„Jetzt hör doch mal gen, die Nazis zu umarmen, Ulli!“
Wie inszeniert eine genderkritische Regisseurin, die alles von Juli Zeh verfilmt hat und sich von Heidi Reichinneks Tattoos ästhetisch beleidigt fühlt, Orwells „1984“? Nora Abdel-Maksoud hat es sich ausgemalt. Jetzt kam ihre Kulturkampfklamotte in München auf die Bühne.
Als es zum Hitler-Gruß kommt, eskalieren die Dreharbeiten komplett. Die Neuverfilmung von George Orwells Klassiker „1984“ soll eine Abrechnung mit dem woken Zeitgeist werden, aber das geht zu weit. Oder? Lasst die Deutungskämpfe beginnen! Muss man sich bei jeder „Hitlergruß-ähnlichen“ Geste gleich aufregen? War es womöglich nur der Scheinwerfer, der geblendet hat? Man erinnert sich sofort an die Debatten über den grotesken Auftritt von Elon Musk bei der Siegesfeier von Donald Trump, die Nora Abdel-Maksoud in „Wokey, Wokey“ verarbeitet hat. Die 1983 geborene Autorin hat ihr neuestes Stück an den Münchner Kammerspielen selbst zur Uraufführung gebracht.
Abdel-Maksoud hat sich in den vergangenen Jahren vom Geheimtipp zum Star der Politkomödie im deutschsprachigen Theater entwickelt. In „Café Populaire“ (inklusive der Berliner Version „Café Populaire Royal“) entlarvte die ausgebildete Schauspielerin den linksliberalen Antidiskriminierungs- und Achtsamkeitsjargon als habituell geschickt getarnten Klassenkampf von oben, in „Jeeps“ ging es um die Erbengesellschaft und in „Doping“ zog sie die inzwischen im politischen Koma liegende FDP durch den Kakao. Abdel-Maksoud kommt eher vom Boulevard als von den Rätselperformances Gießener Provenienz. Bei ihr gibt es Tempo und Pointen, keine Expeditionen in die Innerlichkeit.
„Ich bin Regisseur“, stellt sich die von Johanna Eiworth gespielte Filmemacherin dem Publikum vor. Gendern? Unnötig. Sie habe alle Romane von Juli Zeh verfilmt, fährt die Erfolgsfrau mit starken Meinungen („Die Tattoos von Heidi Reichinnek beleidigen mich ästhetisch.“) fort. Außerdem noch ein Sahra-Wagenknecht-Biopic („Sahra Croft“, in dem Lifestyle-Linke aus dem Prenzlauer Berg gebombt werden). Und nun ihr Herzensprojekt „1984“: die Totalitarismusparabel des „Großen Bruders“, auf die sich von links bis rechts alle einigen können. Orwells Ozeanien wird bei ihr zu Wokistan. Als Winston ist der von Stefan Merki gespielte Ulli vorgesehen, ein Konservativer mit Weste und Hemd (Kostüme Katharina Faltner). Die linksliberale Birgit (Eva Bay) spielt Winstons Geliebte Julia.
Und dann gibt es noch Lennart und Günni (Maren Solty und Vincent Redetzki), die als Anzugträger den woken Tugendterror verkörpern sollen, sich aber sehr schnell als Rechtsabweichler der antiwoken Filmtruppe erweisen und für ein riesiges Chaos am Set sorgen – bis zum Eklat um den Hitler-Gruß. Oder vermeintlichen Hitler-Gruß, je nach Interpretationslage. Viel mehr Handlung braucht Abdel-Maksoud nicht, die das Spiel-im-Spiel als rasantes Kreuzfeuer der Narrative inszeniert. Eine Kulturkampfklamotte, die schonungslos die Reaktionen auf die rechten Regelbrecher zeigt: Während Birgit ein „Privilegienrückversicherungstänzchen“ aufführt („weiß, able-bodied, reich“), wird ihr Kollege von der Regie ermahnt: „Jetzt hör doch mal auf, die Nazis zu umarmen, Ulli!“
Running Gag aus „South Park“
Das Filmset wird als Spiegel der Debattenlage im Land inszeniert, bei der Linksliberale, Zentristen, Konservative und Rechte sich eine Schlacht um die kulturelle Hegemonie liefern, während sie sich gemeinsam auf das Feindbild der Woken stürzen. „Gute Remakes sind wie rechter Kulturkampf“, sagt die Filmregisseurin. „Wokey Wokey ist der Tsunami unter den rechten Kulturkampf-Diskursen.“ Die Konstruktion wirkt etwas sehr simpel. Dass die woke Linke als Feindbild herhalten muss, heißt ja nicht, dass sie nicht existiert. Und hat die Rechte nicht die woken Diskurstechniken der Empörung und Einschüchterung inzwischen übernommen? Und die Cancel Culture lieben gelernt?
Der Clou bei Abdel-Maksoud ist, dass das Entscheidende im Bildausschnitt liegt. Immer wieder verschiebt sich der Rahmen des bunt geleuchteten Bühnenkastens (Bühne Moïra Gilliéron), lässt ein und dieselbe Szene nochmal in neuem Zusammenhang erscheinen. Was wie in den Empörungsschleifen auf Social Media auf den ersten Blick eindeutig erscheint, kann man im nächsten Moment als geschickte Inszenierung erkennen. Doch bei dieser Lektion angewandter Medienkompetenz bleibt „Wokey, Wokey“ nicht stehen, sondern hat noch einen an „South Park“ angelehnten Running Gag auf Lager: „Sie haben Benny getötet!“ Nur wer ist eigentlich Benny? Das ist der wie als Sklave gehaltene Set-Runner. Und wo ist eigentlich Benny? Erst am Ende taucht er für ein paar Sekunden auf.
Benny ist nie im Bild. Er, der bleiche Überausgebeutete im Nirvana-Shirt, ist der blinde Fleck der links- und rechtswoken Kulturkämpfe. Mit dieser letzten Verschiebung des Bildausschnitts geht Abdel-Maksoud über den üblichen Selbstvergewisserungspopanz hinaus. „Wokey, Wokey“ zeigt die heutige Debattenfront als das, was Musa Al-Gharbi in seinem in den USA vielbeachteten Buch „We Have Never Been Woke“ als die kulturellen Widersprüche einer neuen Elite bezeichnet hat, die weit schwerwiegendere politische und ökonomische Widersprüche verdecken. „Ich sage Ihnen, welche Wahrheiten ich in meinen Filmen enthülle: die unbequemen“, sagt die Regisseurin eingangs. Am Ende weiß man, dass die wirklich unbequemen Wahrheiten ganz sicher woanders liegen. Denn man sieht immer nur die im grellen Licht, doch die im Dunkeln sieht man nicht.
„Wokey, Wokey“ läuft an den Münchner Kammerspielen
Source: welt.de