Die Deutschen und ihre GÄRTEN: Blumenbeet statt Yogamatte
Der Winter geht, der Frühling kommt. Wer ein Haus mit Garten hat, für den heißt das: Jetzt gibt es viel zu tun. Neben dem Herbst sind die Monate von März bis Mai die Zeit im Jahr, in denen sich die Menschen ihren Gärten am stärksten widmen. Bäume und Sträucher werden zurückgeschnitten und neue gepflanzt, es wird ein weiterer Anlauf unternommen, den vermoosten Rasen mit dem Vertikutierer in Schuss zu bringen, Beete wollen gedüngt, die Radieschen ausgesät werden.
Die Deutschen und ihre Gärten, das ist ein vielschichtiges Thema. Und eines, an dem Menschen vom Fach manchmal verzweifeln können. „Der Engländer kennt den Namen der Pflanze, der Deutsche den Preis“, beklagte die Gartenarchitektin Gabriella Pape, die lange in Großbritannien gelebt und gearbeitet hat, einmal im Interview mit der F.A.S.
Vor „Gärten des Grauens“ wiederum gruselt sich regelmäßig der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Gemeint sind damit die weitgehend toten Schotter- und Steinwüsten vor so mancher deutscher Haustür. Und auch was der Zentralverband Gartenbau (ZVG) zu berichten hat, klingt wenig erbaulich: „Die aktuellen Marktdaten zeigen deutlich, dass sich der Markt für Blumen und Zierpflanzen auch 2025 nicht aus der Schwächephase lösen konnte“, vermeldete der Verband kürzlich.
Während der Covid-Pandemie, die das ganze Land weitgehend in die häusliche Quarantäne zwang, stiegen die Ausgaben für den Garten. Doch in den Jahren seither ist das Geschäft entweder stagniert oder geschrumpft. Sieben Prozent weniger Umsatz mit Beet- und Balkonpflanzen verbuchte die Branche vergangenes Jahr. So gesehen sind die Gärten der Deutschen ein Spiegelbild der deutschen Volkswirtschaft insgesamt, die ja auch eher Schotterbeet als blühender Staudengarten ist.
Man sehe „Potential“, aber entscheidend werde sein, dass das Vertrauen der Verbraucher zurückkehre, diagnostiziert der Gartenbauverband und beobachtet eine „Verunsicherung der Kunden“. Wegen der zähen Wirtschaftsflaute sparten die Deutschen leider auch hartnäckig am Kauf von Blumenzwiebeln, Rasenmähern und Heckenscheren.
Dabei gibt es in Deutschland Schätzungen zufolge mehr als 16 Millionen private Gärten – und viele davon haben eine durchaus stattliche Größe. Fast ein Drittel der Gartenbesitzer kommt auf eine Fläche von 100 bis 500 Quadratmeter, jeder Siebte treibt einen noch größeren Garten um. Anders als man meinen könnte, sind es keineswegs vor allem Familien mit Kindern, die das Häuschen mit eigenem Grün bewohnen. Im Gegenteil: Nur ein Viertel der Gartenbesitzer hat Kinder. Am beliebtesten ist der eigene Garten dagegen bei kinderlosen Paaren und bei Singles.
Und wie wünschen sich die Deutschen ihren Garten? „Klassisch“, antworten viele. Und was auch immer man darunter verstehen mag, dazu passt ganz gut, dass die Rose die populärste Blume in den Beeten ist. Und die Pflanzen sollen offenkundig möglichst natürlich sprießen, die Kunstdüngerfraktion ist klar in der Minderheit, mehr als zwei Drittel düngen entweder gar nicht oder nur mit natürlichen Mitteln.
Gärten scheinen außerdem eine Oase der inneren Ausgeglichenheit zu sein. Glaubt man einer Umfrage des Gartenwerkzeugherstellers Fiskars, dann halten 90 Prozent der Deutschen Gartenarbeit für entspannender als Yoga. Kleine Ungereimtheit am Rande: Einer anderen Erhebung zufolge betreiben nur gut 15 Prozent der Deutschen Yoga, die anderen 85 Prozent können also streng genommen Blumenbeet und Yogamatte aus eigener Erfahrung gar nicht vergleichen. Aber eine Meinung dazu kann man ja trotzdem haben.
Interessant sind auch Befragungen dazu, warum den Deutschen die Gartenarbeit Spaß macht. Einige Antworten sind erwartbar: Die Hobbygärtner genießen es, an der frischen Luft zu sein, sich körperlich zu betätigen und sich mit der Natur zu beschäftigen. Aber der Garten ist ganz offensichtlich auch Trostspender in ungewissen Zeiten. Zwei Drittel der Befragten freuen sich schlicht und einfach daran, in den eigenen Beeten Pflanzen „gedeihen und wachsen zu sehen“.
Und geradezu ins Tiefenpsychologische reicht eine andere Antwort: 58 Prozent geben an, die Gartenarbeit mache ihnen auch deshalb Freude, weil sie einen „sichtbaren Erfolg durch Ordnung“ bringe. Einmal ganz entspannt den Rechen geschwungen und das welke Laub in den Biomüll geschafft – und schon sieht der Rasen, obwohl er lange nicht gemäht wurde, wieder ganz annehmbar aus. Schade eigentlich, dass sich nicht alles im Leben so gelassen und simpel in Ordnung bringen lässt.
Apropos Gelassenheit: Immer häufiger kaufen sich deutsche Gartenbesitzer große und kleine Buddhafiguren. Mittlerweile stünden sie in mehr als jedem fünften Garten, so will es der Gartengerätehersteller Gardena herausgefunden haben. Kritiker verachten die Garten-Buddhas als kulturelle Aneignung und Banalisierung von Religion. Weitaus unverfänglicher ist da der harmlose Gartenzwerg, der noch immer in drei von zehn deutschen Gärten heimisch ist.