Mangelnde Berichterstattung: Bekommen sie zehn Nachrichten zu wenig Presse?

Ob Journalisten über ein Ereignis berichten, hängt stets auch von dessen Aktualität ab. Wen hat US-Präsident Donald Trump zuletzt beschimpft, welches Gesetz möchte der Deutsche Bundestag nächste Woche verabschieden? In dem permanenten Breaking-News-Modus bleiben dabei manchmal Themen auf der Strecke, die vielleicht keinen direkten Aufhänger haben – und dennoch berichtenswert wären.
Aufzulisten, wofür große Medienhäuser sich zu wenig Zeit nehmen: das hat sich die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) zur Aufgabe gemacht. Gemeinsam mit der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks präsentiert die NGO einmal jährlich die „Top Ten der vergessenen Nachrichten“. Sie basiert auf der Entscheidung einer Jury aus Wissenschaftlern und Journalisten, die Hinweise aus der Bevölkerung diskutiert und abgewogen haben. Die Themen müssen einen großen Teil der Gesellschaft betreffen und dürfen von Leitmedien nur selten aufgegriffen worden sein.
In Deutschland fehlen gesetzliche Regelungen für Staatenlose
In diesem Jahr führt die Nachricht die Rangliste an, dass viele afrikanische Länder deutlich besser entwickelt seien als die mediale Berichterstattung es vermuten lässt. Ziehe man statt reinen Wirtschaftskennzahlen den Human Development Index (HDI) heran – der auch die durchschnittliche Lebenserwartung und den Bildungsstand der Bürger miteinbezieht – lägen die Seychellen oder Mauritius über dem weltweiten Durchschnitt; Länder wie Botswana oder Süd Afrika nur kurz darunter.
Auf Platz landet der Hinweis auf Ackerböden, die zunehmend durch Mikroplastik vergiftetet seien. Über die winzigen Kunststoffteilchen werde zwar berichtet, doch dass sie durch Klärschlamm, Kompost, Müll und Dünger auf die Felder gelangen und so den Anbau von Nahrungsmitteln belasten, finde kaum Beachtung. Der dritte Platz thematisiert die Schwierigkeiten von staatenlosen Menschen in Deutschland, vorwiegend Menschen aus dem globalen Süden. Da umfassende gesetzliche Regelungen fehlen, müssen viele jahrelang auf die Klärung ihres Status warten – obwohl sie arbeiten und Steuern zahlen.
Unternehmen kommen der Inklusionspflicht nicht nach
Die Plätze vier bis sechs beleuchten die Situation von Menschen mit Behinderung. Zum einen kommen manche Unternehmen der Inklusionspflicht nicht nach. Statt Personen anzustellen, zahlen sie lieber eine Ausgleichsabgabe – die sie senken können, wenn sie Waren von Werkstätten für behinderte Menschen kaufen. Dort erhalten die Beschäftigten häufig ein Gehalt unter dem Mindestlohn, die Waren sind daher besonders günstig – die Unternehmen profitieren also sogar doppelt von ihrem Verhalten.
Zum anderen sind laut der Überwachungsstelle für Barrierefreiheit der Informationstechnik viele Websites öffentlicher Stellen nicht barrierefrei – Menschen mit Behinderung könnten daher nur schwer auf politische Informationen zugreifen. Law Clinics von Jurastudierenden hingegen könnten gesellschaftlich benachteiligten Gruppen eine kostenfreie Rechtsberatung ermöglichen.
Auch die Ausbeutung von Kindern auf Tabakplantagen (Platz 7), das sogenannte „Diagnostic Overshadowing“, bei dem Ärzte Menschen mit psychischen Problemen bei gleichzeitigen körperlichen Beschwerden unzureichend untersuchen und etwaige Krankheiten erst später entdecken (Platz 8), die psychologischen Folgen von Untersuchungshaft (Platz 9) und der Einfluss von privaten Schiedsgerichten auf die Souveränität von Staaten (Platz 10) stehen auf der Liste. Laut Hektor Haarkötter, Vorstandsvorsitzender der INA, sei die Reihenfolge jedoch nur ein Stimmungsbild der Jury. An einem anderen Tag hätte sie also anders ausfallen können, sagte er der F.A.Z.. Alle Themen hätten dieselbe Relevanz wie die ersten drei Plätze.
Source: faz.net