„Krieg kann schnell völlig außer Kontrolle geraten“ – so kommentiert die internationale Presse
Die internationale Presse urteilt kritisch über ein mögliches Kriegsende im Iran. Die „Washington Post“ hält Optimismus für verfrüht, Zeitungen aus Frankreich und Italien sehen die Europäer in der Pflicht, das Chaos zu beseitigen.
US-Präsident Donald Trump hat ein baldiges Ende des seit gut fünf Wochen andauernden Kriegs gegen den Iran in Aussicht gestellt. „Wir werden sehr bald abziehen“, sagte Trump am Dienstagabend vor Journalisten im Weißen Haus. Dies könne innerhalb von zwei oder drei Wochen geschehen. Auch ein Abkommen mit dem Iran sei nicht nötig.
Weltweit reagierten die Börsen mit deutlichen Kursgewinnen auf Trumps Ankündigung. Ob und in welchem Umfang der Iran Schiffen die Passage durch die Straße von Hormus wieder gestattet, ist aber nach wie vor unklar. Die internationale Presse urteilt kritisch über den von den USA und Israel geführten Militäreinsatz.
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„Wall Street Journal“ (USA)
„Die Aktienkurse stiegen am Dienstag nach Bekanntwerden von Informationen aus dem Weißen Haus, wonach Präsident Trump den Krieg im Iran beenden könnte, ohne die Straße von Hormus wieder zu öffnen. Die Marktreaktion könnte Trump in dem Glauben bestärken, er sei auf dem richtigen Weg, doch für ihn und die USA steht in der Straße von Hormus mehr auf dem Spiel, als er zugibt. (…)
Optimisten sagen, die Straße von Hormus werde sich nach dem Ende der Bombardierungen von selbst wieder öffnen, da der Iran und seine Nachbarn ein Interesse an der Wiederherstellung des Schiffsverkehrs hätten. Das ist unbestreitbar, und vielleicht reicht das sogar aus, um den Vorkriegszustand wiederherzustellen.
Der Iran wird jedoch bewiesen haben, dass seine Fähigkeit, die Meerenge zu bedrohen, real ist. Er könnte dazu übergehen, von Ländern eine „Gebühr“ – eine Abgabe oder das Versprechen, nicht mit den USA zusammenzuarbeiten – zu verlangen, damit deren Schiffe passieren dürfen. Die andere Frage ist, was ein faktisches Veto des Irans gegen den Schiffsverkehr im Persischen Golf über die Glaubwürdigkeit der US-amerikanischen Abschreckung sagt. Ein Kriegsende mit geschlossener Straße von Hormus würde bedeuten, dass Irans Strategie, dem Westen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, zumindest teilweise erfolgreich gewesen wäre.“
„Politiken“ (Dänemark)
„Trumps Traum von einem leichten Sieg ist verpufft, und gerade besteht die Gefahr, dass der Krieg weiter eskaliert. Die USA schicken Tausende von Soldaten in die Golfregion und drohen mit einer Invasion von Teilen des Iran – möglicherweise der Insel Kharg, die für den iranischen Ölexport entscheidend ist. Der Iran seinerseits scheint es nicht eilig zu haben, Frieden zu schließen. Im Gegenteil, das Regime fordert nun eine dauerhafte Zollregelung für Schiffe, die die Straße von Hormus passieren. Israel wiederum wirkt völlig gleichgültig gegenüber dem Chaos und dem Leid, das seine endlosen Kriege verursachen.
Alle Seiten spielen mit dem Feuer. Der Krieg kann schnell völlig außer Kontrolle geraten und sowohl den Iran als auch Israel und die USA noch tiefer in den Abgrund ziehen. Als Hauptaggressor liegt die Verantwortung für das Beenden der Krise klar am stärksten bei den USA. Donald Trump ist nicht gerade als große Leseratte bekannt, aber vielleicht sollte er sich doch ein wenig über den Vietnamkrieg – und den im Irak und in Afghanistan – informieren. Der Iran-Krieg gleicht immer mehr dem Beginn eines langwierigen Konflikts, den die USA nicht gewinnen können, aber auch nicht zu beenden wissen.“
„Corriere della Sierra“ (Italien)
„Der ‚Blitzkrieg‘, den Trump zum Zeitpunkt des Angriffs angekündigt hatte (…), zieht sich in die Länge, ohne dass absehbar ist, wann er enden könnte. Die Bürger sind verängstigt und zudem erschöpft von einer wirtschaftlichen Lage, die sich mit dem täglichen Preisanstieg weiter verschärft. Wenn man den Kurs umkehren will, muss man dies unter Beweis stellen, indem man sich wirklich vom „amerikanischen Freund“ distanziert, aber auch vom israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu.
Stattdessen ist es nun notwendig, eine Strategie mit den europäischen Partnern abzustimmen, der Versuchung zu widerstehen, den USA und Israel erneut die Hand zu reichen. (…) Um den Krieg zu beenden, natürlich. Aber auch, um zu zeigen, dass Italien nicht untergeordnet ist und den Drohungen derer nicht nachgibt, die Konflikte entfachen, das Völkerrecht verletzen und ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgen.“
„L’ Est Républicain“ (Frankreich)
„Donald Trump beginnt, ‚seinen‘ Krieg satt zu haben. Je länger die ‚triumphale‘ Kampagne im Iran andauert, desto mehr beginnt der launische US-Präsident, sein Spielzeug zu zerbrechen und nach Schuldigen zu suchen. (…) Manche werden argumentieren, dass diese Strategie der Machtdemonstration darauf abzielt, Teheran zum Einlenken zu zwingen. Bislang hat sie jedoch vor allem den gegenteiligen Effekt: eine Verhärtung der Haltung des iranischen Regimes, zunehmende regionale Spannungen und Besorgnis bei den Verbündeten. (…)
Es ist an den anderen, vor allem an den Europäern, das Chaos, das im Iran hinterlassen wurde, zu beseitigen und aufzuräumen. Eine Prahlerei? Nein, eine Warnung: Wenn ihr Öl wollt, dann sorgt dafür, dass die Straße von Hormus wieder frei wird!
So sieht die Lage der Welt nach mehr als einem Monat „epischer Wut“ aus. Der Bewohner des Weißen Hauses ist mehr denn je Opfer seiner kindischen Triebe. (…) Mit dem Versprechen, den Iran im Falle eines fehlenden Abkommens ‚dem Erdboden gleichzumachen‘, würde er alles ins Visier nehmen: Infrastruktur, Stromversorgung, Raffinerien, den Zugang zu Wasser. Nichts dürfte seiner Rache entgehen. Nichts, außer dem Wesentlichen: dem gefährlichen Atomprogramm und dem Versprechen, das Leben der unterdrückten Iraner zu verändern.“
„Neue Zürcher Zeitung“ (Schweiz)
„Offiziell hat die Regierung Trump stets beteuert, keine ‚boots on the ground‘ – keine Militäraktion an Land – vorzusehen. Das diente zur Beruhigung der Öffentlichkeit. Doch die Verlegung von Bodentruppen spricht eine andere Sprache. Trump will sich offenkundig zumindest die Option verschaffen, an Land zuschlagen zu können. Entsprechende Gedanken verhehlt der Präsident nicht einmal.
In einem Interview sagte er diese Woche, dass seine bevorzugte Variante wäre, Irans Öl in Besitz zu bringen, unter anderem mit der Eroberung der Insel Kharg. Dort werden 90 Prozent der iranischen Erdölexporte abgewickelt. (…) Die Besetzung von Kharg könnte dann einen Sinn ergeben, wenn die Amerikaner diese Insel als Faustpfand für Verhandlungen mit Teheran einsetzen wollen. Aber eine ständige militärische Präsenz auf diesem nur 30 Kilometer vom Festland entfernten Territorium wäre mit erheblichen Risiken verbunden. Iranische Artillerie oder Drohnen könnten den amerikanischen Truppen herbe Verluste zufügen. Gefährdet wären auch die Versorgungsschiffe auf der Route durch den Persischen Golf. (…)
Nüchtern betrachtet, sind die amerikanischen Marines, Luftlandesoldaten und Spezialkräfte derzeit vor allem ein Teil der Drohkulisse und später allenfalls ein Mittel, um die Schifffahrt durch die Straße von Hormus abzusichern. Hat Trump hingegen allen Ernstes vor, iranisches Territorium zu besetzen, geht er ein unkalkulierbares Wagnis ein.“
dpa/sebe
Source: welt.de