Jubiläum | 50 Jahre No Future: Wie aus brennender Langeweile Punk entstand
Hugo Ball, The Stooges, The Fugs, Lou Reed, Frank Zappa, Emmy Hennings, Richard Huelsenbeck, Hilly Kristal, Patti Smith, London, Ann Arbor, New York, Cleveland, Zürich … Punk hat viele Mütter, Väter, Tanten, Paten, Kinder und Geburtsorte, je nachdem, wen man fragt. Vermutlich hat Punk mehr Erzählungen über seine Geburt als billig produzierte Singles, mehr Meinungen als Künstler.
Dennoch sticht 1976 als zentrales Jahr heraus, denn hier kam alles zusammen: Theorie und Praxis, dies- und jenseits des Atlantiks. Im Januar erschien in New York das Magazin Punk, das in den Kneipen von Manhattan seit Dezember 1975 mit dem Slogan „Punk is Coming!“ angekündigt worden war. Im April folgte das Debütalbum der Ramones, wenn auch der darauf enthaltene Song Judy is a Punk der New Yorker bereits auf das Jahr 1974 datiert.
Und im November 1976 explodierte Punk dann endgültig in Großbritannien, als mit Anarchy in the U.K. die Debüt-Single der Sex Pistols sogar die Charts auf Platz 38 erreichte und im Königreich eine kulturelle Revolution provozierte, von der die Punk-Pioniere in den USA nur träumen konnten. „Wir versuchten, alles niederzureißen“, hat The-Clash- und P.I.L.-Gründungsmitglied Keith Levine den radikalen Anspruch des britischen Punk zusammengefasst. Und „alles“ meinte tatsächlich alles: die Kultur, den Staat, die Elterngeneration, den Kapitalismus, die Musikindustrie.
Die Revolution blieb zwar aus, „die Gesellschaft brach nicht zusammen, es entstand keine neue Welt“, wie der Punk-Historiker Greil Marcus konstatiert, doch auch er sah, dass eine neue Welt zumindest für einen Moment möglich erschienen war.
Für Simon Reynolds waren die Sex-Pistols-Songs so radikal wie Luthers Thesen
„Die Songs der Sex Pistols waren das Rock-Äquivalent zu den Thesen, die Luther an die Tür der Kirche zu Wittenberg nagelte“, ergänzt der britische Pop-Theoretiker Simon Reynolds. „Sie brachen endgültig mit dem Vergangenen und ebneten zugleich – wie einst die Reformation – den Weg für weitere Spaltungen und die Entstehung von Sekten, die unterschiedliche Vorstellungen davon vertraten, was Punk nun bedeutete.“
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Ein interessantes Bild: Punk als Reformation, während die Gegenreformation schon auf dem Vormarsch war – Margaret Thatcher war 1976 bereits Parteivorsitzende der Tories, Ronald Reagan wurde 1981 zum US-Präsidenten gewählt. Warum die Zeit 1976 reif war für eine solche Zäsur, wird von den Protagonisten des Punk meist auf zwei Begriffe gebracht: Wut und Langeweile, in verschiedener Hinsicht. Da ist zunächst die kulturelle Sphäre, die Langeweile produzierte und Wut provozierte. „I hate Pink Floyd“ soll Johnny Rotten auf seinem T-Shirt stehen gehabt haben, als Malcolm McLaren ihn in seiner „Sex“-Boutique als Sänger der Sex Pistols rekrutierte. Pink Floyd waren in den späten 1970ern Repräsentanten einer Musikindustrie, die mit immer opulenteren Bühnenshows und komplexen, teuer produzierten Konzeptalben den Graben zwischen Musikern und Publikum größer werden ließen.
Und so fand mit Punk ein Bruch auf mehreren Ebenen statt: weg von Lichtershows und Fantasy-Gegenwelten, von Bühneninszenierungen und Keyboardsoli, hin zu direkten, konfrontativen Songs, gespielt auf Augenhöhe zum Publikum in verrauchten Clubs. Und weg von der Dominanz weniger Musiklabels und von Musik als Massenware, stattdessen die DIY-Kultur selbstgegründeter Plattenlabel und neuer Vertriebsstrukturen – zumindest im Nachbeben von Punk. Die Bands der ersten Stunde wie die Sex Pistols, Ramones, Clash, Buzzcocks oder Siouxsie & The Banshees hatten alle Verträge mit Major Labels.
We’re just bored teenagers, looking for love, or should I say emotional rages. Bored teenagers, seeing ourselves as strangers
Die Langeweile war die Kehrseite der Wut, eine Langeweile angesichts einer saturierten Kultur und einer bleiernen gesellschaftlichen Stimmung. „We’re just bored teenagers, looking for love, or should I say emotional rages. Bored teenagers, seeing ourselves as strangers“, haben The Adverts 1977 gesungen und damit ihrer Langeweile einen Ausdruck verschafft. Und die Adverts waren mit ihrer Gegenwartsbeschreibung nicht alleine: „I have a tendency to get bored too quickly“, heißt es bei The Slitsin Spend, Spend, Spend und bei den Ramones in I Wanna Be Sedated – „Nothin’ to do, nowhere to go, oh, I wanna be sedated“.
Die drückende Langeweile erzeugte eine körperlich spürbare, nervöse Erwartungshaltung, die vor Punk kein Ventil fand. Nun aber lautete die Devise: Band gründen, einfach mal machen, auch wenn das Publikum sagt: „We don’t like you – go away. Come back when you’ve learned to play.“ Dieser Ablehnung schleuderten die Adverts im Song One Chord Wonders ein großes „We don’t give a damn“ entgegen: Ist doch egal, ob wir spielen können oder ob ihr glaubt, dass wir nicht spielen können, wir nehmen trotzdem und gerade deshalb jetzt einfach ein Album auf, stehen hier auf der Bühne – Bassistin Gaye Advert hat der Legende nach mit Bandgründung 1976 erstmals einen Bass in der Hand gehabt. Es war also nicht einfach nur irgendeine Langeweile, die einen betäubte, sondern eine brennende Langeweile, die nach ihrem Ende schrie. Brennende Langeweile hieß dann auch der 1978 für das ZDF produzierte erste Spielfilm über Punk in Deutschland. Regisseur Wolfgang Büld lässt darin ein junges Paar aus dem Sauerland nach Düsseldorf aufbrechen, um ein Konzert ebenjener Adverts zu besuchen.
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Ursache für die empfundene Lähmung, Langeweile und Wut war in Großbritannien die gesellschaftliche Krise im Zuge der Öl- und Wirtschaftskrise ab Mitte der Siebziger. Die Arbeitslosigkeit war so hoch wie noch nie in der Nachkriegszeit, insbesondere unter Jugendlichen, die Wirtschaft kriselte, die Staatsschulden wuchsen und die Sparmaßnahmen der Regierung zogen harte Einschnitte nach sich. Für die Zukunft sah es düster aus. Was läge da näher, als das Ende der Welt mit einem „No Future“ zu zelebrieren. „Diese Idee in Form einer Band, die darauf reduziert werden konnte, böse zu sein, unter die Leute zu bringen, war perfekt, vor allem, als ich entdeckte, dass diese Kids von demselben Zorn ergriffen waren wie ich selbst“, beschreibt Malcolm McLaren die Gründung der Sex Pistols. „Vielleicht konnten sie mir helfen, weiterzuträumen und mich dem, was ich am meisten fürchtete, zu verweigern: der Normalität.“
Gegen Margaret Thatcher und Pink Floyd: Dem Frust Gehör verschaffen
Während Bands wie die Sex Pistols in einer von Dada über den Situationismus verlaufenden Traditionslinie der Gesellschaft einen „Bankrott der Ideen“ (Hugo Ball) attestierten und dem die Destruktion und Provokation entgegenstellten, hatten andere Punkbands jener Jahre wie abermals die Adverts die gesellschaftliche Krise und Zukunftsangst angesichts des „Great British Mistake“ zu zentralen Themen ihrer Songs gemacht.
Und da waren X-Ray Spex um Sängerin Poly Styrene: „My mind is like a plastic bag that corresponds to all those ads. It sucks up all the rubbish that is fed in through by ear“. Das Bewusstsein, die Plastiktüte, ist angefüllt mit Konsumartikeln; Poly Styrene reflektierte den Einfluss des Kapitalismus auf ihre eigene Psyche, verwies darauf, den Erwartungen der Gesellschaft nicht entkommen zu können.
„Ich weiß, dass ich ein Kunstprodukt bin, aber gebt nicht mir die Schuld“, hat Poly Styrene über ihren Song I’m a Cliché gesagt. „Wenn ich mein Make-up auftrage, dann hat diese Maske nichts mit mir zu tun, sondern ist das, wozu ein Mädchen in dieser Konsumgesellschaft erzogen wurde.“ Neben dem Gefühl der Langeweile wurde in vielen frühen Punksongs auch eine politische Gegenwartsdiagnose transportiert und die Aufforderung, sich dem kapitalistischen Realismus entgegenzustemmen. Der ganze Frust der drögen Siebziger, nachdem der Aufbruch der 68er sich verflüchtigt hatte, popkulturelle Stagnation herrschte und sich der konservative Backlash am Horizont abzeichnete, wurde in einen Bruch mit dem Vorherigen überführt, gebrochen wurde mit Musik, Kultur, Politik, Gesellschaft.
In den USA ging der Bruch etwas milder vonstatten. Dort wurde Punk als eine Weiterführung des Rock ’n’ Roll und der damit verbundenen Außenseitergesten verstanden, was aus der Perspektive Großbritanniens auch spöttisch kritisiert wurde. „Für mich waren die Ramones auch nicht anders als Status Quo. Sie waren spaßig, aber sie haben ihr Schema schnell ausgereizt“, hat sich Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten in einem Interview von der New Yorker Punkszene abgegrenzt. „Die New Yorker Bands kamen alle aus wohlbehüteten Familien, die ihnen neue, glänzende Gitarren kauften, sie packten Rimbaud-Gedichte und so einen Nonsens drüber und gaben damit an.“ Der schnell und verzerrt gespielte cartoonhafte Rock ’n’ Roll der Ramones war etwas anderes als das Provokationskonzept der Sex Pistols. Hier war weniger Wut als vielmehr verspielter Umgang mit Traditionen am Werk, und auch die im frühen Punk provokativ eingesetzten Hakenkreuze erfüllten einen anderen Zweck: Während sie im Königreich eine „Metapher für die Absicht, Anstoß zu erregen“ waren, wie Jon Savage schreibt, erfüllten sie im stark von jüdischen Protagonisten geprägten amerikanischen Punk die Funktion einer Übernahme der Herrschaft über die Symbole des NS.
Jüdische Kids, die keine Opfer der Geschichte mehr sein wollten
„Kein Holocaust, kein Punk“, hat der Musikjournalist Steven Lee Beeber überspitzt seine Erkenntnis zusammengefasst, dass Punk in den USA von der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation amerikanischer Juden geprägt war. Tommy und Joey Ramone, Susan „Phranc“ Gottlieb, Richard Hell, Danny Fields, Genya Ravan, Richard Manitoba oder Alan Vega verstanden Punk auch als Ansage an die Elterngeneration, kein Opfer der Geschichte mehr sein zu wollen.
Doch egal, ob Punk wie in den USA nun von jüdischen Mittelschichtskids oder wie in Großbritannien auch von Jugendlichen der abgehängten Arbeiterklasse geprägt war, einigen konnte man sich zumindest darauf, dass in der Gesellschaft einiges schieflag und Punk zumindest für den Moment ein Ventil sein konnte, dem eigenen Frust Gehör zu verschaffen. „Seine ansteckende Abscheu vor dem, was die westliche Zivilisation gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus sich gemacht hatte“, hat Greil Marcus zusammengefasst, „war Thema Hunderter von Songs und Parolen.“