Nachruf | Erinnerungen an Alexander Kluge: Das 20. Jahrhundert ist nun unwiderruflich vorbei

Beim ersten Treffen im Januar 2010 hat er eigentlich keine Zeit. Für wen ich das Interview überhaupt führen würde. Nur 15 Minuten, länger hätte er eh nicht. Es ist bereits sechs Uhr abends, Alexander Kluge hat, wie jeden Tag, den ganzen Tag gearbeitet. Das Interview war im Grunde genommen für mich eine Privatsache – die Studentenzeitschrift, in der es dann erschien, nur ein Vorwand, um Kluge persönlich zu treffen.

Wir sitzen am Küchentisch, er beantwortet die ersten Fragen geduldig, stellt aber bald klar: Interviews gebe er nicht, er führe Gespräche. Und da ich trotz Tausender gesichteter dctp-Videos nicht sicher bin, was das praktisch heißt, führt er mich durch das folgende (doch sehr lange) Gespräch.

Es soll eigentlich um sein letztes Buch Das Labyrinth der zärtlichen Kraft gehen, Kluge kommt aber vom Hundertsten ins Tausendste, springt von Ovid zu Goethes Wahlverwandtschaften, zu Niklas Luhmann und Theodor W. Adorno, zu seinen „Gewährsmännern“, wie er sie nennt.

Spielerisch und unerwachsen

In den Monaten nach diesem Gespräch komme ich öfter in Kluges Büro in der Friedrichstraße. Klingelt man und geht dann durch das Treppenhaus, steht er entweder im Türrahmen oder die Türe ist geöffnet und er sitzt schon wieder am Schreibtisch, notiert mit hartem Bleistift auf unliniertes Papier. Alexander Kluges Arbeitspensum war enorm, das Wissen enzyklopädisch und gleichzeitig wirkte er nie verbissen. Das Spielerische und Unerwachsene ist ihm in den mehr als 30 Büchern, 30 Filmen sowie seinem einzigartigen Archiv von Gesprächen mit allen möglichen Figuren aus Kunst, Theater und Wissenschaft nie abhandengekommen.

Eine leichte Ironie zieht sich daher durch die vielen Formen und Formate, in denen Kluge Wegweisendes geleistet hat: Man findet sie in den frühen Spielfilmen wie Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (1968), den späteren Essayfilmen wie Die Macht der Gefühle (1983) bis hin zu Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd (2010).

Alexander Kluges Theoriestil

Es gibt sie als grundierendes Element in den Produktionen seiner Plattform dctp, die das Fernsehen revolutionierte, in seinen Kurzgeschichten und selbst in den zusammen mit Oskar Negt geschriebenen Büchern Öffentlichkeit und Erfahrung (1972) und Geschichte und Eigensinn (1981).

In diesen Beschreibungen einer möglichen Gegenöffentlichkeit zeigt sich ein ganz eigener Theoriestil, ein ungeheurer Ideenreichtum und eine intellektuelle Wendigkeit. Theorie hat für Kluge, bei aller konkreten Kritik der bestehenden Verhältnisse, vor allem auch „die Aufgabe der Antizipation, der Vorausnahme, der Artikulation des überschüssigen Bewusstseins“. Was passiert gerade? Aus was besteht diese Jetztzeit? Was ist meine Gegenwart?

Kluges Beschreibungen der gegenwärtigen Lage verließen sich immer auch auf das Wissen der anderen. Meinungen oder Befindlichkeiten spielten dabei keine Rolle. Die Dringlichkeit seiner Gegenwartshermeneutik erforderte strikte Arbeitsteilung.

Stellen sammeln, die man weiterschreiben kann

Ich könne doch, falls ich Lust und Zeit habe, eine Stoffsammlung zum Thema „Bildung“ anlegen, schlug er mir vor. Wochenlang denke ich an nichts anderes, kopiere alles Mögliche. Dem Niveau eines 22-jährigen Germanistik-Studenten im Grundstudium angemessen, bringe ich ihm Stapel an Aufsätzen zum Bildungsroman, zu Flauberts Bouvard et Pécuchet, diverse Lexikon-Artikel.

Ich habe freilich nicht verstanden, dass es ihm nicht um Reinhart-Koselleck-Aufsätze oder gar um Vollständigkeit ging, sondern um „Stellen“, um Anekdoten, um Weiterschreibbares. „Alle Lebensläufe haben eine unsichtbare Schrift“, heißt es in Das Fünfte Buch (2012). Um die Unsichtbarkeiten ging es ihm, um die damit verbundenen „Umwege und Auswege“, um den zwar uneinsehbaren, aber sich doch irgendwie herstellbaren „Zusammenhang“.

Der eigene Weg führte mich dann bald nach Kalifornien, aber auch nach den Semestern in Berkeley komme ich öfter zurück. Ich berichte von meinen Seminaren bei Martin Jay und Judith Butler, meinem aktuellen Interesse an Kristallisationen, am Anorganischen, an Eiskristallen und Kluge wird euphorisch. Das müsse ich unbedingt aufschreiben, die Kristallisation sei eine für ihn und überhaupt für die Moderne zentrale Reflexionsfigur.

Kluge erzählt von Adornos Plänen zu einem Essay über die Kälte, der Idee, einen Film über die Kälte zu drehen – ausgehend von Anita G., die in seinem Film Abschied von gestern (1966) gesteht, sie friere auch im Sommer. Immer wieder kommen wir in den nächsten Jahren, in denen die Treffen weniger werden, zu den Kristallisationen zurück, bei Immanuel Kant, bei Walter Benjamin, bei Gilles Deleuze – Kluges brillantes Gedächtnis ließ den Gesprächsfaden nie abreißen.

Kluge war ein Mutmacher

Während der Arbeit an der Dissertation in Berlin habe ich mich dann oft gefragt, ob mein Interesse an ein paar Stellen bei Kant, Goethe und Hegel nicht zu marginal sein könnte. Kluges Skepsis gegenüber dem akademischen Betrieb war zwar stets deutlich, aber er war auch, sicherlich nicht nur für mich, ein Mutmacher. Nein, so sagte er dann vehement, um das Abwegige, um das Nebensächliche gehe es ja, alles andere lohne den Aufwand nicht.

Ein Sicheinlassen auf Nebenschauplätze sowie eine gewisse Form der sprunghaften Unsystematik habe ich mir, wahrscheinlich zugunsten eines eindeutigen wissenschaftlichen „Profils“, bewahrt. Ob er mein Buch über das Anorganische letztlich gelesen hat, weiß ich nicht, aber ohne seine initiale Begeisterung wäre es nie entstanden.

Bei aller Liebe für die Literatur, die Oper, die Theorie: Am liebsten erzählte Kluge vom Kino, über die vielen Reisen nach Paris, um den neuesten Jean-Luc-Godard-Film zu sehen, über Rainer Werner Fassbinder, über seine Schwester Alexandra oder über ein nie verwirklichtes Filmprojekt von ihm und Andrei Tarkowski, das ihn noch Jahre danach verfolgt haben muss. Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit sollte die sogenannte Akasha-Chronik von Rudolf Steiner sein. Gemeinsame Expeditionen wurden besprochen, fanden dann aber nicht statt.

Wie ein gemeinsamer Film von Kluge und Tarkowski wohl ausgesehen hätte?

Wie der gemeinsame Film der beiden hätte aussehen können, kann ich mir bis heute nicht vorstellen. Doch das Möglichgewesene war für Kluge dem Historischen stets gleichrangig. Wer wie Kluge das Kino vom „Unverfilmten“, vom Versäumten und Ungeschichtlichen her denkt, kommt zwar ohne Linearität und Dramaturgie aus, nicht aber ohne Witz, Kontrast und Plötzlichkeit.

Im Sommer 2012 hält Kluge dann seine Poetik-Vorlesungen in Frankfurt. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein schwarzes Hemd, ist in Hochform, endet mit der Geschichte von Hume und den Zuckerstückchen. Nach der Vorlesung drängt die Zeit, Kluge liest am gleichen Abend noch im Literaturhaus. Die Lesung dauert lange, als ich ihn später frage, wie noch mal der von ihm kurz erwähnte „bedeutende Soziologe aus dem frühen 20. Jahrhundert“ hieß, erwidert Kluge lachend, der sei freilich erfunden, aber es hätte ihn geben können.

Danach beim Essen in großer Runde, so ausgelassen habe ich ihn selten erlebt. Alle sind irgendwann müde, wollen aufbrechen. Doch Kluge bestellt weiterhin Pils, lacht über unsere müden Gesichter, erzählt von Fritz Lang, Adorno und Fassbinder, mit dem er abgemacht hätte, dass der, der den anderen überlebt, über den Toten Lügen zu verbreiten habe.

Nicht alle Anekdoten stimmten

So war es oft: Man wusste, dass vieles nicht stimmen konnte, aber es ging in den Anekdoten stets um mehr als Pointen. Sie waren Kluges theoretische Praxis, seine Art und Weise, eine Idee, eine Spekulation, einen Wunsch in Anschauung zu überführen. An solchen Abenden habe ich eine Ahnung bekommen, was Walter Benjamin in seinem Aufsatz über den Erzähler mit dessen „lebendiger Wirksamkeit“ gemeint haben muss.

Kluge war nicht nur in solchen Situationen der absolute Erzähler – seine unendliche Neugierde auf die Welt und die in ihr zirkulierenden Ideen stand dabei in allen Projekten immer am Anfang. Schlüsse waren ihm fremd, alles war immer in Bewegung, im Werden, in Planung und Ausführung zugleich.

Seine Geschichten, seine Filme, seine Gespräche kamen dabei stets „ohne Oberbegriff“ aus, das wäre auch zu einfach gewesen – einen Roman hat er vielleicht auch aus diesen Gründen nie geschrieben. Das war nur konsequent: denn wen mit absoluter Unvoreingenommenheit wirklich ALLES interessiert, der kann auf Zusammenhänge keine Rücksicht nehmen. Mit Kluges Tod, zehn Tage nach dem seines Freundes Jürgen Habermas und dem Hans Magnus Enzensbergers vor ein paar Jahren, ist unsere Verbindung zu einer Tradition kritischen Denkens und Schreibens endgültig gekappt – das 20. Jahrhundert ist nun wirklich vorbei.

Wolfgang Hottner, geb. 1987, ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Bergen, Norwegen