert. Der deutsche, jüdische Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn hat dazu geschrieben, dass der einzelne Mensch sich zwar entwickeln könne, aber die Menschheit als Ganze besitze „in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit“.

Einen beständigen Fortschritt oder gar eine schrittweise Vervollkommnung beobachtet Mendelssohn nicht. „Vielmehr sehen wir das Menschengeschlecht im Ganzen kleine Schwingungen machen, und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher, mit gedoppelter Geschwindigkeit, in seinen vorigen Stand zurückzugleiten.“

Ein Blick in die Kommentarspalten der sozialen Medien nährt den Verdacht, dass sich das Menschengeschlecht gerade in der Phase mit der doppelten Geschwindigkeit befindet.

Auf und Ab

Wo aber bleibt dann die Hoffnung? Folgt man der Weisheit von Mendelssohn, droht zumindest kein völliger Absturz. Die vergangene Dekade wäre bloß eine Abwärtsschwingung innerhalb des üblichen Korridors.

Auch die biblische Anthropologie lässt sich auf solche weisheitliche Art verstehen: Denn der skeptische Blick auf die Moralität des Menschen, der sich von der Genesis über die Sprüche des Alten Testaments bis in die Passionsgeschichte der Evangelien zieht, enthält den Ratschlag, diese Schwäche besser stets einzukalkulieren.

Mit Blick auf sich selbst braucht man sich damit nicht zufriedenzugeben. Denn eine Besserung des einzelnen Menschen hält nicht nur Mendelssohn für möglich und erreichbar. Auch die Lehre Jesu zielt darauf ab, bei sich selbst anzufangen. Der tiefe Fall des Judas in der Passionsgeschichte ist ein Warnzeichen, dass auch die Zugehörigkeit zum Jüngerkreis nicht davor schützt, an dieser Aufgabe zu scheitern.

Bei den restlichen Jüngern liegt die Sache anders: Deren Scheitern an den eigenen Ansprüchen wird nicht als Ende, sondern als Teil ihres Weges betrachtet. Petrus, der Jesus dreifach verleugnet, wird am Ende des Johannesevangeliums deshalb auch gleich dreifach rehabilitiert. Und das geschieht nicht durch den irdischen, sondern durch den auferstandenen Jesus.

Das verweist darauf, dass die christliche Hoffnung in ihrem Kern nicht weisheitlicher, sondern religiöser Natur ist. Die Menschheit mag verdorben sein und der Lauf der Welt enttäuschend. Aber der Glaube darf sich an der Verheißung aufrichten, dass das Böse dennoch dereinst ganz aufgehoben wird.

Source: faz.net