Wechsel in die Wirtschaft: Der letzte Finanzminister von Olaf Scholz wird wieder Banker

Jörg Kukies ist in Deutschland eine Rarität. Die hierzulande seltenen und oft mit etwas Argwohn begleiteten Jobwechsel zwischen Wirtschaft und Politik vollzieht er mit Leichtigkeit, und das ausgerechnet auch noch mit SPD-Parteibuch.
Jetzt geht Kukies, nach dem Ausscheiden der FDP aus der Regierung der letzte Finanzminister der Restampelregierung aus SPD und Grünen, enger Weggefährte des früheren Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) und früherer Ko-Deutschlandchef der amerikanischen Bank Goldman Sachs, nach sieben Jahren in der Bundespolitik zurück ins internationale Bankgeschäft. Der gerade 58 Jahre alt gewordene gebürtige Mainzer wechselt zur US-Investmentbank Morgan Stanley und übernimmt dort Aufgaben zunächst von Mai an in London. Von November an solle Kukies dann mit Sitz in Frankfurt Deutschlandchef und Vorsitzender der Geschäftsleitung der Morgan Stanley Europe SE werden, teilte die US-Bank am Mittwoch mit.
Antritt nach Karenzzeit
Wie das „Manager Magazin“ zuvor berichtet hat, musste das Bundeskabinett am Mittwoch noch entscheiden, wann Kukies die neue Aufgabe in der Wirtschaft antreten darf. Üblich ist eine Karenzzeit („Cooling-off“) von zwölf bis achtzehn Monaten, die verhindern soll, dass ehemalige Regierungsmitglieder etwa Insiderwissen zu ihrem neuen Arbeitgeber weitertragen. Kukies beginnt daher zunächst für Morgan Stanley mit Dienstsitz in London, erst nach achtzehn Monaten darf er von Frankfurt aus arbeiten.
Spekulationen, was Kukies künftig machen würde, gehörten in den vergangenen Monaten zu den größten Tuschelthemen am Finanzplatz Frankfurt. Schließlich ging es für ihn in Berlin nach der Bundestagswahl im März 2025 nicht mehr weiter, als SPD-Parteichef Lars Klingbeil das damals von Kukies als Minister geführte Bundesfinanzministerium übernahm.
Dorthin hatte zuvor Olaf Scholz seinen engsten Wirtschaftsberater geschickt, nachdem er Christian Lindner (FDP) im November 2024 entlassen hatte. Kukies, damals Staatssekretär im Bundeskanzleramt, kannte das Haus, für das er schon vor der Ampelregierung drei Jahre als Staatssekretär gearbeitet hatte. Auch hat die SPD wohl niemanden in ihren Reihen, der sich in internationalen Finanzmarktfragen so gut auskennt wie der frühere Investmentbanker Kukies.
Zeitweise als Bahnchef gehandelt
Daher hielten ihn viele Beobachter jetzt für prädestiniert für eine internationale Aufgabe, etwa in Brüssel, in der Weltbank oder in der Osteuropabank EBRD. Tatsächlich hätte das gut gepasst zu diesem in Deutschland so seltenen Typ des Grenzgängers zwischen Politik und Wirtschaft. Im Mai 2025 wurde Kukies auch als Nachfolger von Richard Lutz als neuer Chef der Deutschen Bahn gehandelt.
Doch jetzt hat Kukies sich anders entschieden: Sein neuer Arbeitgeber Morgan Stanley steht zwar in der öffentlichen Wahrnehmung etwas im Schatten von Kukies’ früherem, also Goldman Sachs. Aber die US-Bank ist mit einem Börsenwert von 250 Milliarden Dollar etwa fünfmal so wertvoll wie die Deutsche Bank, und sie spielt auch seit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union in Frankfurt eine größere Rolle.
Allerdings sucht Deutschlandchef André Munkelt, der im Juni 2024 die Nachfolge von Oliver Behrens als Chef der in Frankfurt angesiedelten Morgan Stanley Europe Holding SE antrat, selten den Weg in die Öffentlichkeit. Insofern kann Morgan Stanley einen versierten Investmentbanker mit Politikerfahrung wie Kukies bestens gebrauchen.
Kukies’ bisherige Karriere in der Wirtschaft führte ihn bis auf den Posten des Ko-Deutschlandchefs der US-Investmentbank Goldman Sachs (2014 bis 2018); bis heute ist er immer wieder in den Vereinigten Staaten, was kein Wunder ist, denn er wuchs als Sohn eines IBM-Managers zeitweise in Kalifornien auf und studierte unter anderem an der Ostküste in Harvard. In der Politik begann er früh in der SPD, war in den Neunzigerjahren Vorgänger von Andrea Nahles als Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation (Jusos).
Bis heute ist der glühende Anhänger des Bundesligavereins FSV Mainz 05 in der rheinland-pfälzischen SPD ein gefragter Gesprächspartner, gerade nach der verlorenen Landtagswahl. Die Nähe Frankfurts zur rheinland-pfälzischen Heimat und gleichzeitig die internationale Aufgabe in der US-Bank dürften eine Rolle gespielt haben, warum Kukies sich für Morgan Stanley entschieden hat, um dort seine Karriere fortzusetzen.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes haben wir Jörg Kukies fälschlicherweise als „letzten Finanzminister der Ampel“ bezeichnet. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.