Mächtige SLS-Rakete zu historischem Flug gestartet – Wettlauf mit China
Neue Ära der Raumfahrt: Erstmals seit Jahrzehnten sind wieder Menschen auf dem Weg Richtung Mond. Die „Artemis-2“-Mission gilt als Schlüsselprojekt – auch im geopolitischen Wettlauf mit China. Doch Technikrisiken und ehrgeizige Ziele setzen die Mission unter Druck.
Endlich ist die SLS-Rakete gestartet. Nach mehrmonatigen Verzögerungen ist die leistungsstärkste und teuerste Rakete der Nasa zu einer historischen Mission aufgebrochen. Um 18:35 Uhr Ortszeit hob die knapp 100 Meter hohe und 2.610 Tonnen schwere Rakete in einem Bilderbuchstart unter dem Jubel der Zuschauer vom Kennedy Space Center in Florida ab. An Bord vier Astronauten, die Geschichte mit der als „Artemis 2“ bezeichneten Mission schreiben sollen. Das große Ziel ist die Rückkehr des Menschen zum Mond, nach gut 50 Jahren.
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Der Flug verlief zunächst reibungslos. Kommandant Reid Wiseman meldete sich bereits kurz nach dem Start, dass alle Systeme wie geplant funktionierten.
Das auf zehn Tage veranschlagte Abenteuer soll den technologischen Grundstein für künftige Landungen und regelmäßige Flüge zum Mond für dessen permanente Besiedlung legen. Nach dem Start stehen für die Astronauten zunächst Systemchecks an, um die Technik zu prüfen. Das erste kritische Manöver der Mission ist etwa 25 Stunden nach dem Start und zwei Erdumkreisungen geplant: Die Zündung des Hauptmotors der Orion-Kapsel, mit der das Raumschiff auf die etwa viertägige Reise zum Mond gebracht wird.
Die Mission ist ein Testflug für das gesamte, etwa 93 Milliarden Dollar teure „Artemis“-Programm, mit dem die Amerikaner noch vor den Chinesen wieder bemannt den Mond betreten wollen. Zuletzt war die Besatzung von Apollo 17 im Dezember 1972 auf dem Mond. Seit nunmehr 53 Jahren hat kein Mensch mehr seinen Fuß auf die Oberfläche des Erdtrabanten gesetzt. Dabei gibt es inzwischen einen neuen Wettlauf zum Mond – nicht mehr wie einst zwischen den USA und der Sowjetunion, sondern zwischen Washington und Peking.
Diesmal geht es nicht mehr um Kurztrips, sondern um eine permanente Besiedlung und den Aufbau von Infrastruktur. Nach dem Willen des US-Präsidenten Donald Trump ist die Rückkehr von US-Astronauten zum Mond möglichst noch vor dem Ende seiner Amtszeit im Januar 2029 geplant. Seine Losung lautet: „Wir gehen zurück zum Mond – und diesmal bleiben wir.“
Vor Jahrzehnten war die Nasa beim ersten Wettlauf zum Mond risikofreudiger und die Großraketen starteten in kürzeren Abständen. Beispielsweise wagten die Amerikaner mit der Apollo 8-Mission 1968 gleich im ersten bemannten Versuch eine mehrfache Mondumkreisung. Diesmal ist bei der „Artemis 2“-Mission keine komplette Umkreisung des Erdtrabanten oder gar eine Landung vorgesehen, sondern nur ein Vorbeiflug auf der Rückseite des Mondes.
Die USA könnten ohnehin noch gar nicht landen, denn es gibt noch kein Vehikel dafür. Diese müssen erst noch von den Milliardären Elon Musk und Jeff Bezos entwickelt werden. Bei der jetzt geplanten halben Mondumkreisung wird der Funkkontakt zu den vier Astronauten mit dem Kommandanten Reid Wiseman (50), Pilot Victor Glover (49), der Missions-Spezialistin Christina Koch (47) und dem kanadischen Missions-Spezialisten Jeremy Hansen (50) für gut 40 Minuten abreißen. Der Kommunikations-Blackout ist kein Grund zur Aufregung, sondern Physik, weil der Mond auf seiner Rückseite die Funkwellen zur Erde blockiert.
Eine bemannte US-Mond-Landung ist nach jüngsten Planänderungen erst mit der „Artemis 4“-Mission geplant, die derzeit frühestens für 2028 vorgesehen ist. „Artemis 3“ soll entgegen ursprünglicher Planung noch nicht zum Mond fliegen. Vielmehr soll das Orion-Raumschiff in niedriger Umlaufbahn um die Erde mit einem der beiden kommerziellen Mondlandevehikel entweder von Elon Musk mit SpaceX oder von Jeff Bezos mit Blue Origin gekoppelt werden.
Die Nasa will mit dem zusätzlichen Testflug auf Nummer sicher gehen. Die Sicherheitsphilosophie der US-Raumfahrtagentur prägt ohnehin die gesamte jetzt gestartete „Artemis 2“-Mission. So sind mehr als drei Jahre seit der „Artemis 1“-Mission vergangen, als die schätzungsweise vier Milliarden Dolkar teure SLS-Rakete mit einer Orion-Kapsel und dem in Bremen bei Airbus montierten europäischen Servicemodul ESM abhob und in einer unbemannten Mission den Mond umkreiste.
Der Chef der europäischen Weltraumagentur ESA, Josef Aschbacher, betont immer wieder den Beitrag der Europäer zu den „Artemis“-Missionen. Auf der Rakete prangt nicht nur das Logo der Nasa, sondern auch der ESA. „Artemis 2“ sei ein „Meilenstein-Moment für die menschliche Exploration und für die Rolle, die Europa dabei spielt, die Menschheit auf den Mond zurückzubringen“, sagt Aschbacher. Ohne die europäische Technik des Servicemoduls könnten die Amerikaner die Rückkehr zum Mond nicht bewerkstelligen.
Die Flugbahn der Kapsel hat die Nasa sehr raffiniert ausgetüftelt. Sie ähnelt der Ziffer acht zwischen Erde und Mond. Geplant ist ein sogenannter Lunar Flyby, ohne Eintritt in eine Mondumlaufbahn. Die Crew fliegt einmal um den Mond halb herum und wird durch dessen Schwerkraft direkt zurück zur Erde geschleudert.
Dieses Manöver rettete 1970 als damalige Notlösung die Besatzung von Apollo 13, als ein Sauerstofftank im Servicemodul explodierte. Die Orion-Kapsel bei der „Artemis“-Mission soll sich bis auf 402.000 Kilometer von der Erde entfernen, die größte jemals von Menschen zurückgelegte Distanz. Dem Mond soll sich die Kapsel bis auf etwa 4.600 Kilometer nähern.
Ob die jetzt gestartete „Artemis 2-Mission“ ein Erfolg wird, ist bis praktisch zur letzten Minute unsicher. Zu den Verzögerungen des Vorhabens hat nämlich eine unerfreuliche Entdeckung nach der Landung der Kapsel der „Artemis 1“-Mission im Pazifik beigetragen. An über 100 Stellen wurde unerwartetes Abplatzen des Hitzeschilds der Kapsel ermittelt. Die Schäden lagen zwar innerhalb der Sicherheitsgrenzen, wurden aber als Risiko für bemannte Flüge identifiziert.
Durch eine Änderung des Flugprofils soll bei der jetzt gestarteten Mission das Hitzeschildrisiko minimiert werden. Die Kapsel tritt mit etwa 40.000 km/h in die Erdatmosphäre ein, ein Rekordwert. Voraussichtlich am 10. April soll die Kapsel dann etwa 80 Kilometer vor der Küste von San Diego in Kalifornien im Pazifik wassern.
Source: welt.de