Politische Bücher: Genosse Gorbatschow entzweit

Im Jahr 1986 feierte die DDR-Führung den 40. Geburtstag der Staatspartei. Auf ihrem XI. Parteitag im April gratulierte sich die SED zu ihren Erfolgen und ließ Erich Honecker als Partei- und Staatschef bejubeln. Die DDR gab es nun seit 37 Jahren – ein scheinbar stabiler, weithin anerkannter deutscher Staat. Dass er drei Jahre später seinem Untergang entgegengehen sollte, war von außen nicht erkennbar.

Die Berichte der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), von denen eine Auswahl im vorliegenden Band ediert ist, relativieren dieses Bild. Die ZAIG und ihre Vorläufer erstellten seit 1953 Berichte über die unterschiedlichsten Themen zur inneren Entwicklung der DDR – in der Einleitung wird sie „die Schaltzentrale des MfS“ genannt. 1986 war das erste Jahr, in der die Ostdeutschen nicht vornehmlich nach Westen, sondern intensiver als bisher nach Osten blickten. KPdSU-Parteichef Michail Gorbatschow legte damals nicht nur weltweit beachtete Abrüstungsvorschläge vor, sondern sprach auf dem Parteitag in Moskau Anfang März die Probleme im eigenen Land offen an und benannte die dafür Verantwortlichen. Das war noch nicht, wie der Bearbeiter einleitend schreibt, ein „Reform-Programm“, aber es ging weiter als alles, was die DDR-Bevölkerung von der SED erwartete. Der abgedruckte Bericht zu den Reaktionen auf den KPdSU-Parteitag bestätigte scheinbar die SED-Sicht, der zufolge die Missstände in der Sowjetunion zeigten, dass die DDR in wirtschaftlicher und sozialpolitischer Hinsicht weiter fortgeschritten sei als der „große Bruder“.

Darin wurden aber auch Stimmen zitiert, die auf Parallelen zur DDR hinwiesen und eine „‚Fehlerdiskussion‘, wie sie jetzt unter Genosse Gorbatschow in Gang gekommen wäre“, in der DDR für undenkbar hielten. Die Ostdeutschen maßen dann auch den SED-Parteitag an dem der KPdSU und vermissten eine ähnliche Offenheit und Selbstkritik. Diese Berichte verließen nicht das MfS – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass die Stasi nicht in den Ruch kommen wollte, Kritik an der politischen Führung zu üben.

Während der vergleichende Blick auf die Parteitage geeignet war, einen Keil zwischen DDR-Bevölkerung und Führung zu treiben, sorgte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 unter den Ostdeutschen für Irritationen über das vermeintliche sowjetische Vorbild. Aus dem dazu erstellten ZAIG-Bericht geht hervor, dass sich die Arbeiter auf den Baustellen der DDR-Atomkraftwerke Sorgen über deren Sicherheit machten, viele DDR-Bürger die späte Reaktion durch die ostdeutschen und sowjetischen Organe kritisierten und den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung anzweifelten.

Der Absturz eines sowjetischen Passagierflugzeugs bei Schönefeld im Dezember ließ Ostdeutsche Parallelen zum Reaktorunglück ziehen und „Zweifel an der Zuverlässigkeit der sowjetischen Technik“ äußern. Auch ein Bericht der amtlichen sowjetischen Nachrichtenagentur TASS über Unruhen in Alma-Ata im selben Monat ließ DDR-Bürger zu der Schlussfolgerung kommen, dass „es in der Sowjetunion doch noch mehr Probleme [gebe], als bisher angenommen wurde“.

Offen berichtete die Stasi über den desolaten Zustand der Wirtschaft, etwa in Ausarbeitungen zum Brandgeschehen in den Betrieben, zu Problemen der Brennstoff- und Energieversorgung, zur Gefährdung der Arbeits- und Produktionssicherheit vor allem wegen des Verschleißes der Produktionsanlagen sowie zu Problemen der Reichsbahn. Dabei ging es sowohl um die heruntergekommenen Anlagen als auch um „ungelöste Struktur- und Leitungsprobleme“, für die die Stasi Lösungsmöglichkeiten anbot. Auch die Beschwerden der Bevölkerung über die miserable Versorgungslage mit Gütern aller Art wurden erfasst, wobei der Begriff „Mangelgesellschaft“ fiel.

Cover

Ein Dauerbrenner war ebenfalls die Berichterstattung zu den evangelischen Kirchen und den unter deren Dach tätigen Gruppen. Dabei fällt auf, wie gut das MfS über Interna der Kirchen informiert war und die dort tätigen Personen entweder den „politisch-loyalen“ oder den „politisch-negativen“ Kräften zuzuordnen wusste. Um das Wirken der Gruppen einzudämmen – die sich damals vom Friedensthema weg- und auf das Umwelt- und Menschenrechtsthema zubewegten –, empfahlen die Autoren der Berichte, vor allem die kirchlichen Amtsträger dazu zu bewegen, die „feindlich-negativen Aktivitäten“ der Gruppen zu unterbinden.

Der sorgenvolle Blick der ZAIG richtete sich überdies nach Westen. Sie berichtete nicht nur über spektakuläre Fluchten und andere Grenzvorfälle, sondern auch über die Auswirkungen der seit Februar 1986 großzügigeren Genehmigungspraxis für Westreisen – ein Indiz für die zunehmende Abhängigkeit der DDR von der Bundesrepublik. Obwohl diese Regelung intern blieb, stieg die Zahl der Reiseanträge und der Fluchten in den Westen infolge von Besuchen rapide an. Honecker selbst heizte die Reiseaktivität durch ein Interview in der „Zeit“ durch die Äußerung an: „Es ist überhaupt keine Frage, dass man in dringenden Familienangelegenheiten reisen kann.“

Der Westen übte nach wie vor eine enorme Sogwirkung auf die Ostdeutschen aus, was auch zum vermehrten Verlassen der DDR durch Ärzte und Zahnärzte führte und die Funktionsfähigkeit des Gesundheitswesens beeinträchtigte. Des Weiteren spielte der Westen für die DDR-Opposition eine zentrale Rolle: So konnten deren Mitglieder ihre Appelle in westlichen Medien veröffentlichen, über den Rundfunksender „Schwarzer Kanal“ in die DDR hineinwirken und Unterstützung von prominenten Grünen-Politikern erhalten.

Die 37, mit einer instruktiven Einleitung versehenen Stasi-Berichte zeigen zwar, dass die DDR 1986 Herausforderungen ausgesetzt war, derer sie nur mit großer Mühe Herr werden konnte, da sie zunehmend aus dem Westen und aus dem Osten unter Druck geriet. Die Kriterien für deren Auswahl aus allen in der einschlägigen Datenbank erfassten Dokumente (1986.ddr-im-blick.de) bleiben aber unklar. Warum werden etwa wichtige, in der Einleitung behandelte Berichte wie der zur Bevölkerungsmeinung zur Katastrophe von Tschernobyl nicht abgedruckt, dafür aber eine nichtssagende Statistik zum grenzüberschreitenden Verkehr von Lkw und Bussen?

Florian Schikowski: Die DDR im Blick der Stasi 1986. Die geheimen Berichte an die SED-Führung.
Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2025. 320 S., 30,– €.

Source: faz.net