Ernährungsscreening in Krankenhäusern kann Leben sichern
Jährlich sterben Tausende Menschen in Deutschland im Zusammenhang mit Mangelernährung. Besonders Ältere sind gefährdet. Ab 2027 soll ein verpflichtendes Screening in Krankenhäusern eingeführt werden – und Leben retten.
Mangelernährung ist ein unterschätztes gesundheitliches Problem. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) geht davon aus, dass in deutschen Krankenhäusern jährlich 200.000 Menschen im Zusammenhang mit Mangelernährung sterben. Insbesondere ältere und alte Menschen sind davon betroffen. Ein systematisches Ernährungsmanagement könnte demnach jährlich rund 55.000 Todesfälle vermeiden.
Der Bundestag hat nun mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz ein verpflichtendes Screening zur Erkennung von Mangelernährung in deutschen Krankenhäusern auf den Weg gebracht.
Wieso Ältere häufiger betroffen sind
Mangelernährung bedeutet, dass der Körper über längere Zeit zu wenig Energie oder zu wenig Eiweiß, Vitamine oder Mineralstoffe bekommt. Das kann auch Menschen mit normalem oder zu hohem Gewicht betreffen.
Dass ältere Menschen häufiger betroffen sind und sich oft nicht ausreichend ernähren, liegt zum Beispiel an Einsamkeit, fehlender Mobilität oder Medikamenten. Auch der Körper verändert sich: Häufig nimmt der Appetit ab, da die Fähigkeiten des Riechens und Schmeckens nachlassen oder Medikamente den Geschmackssinn verschlechtern. Hinzu kommt, dass der Energiebedarf bei älteren Menschen sinkt, es wird nicht mehr so viel Energie benötigt wie in jüngeren Jahren. Der Bedarf an Nährstoffen wie Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen allerdings bleibt gleich und kann bei einigen Krankheiten sogar steigen.
Circa fünf Prozent der zuhause lebenden älteren Menschen sind Angaben der DGEM zufolge von Mangelernährung betroffen. In Krankenhäusern oder Rehabilitationskliniken sind es sogar mehr als zwei Drittel der älteren Patienten, die mangelernährt sind.
Körperliche Folgen von Mangelernährung
Die Folgen von Mangelernährung bei älteren Menschen sind gravierend. Häufig ist es ein Teufelskreislauf: Ältere Menschen sind oft anfälliger für Krankheiten. Wenn erstmal eine Erkrankung vorliegt, ist es schwerer selbst zu agieren und sich gesundes und nährstoffreiches Essen zuzubereiten. Zunehmende Immobilität und Schwäche verstärken das Problem.
Der daraus entstehende Nährstoffmangel schwächt den Körper zusätzlich. Das Immunsystem wird schwächer, die Wundheilung verlangsamt sich und der Muskelabbau wird beschleunigt. Auch das Gehirn leidet unter der Mangelversorgung. Konzentrationsstörungen und Verwirrtheit nehmen zu. Wichtig ist, dass Angehörige, Pflegekräfte und Hausärzte stärker für Symptome sensibilisiert werden.
Neues Ernährungsscreening kann Leben retten
Der Deutsche Bundestag hat nun einen Beschluss gefasst: In Zukunft soll ein Screening zur Erkennung von Mangelernährung in allen deutschen Krankenhäusern Pflicht werden. Bis Ende 2027 soll der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) dazu eine Qualitätssicherungs-Richtlinie erarbeiten.
Voraussichtlich wird sich die Richtlinie besonders auf drei Aspekte konzentrieren: Patienten sollen bei der Einweisung ins Krankenhaus daraufhin untersucht werden, ob Mangelernährung vorliegt; Personal wird speziell geschult und eingestellt und es soll strukturierte Therapie- und Diätpläne bei Mangelernährung geben.
Gert Bischoff, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin betont, wie wichtig dieser Schritt sei. Ein verpflichtendes Ernährungsscreening könne dazu beitragen, betroffene Patientinnen und Patienten „frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu behandeln“.
Der Beschluss fiel am 6. März, die Vorlage dazu kam nicht von der Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), sondern von Fachpolitikerinnen, die den Vorschlag im Gesundheitsausschuss des Bundestages in das Gesetz verhandelten.
Lange überfälliger Meilenstein
Ernährungsfachleute und Mediziner begrüßen die Entscheidung. „Ein einfaches Screening und eine Abfrage, die wenige Minuten dauert, ist für den Patienten manchmal sogar lebensentscheidend“, so Geriater Martin Willkomm in der NDR-Sendung Visite. „Wenn ein Ernährungsdefizit nicht erkannt wird, dann können Sie noch so gute Medizin machen, Sie behalten einen erheblichen Risikofaktor für die Genesung durch eine Fehlernährung.“
Das Thema ist seit Jahrzehnten im Gespräch, doch lange wurde kaum etwas geändert. Auf ein verpflichtendes Ernährungsscreening müsste dann auch eine Verbesserung des Krankenhausessens folgen, fordern einige Experten – denn in vielen Kliniken enthält es kaum genügend Nährstoffe und Vitamine.
Schon 2019 hat der Schweizer Ernährungsmediziner und Internist Philipp Schütz als Ko-Autor die sogenannte EFFORT-Studie veröffentlicht, bei der 2.000 Menschen mit Mangelernährung im Krankenhaus untersucht wurden. Die Hälfte bekam die übliche Krankenhauskost. Die andere Hälfte wurde ernährungsmedizinisch betreut und bekam Mahlzeiten mit mehr Kalorien, Eiweiß, Vitaminen und Nährstoffen.
Das Ergebnis: Bei den Patientinnen und Patienten mit einer bedarfsgerechten Ernährung gab es deutlich weniger Komplikationen und Infekte. Ihr statistisch errechnetes Risiko, infolge ihrer Erkrankung zu sterben, war um 35 Prozent geringer.
Die Umsetzung wird eine Herausforderung
Einige Krankenhäuser untersuchen bereits jeden Patienten und jede Patientin auf Mangelerscheinungen, etwa das Universitätsklinikum in Hamburg. Üblich ist das aber noch nicht. Bis ein Screening auf Mangelernährung flächendeckend eingeführt wird und die Qualität des Krankenhausessens sich verbessert, wird es voraussichtlich noch dauern.
In vielen Kliniken fehlen qualifiziertes Personal und finanzielle Mittel für gesündere Lebensmittel und Essenskonzepte. Doch Philipp Schütz betont: „Es wird eindeutig an der falschen Stelle gespart. Wenn das Geld im Bereich Ernährungsmedizin eingesetzt wird, bringt das viel mehr Wirkung als in anderen Bereichen. Wir haben berechnet, dass wenn man die gesparten Komplikationen und die besseren Verläufe einrechnet, dann kommt eine Ernährungs-Intervention praktisch gratis und spart sogar Geld.“
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin schätzte die mögliche gesamtgesellschaftliche Ersparnis für das Jahr 2023 auf knapp 8,6 Milliarden Euro. Grund für das enorme Einsparpotenzial sind die Vermeidung von Folgekomplikationen und dadurch bedingte längere Krankenhausaufenthalte.
Source: tagesschau.de