Trumps Zollpolitik: Ein Jahr „Liberation Day“: Wer feiert – und wer nicht

Vor einem Jahr kündigte Amerikas Präsident Donald Trump den „Tag der Befreiung“ an. Er verhängte Zölle auf Einfuhren von Freund und Feind. Bis heute ist unscharf geblieben, von welchem Joch das Land eigentlich befreit werden sollte. Dass Einfuhren die Freiheit einschränken, obwohl sie objektiv die Auswahl der Verbraucher erhöhen, versteht sich jedenfalls nicht von selbst.
Anders als Trump ankündigte, waren die Zölle nicht reziprok. Stattdessen orientierte die US-Regierung sie am bilateralen Warenhandelssaldo jedes Landes, bei einer Untergrenze von 10 Prozent. Das Problem: Bilaterale Handelssalden messen keine Handelshemmnisse. Die verhängten Zölle hatten nichts mit den tatsächlichen Handelsbarrieren zu tun. Als die USA eine unbewohnte, allerdings von Pinguinen bevölkerte Vulkaninsel mit Zöllen strafte, zeigt sich, wie handgestrickt die Vorgehensweise war.
Mehr als 50 Zolländerungen
Die Trump-Regierung zeichnet sich allerdings durch Beweglichkeit aus. Nach einer Analyse der überparteilichen Tax Foundation wurden die Zölle mehr als 50-mal geändert: Sätze wurden erhöht oder gesenkt, für immer mehr Produkte galten Ausnahmen. Ende 2025 betrafen die „Liberation Day“-Zölle nur noch 42 Prozent der amerikanischen Einfuhren. Der effektive Zollsatz war von seinem Höchststand von 21,5 Prozent auf immer noch historisch hohe 13,6 Prozent gefallen, bevor der Supreme Court am 20. Februar einem großen Teil der Zölle die Rechtsgrundlage entzog: Trump hatte sich Befugnisse angemaßt, die einem amerikanischen Präsidenten nicht zustehen.
Danach erließ er neue Zölle, in der Hoffnung, dass sie rechtssicherer seien. Die neuen Zölle senken das Belastungsniveau zunächst leicht, doch das kann sich bald wieder ändern. Dann sollen Übergangszölle durch Abgaben auf anderer, schwerer anfechtbarer Rechtsgrundlage ersetzt werden. Ungewissheit bleibt damit die Konstante dieser Zollpolitik. Das dürfte die Lust auf Investitionen dämpfen.
Was wird aus der US-Industrie?
Trump hat mit den Zöllen eine ganze Reihe großer Versprechen verknüpft. Das Handelsbilanzdefizit werde schrumpfen, die amerikanische Industrie neu erblühen, die sprudelnden Einnahmen würden die Staatsschulden senken und die Einkommensteuer ersetzen; mittelfristig würden Waren sogar billiger. Und zahlen werde das Ganze das Ausland.
Das Handelsbilanzdefizit im Güterhandel fiel 2025 so hoch aus wie nie zuvor. Und alle Studien kommen übereinstimmend zum Ergebnis, dass die Last überwiegend von Importeuren und den amerikanischen Verbrauchern getragen wird. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob Amerikas Industrie vor einer Renaissance steht. Auch 2025 setzte sich der Trend sinkender Industriebeschäftigung fort.
Die Zölle verhinderten nicht, dass zwischen April 2025 und Februar 2026 knapp 90.000 Industriearbeitsplätze verloren gingen. Zugleich setzt der Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) den Bau von Rechenzentren und Kraftwerken in Gang. Steigende Aktienkurse halten zudem den Konsum auf Touren. Einige Ökonomen und Investoren erwarten deshalb, dass Amerika an der Schwelle zu einer neuen industriellen Blüte steht – von der Luftfahrt über die Rüstung bis zu Biotech und Automatisierung. Manche ausländischen Investitionszusagen, die Trump als Früchte seiner Handelspolitik reklamiert, dürften auf dieser Erwartung beruhen.
Zölle brachten weniger ein als gedacht
Jedoch wäre eine mögliche Renaissance nicht die Folge der Zölle. Begünstigt würde sie vielmehr durch die neue Steuergesetzgebung sowie durch die Entschlossenheit der Trump-Regierung, KI kaum zu regulieren und Energie so billig wie möglich zu halten.
In einer Hinsicht hatte Trump recht, wenn auch nur halb. Die „Liberation Day“-Zölle erhöhten die Einnahmen des Finanzministeriums, sie sprudelten aber längst nicht so kräftig wie von ihm vorhergesagt. Die später gekippten Zölle brachten rund 170 Milliarden Dollar ein, doch die Staatsausgaben stiegen munter weiter wie auch die Staatsschulden. Unterdessen sieht sich der Fiskus wegen der rechtswidrigen Zölle mit gewaltigen Rückzahlungsforderungen konfrontiert.
Zum Gesamtbild gehört allerdings auch, dass sich die Vorhersagen vieler Ökonomen als zu pessimistisch erwiesen haben. Anders als prophezeit, ist von einer Rezession keine Spur. Die Inflation verharrt zwar hartnäckig auf über 2 Prozent, bricht aber bislang nicht nach oben aus. Amerika bleibt eine unverwüstliche, dynamische Volkswirtschaft, die sich immer wieder neu erfindet und selbst aus schlechter Politik noch das Beste macht.